Frankenthal
Ostpark-Siedlung: 1000 Quadratmeter Heimat
„Amsel, Drossel, Fink und Star“ – das bekannte Vogellied sang ein Stadtrat im Bauausschuss am 23. März 1932. Damit standen die Straßennamen fest für die geplante „Erwerbslosensiedlung am Ostpark“, die alsbald von den Frankenthalern Vogelsiedlung getauft wurde. Klags Mutter Helene war damals schwanger mit Sohn Werner. Und zählte mit ihrem Mann Heinrich zu den mehr als sechs Millionen Arbeitslosen im Deutschen Reich – eine Folge der damaligen Weltwirtschaftskrise.
Die Klags gehörten zu den 265 Bauwilligen, die auf dem Brachland im Osten Frankenthals mit Schaufel und Hacke die Fundamente für 80 Giebelhäuser gruben. Das Neubauprojekt unter Federführung von Oberbürgermeister Hermann Strasser (DDP) sollte Wohnungsnot und wirtschaftliche Sorgen der ärmsten Bürger lindern und war bezuschusst aus Förderprogrammen: 2500 Reichsmark bekamen die Klags aus dem Fonds für den Bau, 600 mussten sie selbst aufbringen. Und die meisten Bauarbeiten selbst erledigen. Wer welche Parzelle mit jeweils 1000 Quadratmetern bekam, entschied am Ende eine Verlosung.
Gänse im Garten
Die Klags landeten im Drosselweg. Im Herbst 1932 brachte Helene den neugeborenen Werner in das neue Domizil. Das Wohnen war beengt: Die Klags hatten vier Buben und ein Mädel. Geschlafen wurde zu zweit in einem Bett, das Haus hatte 57 Quadratmeter. Werner Klag macht eine Hausführung. „Hier stand ein Waschbecken, das Spülwasser floss direkt in die Jauchegrube“, zeigt er das ehemalige Küchen- und Esszimmer im Erdgeschoss, an das sich früher eine einfache Außentoilette anschloss – ein Balken mit Grube. Gegenüber hatten die Eltern ihr Schlafzimmer. Die Kinder wohnten oben in zwei Giebelzimmern.
Der Garten lieferte wie ein Bauernhof im Miniaturformat alles, was die Großfamilie zum Leben brauchte: Gemüsebeete, über die Gänse und Truthähne stolzierten. Von Ziege Gretel bekam Werner täglich Milch. „Deshalb bin ich so alt geworden“, sagt der Senior schmunzelnd und streicht über zwei Hufeisen an der Wand – von den Pferden Max und Hans. Die zogen die Kutsche, mit der Vater Heinrich ein Fuhrgeschäft betrieb. „Vom Brauhaus holte er Eisblöcke, mit denen man früher Lebensmittel gekühlt hat, es gab ja noch keine Kühlschränke.“
Heinrich war Schlosser und fand eine Stelle bei der BASF, wo er Spielzeug für den Nachwuchs anfertigte – kleine Pferde. Und man tobte mit den Nachbarskindern. Siedler hatten damals bis zu acht Kinder, erinnert sich Werner Klag. Zur Erstausstattung der jungen Familien spendierte die Stadt je einen Kirsch-, Apfel- und Walnussbaum. „In der Siedlung stehen noch viele dieser Bäume. Und in etwa 40 Prozent der Häuser wohnen noch Nachfahren der ersten Siedler“, sagt er stolz.
„Wände haben gewackelt“
Die Kriegswirren überschatteten Klags Kindheit. „Bei den Bombenangriffen hockten wir im Keller, die Wände haben gewackelt.“ Die Familie hatte Glück, ihr Grundstück wurde nicht getroffen. Klag erinnert sich, wie eine Straße weiter im Amselweg eine Bombe einschlug. Und er sieht noch den Nebel von damals, der von den Chemiefabriken zur Siedlung zog – mit Nebelanlagen wurde versucht, die Industrie vor den Angriffen der Alliierten zu schützen. Der kleine Werner ging in die Pestalozzi- und Schillerschule und freute sich, wenn wegen Bombenalarm der Unterricht ausfiel oder seine Klasse zum Sammeln von Granatsplittern auszog. Auf die Felder gingen die Schüler regelmäßig, um Kartoffelkäfer einzusammeln. Weniger beliebt waren Lehrer, die gern den Rohrstock zogen.
Auf dem 1944 stillgelegten Kanal zwischen Rhein und heutigem Ostparkbad lernte Klag Schlittschuhlaufen. Was den Eltern weniger gefiel, war ein gefährliches Hobby der Kinder: „Wir haben im Kanal Panzerfäuste und Granaten gefunden und das Schwarzpulver rausgeholt. Damit bauten wir kleine Raketen.“ Das Schwimmen brachte sich der Junge im Schwanenweiher des Strandbads bei. Dabei half ihm ein Fund: eine amerikanische Schwimmweste, die das US-Militär am Rhein vergessen hatte.
Leidenschaft: Motorräder
Nach 1945 war die Stimmung in der Vogelsiedlung gedrückt. Aus dem Krieg waren viele Väter und Söhne nicht heimgekehrt. Zumindest in einem hatten die Siedler gegenüber ihren Nachbarn aus der Innenstadt die Nase vorn: In den kargen Nachkriegsjahren konnten sie sich mit ihren Kleintieren und Gemüsegärten über Wasser halten. Das Wirtschaftswunder brachte den Klags kein Glück, Mutter Helene starb und Werner blieb im Haus beim Vater.
Lebhaft wurde es wieder, als er seine Rosemarie heiratete. Verliebt hatte er sich in sie dank seiner Leidenschaft für Motorräder. Der Drehergeselle war auf seiner ersten Victoria nach Hockenheim zum Motorradrennen gedüst und hatte dort die junge Frau für sich gewonnen. Zum Tanzen ging das Paar gern ins Feierabendhaus. Und in die Siedlerklause, dem Treffpunkt der Siedler im Ostpark. „Wir haben auf alles getanzt, was ging“, blickt der rüstige Rentner zurück. Den Feuerstühlen blieb Werner sein Leben lang treu. Bis vor Kurzem war er mit NSU, Kawasaki und BMW unterwegs.
Auch die dritte Generation ist im Drosselweg aufgewachsen – Tochter Romy und Sohn Ingo. Als der Nachwuchs flügge war, wurde es wieder still im Hause Klag. Ehefrau Rosemarie starb 2010, doch Werner fand ein spätes Glück mit einer Wormserin. Brigitte Schwerthöfer lebt mittlerweile bei ihm und teilt die Liebe zur Siedlung. „Die ruhige und zentrale Lage, die vielen Vögel. Es ist ein Paradies“, sagt sie. „Es ist mein Elternhaus. Hier bin ich groß geworden. Ich wollte nie weg“, sagt er. Und bricht auf zum täglichen Spaziergang über Amsel-, Drossel-, Finken- und Starenweg.