Frankenthal Wegweiser für den Frieden
Die 2015 bis 2017 entstandene Neuausgabe der dreiteiligen Schulbuchreihe „Kursbuch Religion“ für die Klassen 5 bis 10 ist ein heimlicher Bestseller des deutschen Buchmarkts: Landauf, landab wird sie gegenwärtig von Schulbuchkommissionen bestellt und gilt als Standard setzendes Religionsbuch unserer Zeit. Zum vierköpfigen Herausgeberteam gehört mit dem Religionspädagogen Michael Landgraf auch ein Neustadter.
„Ich bin stolz, im Herausgeberkreis einer Schulbuchreihe zu sein, die bereits in den 70er-Jahren als erste den Wechsel von der werbenden Religionsdarstellung hin zu einer kritischen Auseinandersetzung vollzogen hat“, erklärt Landgraf. Kritisch heißt in diesem Fall, den Kindern und Jugendlichen ein Rüstzeug an die Hand zu geben, um bei grundlegenden weltanschaulichen Fragen einen eigenen Standpunkt zu entwickeln. Bei der neuen Ausgabe der vom Calwer-, Diesterweg- und Westermann-Verlag verlegten Buchreihe sollten für die jeweiligen Unterrichtsschwerpunkte anerkannte Experten federführend sein. Da lag es nahe, dass Michael Landgraf als Leiter des Religionspädagogischen Zentrums der Evangelischen Kirche in Neustadt, Seele des dortigen Bibelmuseums und Autor einer inzwischen in 20 Sprachen übersetzten Kinderbibel, den Bereich „Der Bibel begegnen“ übernommen hat. Die Themen bleiben in den drei Büchern gleich, werden aber für jede Altersstufe unter anderer Perspektive aufgegriffen. Als Spezialist für interreligiösen Dialog schrieb Landgraf außerdem auch die Kapitel „Religionen begegnen“, in denen Wissen über Judentum, Islam, Buddhismus oder Hinduismus vermittelt und sich dabei auf das mit dem Christentum Verbindende konzentriert wird. Nach dem Motto „global denken, lokal handeln“ hat der Autor, der 2017 auch als Reformationsbotschafter der Stadt Neustadt unterwegs war, als Illustrationen für seine Texte nicht nur Bilder von Gotteshäusern aus Mannheim und Ludwigshafen verwendet, sondern auch Szenen aus seiner Heimatstadt mit hineingeschmuggelt, etwa aus den Buchhandlungen Osiander oder Quodlibet. Mit Steffen Boiselle wurde zudem ein Neustadter Cartoonist engagiert, der viele Fragen lustig und dennoch genau auf den Punkt bringt und damit gerade Kinder und Jugendliche ansprechen soll. „Es geht um Begegnungen im Alltag“, meint Landgraf. So habe er zum Beispiel die Idee, religiöse Symbole anhand von Anhängern und Broschen zu vergleichen, unmittelbar von seinen Schülerinnen übernommen, die ihm aus Mannheim mitgebrachten Schmuck zeigten, zunächst ohne seine Bedeutung zu kennen. Erfrischend auch, wenn ein Religionsbuch es zulässt, Bibeltexte wissenschaftlich und historisch zu lesen. Ruben Zimmermann, Inhaber des Lehrstuhls für Neues Testament an der Universität Mainz, etwa entschlüsselt das Gleichnis, bei dem Jesus eine „Legion“ Dämonen aus einem Besessenen vertreibt, die sich dann in Schweine verwandelt in einen See stürzen, als Befreiungserzählung: „Legion“ meint hier ganz wörtlich die römische Legion „Decimani Fretensis“, die einen Eber auf ihrer Standarte und in ihrem Stempel trug, sie war Teil der römischen Besatzungsmacht in Israel. In das Kapitel „Fernost ganz nah“, lässt Landgraf eigene Erfahrungen und Aufnahmen seiner Studienreisen nach Nordindien einfließen, stellt mit Mahatma Gandhi den vielleicht bekanntesten Hindu und mit dem Dalai Lama den berühmtesten Buddhisten vor. Beide waren beziehungsweise sind Friedensaktivisten. Womit sich ein Kreis schließt, denn bereits in der allerersten Kursbuchausgabe von 1976 war „Frieden“ ein zentrales Thema. Und der lebt von der Befähigung zur kritischen und solidarischen Auseinandersetzung. Dem Herausgeberkreis der Neuauflage ist dazu ein ansprechendes, lebendiges Werk gelungen. Und dass unsere Region, vermittelt durch Michael Landgraf, dadurch ein wenig bekannter wird, ist auch ein schöner Nebeneffekt. Insgesamt steckten inklusive Vorbereitung rund sechs Jahre intensiver Arbeit in so einer Buchreihe, erläutert Michael Landgraf. Und nach vier Jahren Verwendung in den Schulen beginne dann bereits das Nachdenken über die nächste Ausgabe, da die „Kursbücher“ sich immer auf die aktuelle Lebenswirklichkeit beziehen sollen.