Frankenthal
Weihnachten weltweit (2): Plastikbaum und gefüllter Truthahn
Seit September ist der sechsköpfige Haushalt der Schatkas um einen weiteren Kopf gewachsen: Die vier Kinder werden in ihrer Freizeit von einem Au-pair betreut. Ein Jahr lang lebt Ingenieurstudent Reny Rodriguez in Frankenthal und muss nun zum ersten Mal in seinen 19 Lebensjahren auf „Navidad“ verzichten. So heißt Weihnachten auf Spanisch. Rodriguez ist aber hergekommen, um seine Deutschkenntnisse zu verbessern. Die ungewohnte Vokabel „Weihnachtsmarkt“ kommt ihm schwer über die Lippen. „So etwas gibt es nicht bei uns. Ich war schon auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Rathausplatz, es war schön“, erzählt er.
Der junge Mann lebt mit zwei Geschwistern in der am Pazifik gelegenen Küstenstadt Esmeraldas. Die Stadt mit knapp 150.000 Einwohnern hat karibisches Flair – wegen des heißen Klimas und der üppigen Vegetation. Mit weißen Weihnachten kann Rodriguez daheim also nicht rechnen. Höchstens mit dem Fernglas von seiner Universitätsstadt Latacunga aus. Denn dann sieht er bei gutem Wetter den ganzjährig mit Eis bedeckten Cotopaxi, einen der höchsten aktiven Vulkane der Erde.
Größtes Fest des Jahres
Heiligabend ist in Ecuador das größte Fest des Jahres, da über 70 Prozent der Bevölkerung katholisch sind. Bei Familie Rodriguez gibt es am 24. Dezember immer gefüllten Truthahn und Meeresfrüchte. Dazu trifft sich die Familie bei Großmutter Evita. Bei den Desserts ist man eher sparsam und serviert Brot mit Schokocreme – im Gegensatz zu vielen anderen Familien, in denen süße Pristiños aus Zuckerrohrsirup gereicht werden. Oder Puñuelos, krapfenartige Teigbällchen, die ein wenig an unsere Berliner erinnern.
Um den Tannenbaum aus Plastik versammelt sich die ganze Familie, berichtet Rodriguez. Die dazugehörige Weihnachtskrippe ist ein Muss, um Mitternacht an Heiligabend wird die Figur des Jesuskinds in die Krippe gelegt. Erst dann gibt es die Geschenke. Den Adventskalender hat der Ecuadorianer erst hier kennengelernt. In seiner Heimat gibt es dafür eine andere Tradition. Sie heißt „Novena“. Neun Tage lang wird im Advent aus einem Büchlein jeden Tag gebetet. Dazu wird im Familien- und Bekanntenkreis gesungen, gegessen und gefeiert.
Süßigkeiten für Arme
Ein Brauch liegt der Familie besonders am Herzen: Kurz vor Heiligabend spendet sie Süßigkeiten, die von der Kirche in Boxen gepackt und bedürftigen Familien überreicht werden. Andernorts ist es üblich, dass die Wohlhabenden der Städte zu Weihnachten in die Armenviertel gehen, und den Kindern Tüten voller Naschereien schenken.
Da bei den Schatkas Wert aufs Backen bunter Plätzchen in der Adventszeit gelegt wird, kann Rodriguez in den kommenden Wochen viel Erfahrung als Weihnachtsbäcker sammeln. An Heiligabend wird es stiller sein, als er es bisher gewohnt war, glaubt der 19-Jährige. „Bei uns ist Weihnachten ein lautes Fest mit viel Tanz. Eine richtige Party mit lateinamerikanischem Temperament.“ Wenn er sich da mal nicht irrt: Im Haus des Musikpädagogen Christian Schatka gibt es so viele Instrumente, dass es locker reicht für ein jazziges Weihnachtskonzert. Auf eins freut sich der Gast aus Ecuador jetzt schon: Wegen der Zeitverschiebung kann er zweimal Weihnachten feiern – einmal per Videocall mit seinen Lieben daheim und sechs Stunden später mit seiner Gastfamilie.
Serie
Weihnachten wird fast überall auf der Welt gefeiert. Aber wie? Die RHEINPFALZ hat sich bei Frankenthalern mit internationalen Wurzeln erkundigt, welche Traditionen es in den Familien gibt, was im Advent und an Heiligabend auf den Tisch kommt und welche Erinnerungen an die Heimat mit dem Fest verknüpft sind.