Kirchheim RHEINPFALZ Plus Artikel Im barocken Elysium an der Weinstraße

Solistin Marie Luise Werneburg (Sopran links), Dominik Wörner, (Bass rechts), in der Mitte am Cembalo der Dirigent Florian Heyer
Solistin Marie Luise Werneburg (Sopran links), Dominik Wörner, (Bass rechts), in der Mitte am Cembalo der Dirigent Florian Heyerick.

Zum Abschluss der 2. Sommeredition präsentierte der Kirchheimer Konzertwinter ein weiteres Kantaten-Projekt aus dem Werkkatalog des großen Darmstädter Barock- Komponisten Christoph Graupner.

Der Kirchheimer Konzertwinter – seit mehr als drei Dekaden ein Markenzeichen hochklassiger Konzertkultur, auch und gerade in der Pfälzer Provinz – prunkte in diesem Jahr zum zweiten Mal erfolgreich mit einer Sommeredition. Und die krönte am Wochenende, mit einem Programm im Doppelpack, wieder einmal eine Werkfolge aus dem üppigen Fundus des barocken Darmstädter Hofkomponisten Christoph Graupner, der seit 2018 – etwas salopp formuliert – in der Kirchheimer St. Andreaskirche quasi zum guten Ton gehört. Will sagen, man lässt dem üppigen kompositorischen Erbe des erst vor wenigen Jahrzehnten wie Phönix aus der Asche des Vergessens empor geholten Tondichters nach Jahrhunderten Überfälliges angedeihen: Man führt ihn endlich wieder auf.

Was für eine Wunderwelt eröffnet sich den Hörenden da ein ums andere Mal! Diesmal hatte Festival-Kurator Dominik Wörner gemeinsam mit Florian Heyerick, dem Graupner-Experten schlechthin, aus den mehr als 1000 bislang katalogisierten Kantaten-Kompositionen des Bach-Zeitgenossen fünf frühe Werke für Sopran und/oder Bariton und Orchester aus dem liturgischen Osterkreis ausgesucht. Preziosen, die jenseits ihres musikalischen Hochkarats auch durch das dichterische Profil ihrer Texte aufmerken lassen. Ihr Autor, Georg Christoph Lehms, der auch für Joh. Seb. Bach Kantaten-Texte lieferte, war zu Beginn des 18. Jahrhunderts bis zu seinem frühen Tod mit nur 33 Jahren ebenfalls am Darmstädter Hof angestellt.

Hochemotionale Lyrik

Dessen bildhafte, teilweise hochemotionale christliche Lyrik um die Seele und ihren Erlöser transformiert Christoph Graupner in ein musikalisches Diktum von überwältigender Wucht; er tastet sie ab nach all ihren innewohnenden Befindlichkeiten, gebraucht dazu formal allerlei Spielarten jenseits gängiger Norm; setzt Rezitativ mal secco, mal begleitet ein, führt die Solostimmen – in diesem Fall Sopran und Bariton – als alleinige, im Duett oder dialogisierend vor, ordert über Streichern und Continuo mal eine Solo-Oboe, mal ein Fagott zum Duettieren mit dem Solisten. Figurale Üppigkeit und schmachtender Schmelz – alles ist da und punktgenau dem Wortgehalt der zugrundeliegenden Poesie abgelauscht.

Für die Sopranistin Marie Luise Werneburg – sie zählt unter anderem zu den Top-Stars der internationalen Alte-Musik-Szene – und Dominik Wörner, jenseits der Leitung des Festivals als gefragter Bass-Bariton vielfach im In- und Ausland unterwegs, bedeuteten die drei Dialog-Kantaten nebst jeweils einer reinen Solokantate zunächst einmal viel Notentext in einer durchweg figuralen und vor harmonischen Rückungen und Konzentrationsfallen nur so strotzenden kompositorischen Struktur. Absolute stimmtechnische Präsenz war da gefragt, die bei Wörner teils lichte tenorale Höhen auslotete. Eloquenz, sorgsamste Gestaltung jeder noch so marginal erscheinenden Phrase und eine völlig barrierefreie Übereinkunft mit dem fantastischen Instrumentalkollektiv bescherten puren Genuss.

Kantaten fast wie Opern

Die samtweiche, in den Höhen herrlich erblühende und in purer Schönheit vital das breite emotionale Graupner-Spektrum abtastende Sopranstimme von Werneburg, der markante, über ein schier unerschöpflich anmutenden Arsenal an stimmlichem Ausdruck gebietende Bariton von Dominik Wörner zelebrierten die Kantaten-Folge fast wie ein kleines Opern-Spektakel – es waren fesselnde Botschaften, die da in Gestik, Mimik und absolut hinreißender stimmlicher Eleganz über die Rampe geschickt wurden; ein sakraler Krimi von äußerster Suggestivkraft.

Dritte Komponente im Reigen exklusiver Güte war das interkontinentale Kirchheimer Bach Consort mit Arwen Bouw und Sabine Stoffer, Violinen, Nadine Henrichs Viola, Johannes Berger, Violoncello, Armin Bereiter, Violone, Andreas Gräsle, Orgel, Amy Power, Oboe, und Miho Fukui, die sowohl die Oboe als auch das Fagott bespielte. Florian Heyerick, der große flämische Graupner-Forscher, dirigierte vom Cembalo aus und organisierte Präzision und klangliche Balance aufs sorgsamste. In funkelnder, kraftvoller und zugleich hochinspirierter Diktion.

Wer’s am Samstagabend oder Sonntagnachmittag versäumt haben sollte, darf sich auf die Hörfunkübertragung freuen, der SWR hat aufgezeichnet, noch ohne Angabe des Sendetermins. Und zudem soll auch dieses Programm wieder auf Tonträger gebannt werden.

x