Frankenthal Zwei Welten

Mit den Gesamteinspielungen der Streichquartette von Schostakowitsch und Mendelssohn hat das Mandelring Quartett Maßstäbe gesetzt. Jetzt legt das Neustadter Ensemble eine CD mit Kammermusik von Johannes Brahms vor. Seine beiden Streichquintette spielte es im Frühjahr 2016 im Konzertsaal der Abtei Marienmünster ein.
Frappierend bruchlos hat das Mandelring Quartett die Neubesetzung 2016 mit Andreas Willwohl vollzogen. Den langjährigen Kammermusikpartner Roland Glassl bindet es weiterhin in die ehrgeizigen musikalischen Projekte ein. Wie pudelwohl sich die fünf Musiker dabei fühlen, zeigt die Aufnahme. Zwei Quintette, zwei Welten: auf der einen Seite das fröhlich-frische, Wiener Frühlingsluft atmende Quintett in F-Dur; auf der anderen das fast schon orchestral anmutende, große Klangflächen projizierende in G-Dur. Das erste schrieb Brahms 1882 auf dem Höhepunkt seiner Karriere, das zweite 1890, als der 57-jährige Rauschebart sich eigentlich kompositorisch verabschieden wollte. Glückliche Tage scheint Brahms 1882 in Bad Ischl verbracht zu haben. Wir erleben das einleitende Allegro non troppo ma con brio als eine Liebeserklärung an das Leben im Allgemeinen und an den Frühling im Besonderen. Wunderbar warm und kristallklar ist der Sound von Sebastian, Nanette und Bernhard Schmidt und den beiden Violaspielern. Wo bleibt angesichts dieser berückend eleganten Geschmeidigkeit der ruppige Brahms? „Gemäßigte Tempi, warme Empfindung und vollste Klarheit waren ihm stets die Hauptsache“, schrieb Alwin von Beckerath nach einer seiner Aufführungen mit weiteren Brahms-Freunden im Hause des Meisters, nachdem der Gastgeber die rasante Wiedergabe des Schlusssatzes mit den Worten „Das ging aber flott!“ moniert und eine langsamere Fassung gefordert hatte. An der Tempogestaltung der vorliegenden Aufnahme hätte er zweifellos seine Freude gehabt, denn den fünf Musikern gelingt eine ausgezeichnete Balance zwischen wirkungsvoller Virtuosität und rechtzeitigem Innehalten. Elektrisierend ist das Quintett in G-Dur, bei dem die Interpreten geradezu verschwenderisch Wiener Praterluft verströmen. Der berühmte Wiener Walzer lässt im ersten Satz grüßen, fast schon impressionistisch wirken die flirrenden Tremoli, zigeunergleich die Seufzerketten des Primarius im zweiten Satz, gespenstisch das versunkene Spiel im gerade noch hörbaren Pianissimo-Bereich – die emotionale Direktheit, mit dem die Musiker Brahms zu Leibe rücken, lässt nicht kalt. Virtuosität und Brillanz gewinnt dann im rauschenden Finale die Oberhand. Ungestüm und feinnervig zugleich servieren die fünf Streicher das Vivace als veritablen Czárdás – und entdecken dabei Brahms’ folkloristische Seite. CD-Tipp und Termin Johannes Brahms: Sämtliche Streichquintette. Mandelring Quartett und Roland Glassl. Audite 97.724. Beide Quintette sind am Sonntag, 22. Januar, um 18 Uhr in der Kammermusikreihe im Neustadter Saalbau zu hören.