Segelfliegen
Fliegen barrierefrei: Wie ein Rollstuhlfahrer den Himmel erobert
Segelfliegen für Menschen mit Gehbehinderung – geht das? Dass es sogar gut geht, zeigt Harald Weber aus Quirnheim, der seit Jahrzehnten im Rollstuhl sitzt.
Weber ist in Quirnheim aufgewachsen und begann bereits im Alter von 15 Jahren mit dem Segelflug. „Bevor die Flugzeughalle auf unserem Flugplatz gebaut wurde, standen die Flugzeuge im Bauernhof der Familie Eymann, deren Sohn Ernst ist mein Cousin“, berichtet Weber. Ernst und er seien als Kinder schon „ein Herz und eine Seele“ gewesen, seien praktisch zusammen aufgewachsen und so sei er auch schon früh mit dem Fliegervirus infiziert worden. Als Kind sei er immer schon mal mitgeflogen, die Fliegerausbildung habe er mit 15 Jahren praktisch zeitgleich mit seiner Ausbildung zum Maurer in der BASF begonnen und diese auch von seinem Ausbildungsgehalt selbst finanziert.
Das Leben auf den Kopf gestellt
„Im Alter von 18 oder 19 Jahren veränderten sich dann meine Prioritäten schlagartig, auf einmal waren Fußball und Motorradfahren, aber vor allem auch die Mädchen für mich wichtiger“, erinnert er sich lachend. Dann habe er geheiratet, zwei Kinder kamen auf die Welt, beruflich bildete er sich weiter zum Maurermeister und schließlich zum Hochbau-Techniker, bevor 1988 eine Operation wegen eines Rückenmarktumors sein Leben auf den Kopf stellte, denn ab diesem Moment saß er im Rollstuhl.
Heute sagt der 64-Jährige, er habe Glück gehabt. Glück gehabt, obwohl er im Rollstuhl sitzt? „Ja, ich hatte Glück, denn ich konnte meinen Beruf weiter ausüben, meine Familie hielt Stand, alles war stabil“, betont er. 1994 habe er zum ersten Mal mit seinem Cousin Ernst Eymann ein Rolli-Fliegertreffen besucht und dort erfahren, dass der Flugsport als Rollifahrer durchaus ausgeübt werden kann. „Beim Segelflieger wird beispielsweise eine Handsteuerung für das Seitenruder eingebaut, das normalerweise mit den Füßen gesteuert wird und eine Sturzflugbremsenverriegelung, die rastbar in verschiedenen Positionen ist“, beschreibt er das Procedere. Ernst habe damals direkt gesagt: „Das machen wir auch.“
Handsteuerung macht’s möglich
Gesagt, getan. So sei die ASK 21, das Schulungsflugzeug des Luftsportvereins Grünstadt, über Winter 1995 entsprechend umgebaut worden, so dass Weber ab 1996 seine Flugausbildung neu begann und auch den Flugschein machte. „Ich war ja früher schon geflogen und stellte damals fest, fliegen ist wie Fahrradfahren – das verlernt man nicht – und so konnte ich nach nur zwölf Starts wieder alleine fliegen mit Auftrag des Fluglehrers, 1998 erhielt ich die Fluglizenz für Segelflieger“, erzählt der Rolli-Flieger.
Zwei Jahre später habe der Verein eine zweite Maschine gekauft, die bereits über eine Handsteuerung verfügte, den Hochleistungsdoppelsitzer Duo Discus, der als Strecken- und Wettbewerbsflugzeug verwendet wird. „Ab diesem Zeitpunkt konnte ich nicht nur mit dem Schulungsflugzeug Kurzstrecken fliegen, sondern auch Streckenflüge über längere Distanzen“, erklärt Weber und ergänzt: „Das Schöne am Streckenflug ist, dass du alleine entscheidest, wohin und wie weit du fliegst, erst vor zwei Wochen bin ich rund 600 Kilometer in sechs bis sieben Stunden geflogen“, erinnert er sich. Besonders sei das Fliegen für ihn 2014 in einem Urlaub mit Ernst Eymann in Namibia gewesen. „Dort sind wir einmal 1100 Kilometer mit dem Segelflieger in sechs bis sieben Stunden geflogen, allerdings in einer Höhe von bis zu 5000 Metern, ab 3000 Metern braucht man Sauerstoff“, erzählt er.
Gelebte Inklusion
Das Abenteuer Afrika sei sehr außergewöhnlich, da dort besonders gute thermische Bedingungen herrschten. „Der Flugsport ist auf jeden Fall geeignet für Menschen mit Gehbehinderungen, allerdings muss die restliche körperliche Konstitution – wie bei einem Nicht-Behinderten – einfach top sein, damit das Medical, die ärztliche Bescheinigung für Fliegertauglichkeit überhaupt ausgestellt werden kann“, betont er.
Mit Flugsport meine er keinesfalls ausschließlich die Segelfliegerei, sondern beispielsweise auch Ultraleichtflugzeuge, Drachenflieger, selbst Fallschirmspringen sei mit Behinderungen möglich. In seinem Verein werde Inklusion gelebt. „Denn anders als bei anderen Sportarten kommt es nicht darauf an, wer am stärksten ist, am höchsten oder weitesten springen kann, bei uns siegt der, der sich engagiert, der Biss hat und vor allem der, der sich in die Gemeinschaft einfügt und sich in der Gemeinschaft wohlfühlt – da spielen körperliche Handicaps keine Rolle“, betont Weber und ergänzt: „Und wenn du fliegst, ist da oben sowieso alles barrierefrei, da gibt es keine Treppen, keine Hindernisse und du vergisst die Umstände, die am Boden existieren – das ist Fliegen pur.“
Internet:
www.luftfahrtverein-gruenstadt.de
www.rolliflieger.de