Worms RHEINPFALZ Plus Artikel Kunstverein Worms zeigt Werke mit christlichen Motiven

Kuratorin Lena Berkler und der Kunstvereins-Vorsitzende Klaus Döll präsentieren Monika-Maria Dotzers Skizzenbuch mit Zecken-gesp
Kuratorin Lena Berkler und der Kunstvereins-Vorsitzende Klaus Döll präsentieren Monika-Maria Dotzers Skizzenbuch mit Zecken-gespicktem Einband. Der Titel: »Noli me tangere« (berühre mich nicht). Im Hintergrund zu sehen sind BUJAs Madonna und ein Siebdruck von Slava Ostap, der Jesus als Werbefigur zeigt.

Wo ist Gott? Auf diese Frage geben 25 Kunstschaffende in einer Ausstellung des Wormser Kunstvereins 25 ganz persönliche Antworten. Ihre Werke sind bis 25. Juli zu sehen. Es sind Beispiele, wie zeitgenössische Künstler mit christlichen Motiven arbeiten. Dabei geht es nicht darum, zu missionieren oder zu zweifeln.

Im Mittelalter waren Künstler meist mit religiösen Darstellungen beschäftigt. Beauftragt von der Kirche, hatten sie ein sicheres Einkommen. Das änderte sich mit der frühen Aufklärung im 15. und 16. Jahrhundert, dem Renaissance-Humanismus. Künstler konnten neben den Wünschen der zunehmend bürgerlichen Auftraggeber eigene Ideen verwirklichen. Doch christliche Motive verschwanden nie ganz. Und sind auch heute präsent.

25 zeitgenössische Künstler hat Lena Berkler, Kuratorin des Kunstvereins Worms, zur Ausstellung eingeladen mit Gemälden, Papierarbeiten, Skulpturen, Fotografien, Installationen, Drucken und Videoarbeiten. Inhaltlich, so Berkler in ihrer Einführung zur Vernissage, reiche „die Bandbreite von existenziellen Grundfragen des Lebens, der Auseinandersetzung mit der kunsthistorischen Tradition bis hin zu provokanten Denkanstößen“.

Gehörnt wie der Teufel

Sakral wie ein Seitenaltar mit Betschemel zum Niederknien wirkt Susanna Webers „Schwarze Madonna von Guadeloupe“. Doch die ist gehörnt wie der Teufel, ihr Schoss blutet, die sie umgebenden Kinder hängen an einer Lebens- oder Angelschnur und tragen Wundmale an Händen und Füßen. Lena Berkler sieht darin einen Bezug zu den vielen Menschen, die alljährlich im Mittelmeer auf der Flucht ertrinken.

Madonnenbilder nach tradiertem Vorbild, aber mit modernen Attributen stammen von zwei Streetartkünstlern: Banksys Madonna („Toxic Mary“) füttert ihr Baby mit einer Flasche, auf der ein Giftsymbol zu erkennen ist – für Berkler ein Fingerzeig darauf, wie sehr mütterliche Instinkte und elterliche Fürsorge abhanden gekommen seien. Und BUJAs großformatige Madonna („Me and I and Myselfie“) sitzt nicht entspannt, sondern hockt auf dem Boden in einer unwirtlichen Umgebung. Ihr Kind hält ein Smartphone in der Hand – ein Lebenszeichen für den Mann in der Ferne, der die Familie nachholen will?

An ein Facebook-Symbol gekreuzigt

Auch Christus ist ein Thema. Der Franzose mit dem Pseudonym Blek le Rat, begann 1981 freihändig zu sprühen, war dann einer der ersten, der mit Schablonen arbeitete. Sein „Jesus“ zeigt den Gekreuzigten ohne Kreuz. Trägt er das unsichtbare Kreuz der alltäglichen Mühen? Rob Sneyder hat die Christus-Figur gleich an ein blaues Facebook-Symbol gekreuzigt. Prangert er Social Media als Glaubensersatz an?

Das Göttliche erahnen lässt Rainer Probst in seiner Arbeit „Hoffnung“. Der leere, grau-schwarze Raum wirkt düster, ein schwacher heller Schein ist wahrnehmbar. Ist es der Geist des Allmächtigen? Dieses übersinnliche Empfinden stellt sich bei Ben Willikens „Abendmahl“ nicht ein. Es ist in schwarz-grau gehalten mit wenigen hellen Spuren. Der Maler orientiert sich an dem Vorbild von Leonardo da Vinci, jedoch ist der Raum menschenleer, der Tisch ungedeckt. Stattdessen sind links und rechts Türen zu sehen. Diese Leere füllt Daniel Niemann mit Abendmahl-Fotos auf Instagram (#Abendmahl). Er stellt die Szene nach und lässt unter anderem junge Leute ausgelassen feiern.

Lazarus als Klon

Ein Bild von Gott macht sich Andreas Welzenbach. Sein „Gott im Universum“ ist aus Kirschholz, schwarz bemalt gleicht er einem schuftenden Bauern oder Handwerker. Humor- und fast liebevoll wie die kindliche Vorstellung vom „lieben Gott“ ist die zweite Arbeit: Auf Kirschholzplatte skizzierte er eine Industrieanlage mit einem hohen, roten, qualmenden Schornstein, über dem ein alter Mann zu sehen ist. Darunter steht: „Der liebe Gott beim Inhalieren“.

Zur modernen Kunst gehört das Video. Die Mannheimerin Sue Mandewirth nennt ihren zeitkritischen Beitrag „Lazarusprojekt“. Lazarus wurde von Jesus von den Toten auferweckt. Ihr Lazarus wirkt aber eher wie ein Humanoide oder Klon, der wenig spricht, schüchtern lächelt und bei Nennung einer Zahl verzweifelt und sich selbst auszulöschen droht. Doch dann kommt er wieder. Ist der alte auferstanden oder ist es ein neuer Klon, der gleich um ein vielfaches vervielfältigt erscheint? Ihrem Film voran stellt Mandewirth die etwas andere Schöpfungsgeschichte: „Dann sprach der Mensch ...“

Das Thema „Wo ist Gott? – Christliche Ikonografie in der zeitgenössischen Kunst“ zählt zum Rahmenprogramm der Nibelungen-Festspiele, die sich im Luther-Jahr 2021 mit dem Umbruch befassen, für den Luthers Wirken wohl der letzte Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die religiöse Spaltung folgte, und die gesellschaftliche und politische Ordnung wurde durcheinandergerüttelt.

Weder gut noch böse

Doch wie hielt es Luther mit christlichen Bildmotiven? Sie waren für ihn weder gut noch böse, weder verboten noch erlaubt. Er entfachte keineswegs neu den jahrhundertelangen Streit um das Abbildungsverbot der Gottheit, das heute noch im Islam gilt. Papst Gregor I. (um 600) setzte der Diskussion ein Ende mit der Entscheidung, im Bild würde nicht die Arbeit selbst, sondern Gott verehrt.

Luther wandte sich gegen den Bildersturm 1522, allerdings auch gegen die damalige Praxis, Kruzifixe, Bilder oder Reliquien als heilige Objekte zu verehren. Und er selbst? Er ließ seine Bibel bebildern, denn das Bild war für ihn von pädagogischem Nutzen. Dass evangelische Kirchen bildlos und eher nüchtern gestaltet sind, geht auf die Architekturepoche des Historismus zurück. Baudenkmäler sollten in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden. Es wurde alles entfernt, was vermeintlich nicht original dazugehörte.

Noch Fragen?

  • Die Ausstellung ist bis 25. Juli immer samstags und sonntags jeweils von 15 bis 18 Uhr im Kunstverein Worms (Renzstraße 7- 9) zu sehen.
  • Am Donnerstag, 8. Juli, 19.30 Uhr, ist ein Gespräch mit Ulrich Oelschläger, Präses der Synode der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau, über das Thema „Kunst und Religion“ geplant. Eine Anmeldung per E-Mail an info@kunstverein-worms.de ist erforderlich.

Das Motiv des Abendmahls greift Ben Willikens in seiner Arbeit „Raum 789, Black Last Supper with violet light“ auf.
Das Motiv des Abendmahls greift Ben Willikens in seiner Arbeit »Raum 789, Black Last Supper with violet light« auf.
Der Streetartkünstler BUJA lebt und arbeitet in Mannheim. „Me & I & Myselfie“ stammt aus dem Jahr 2016.
Der Streetartkünstler BUJA lebt und arbeitet in Mannheim. »Me & I & Myselfie« stammt aus dem Jahr 2016.
Desirée Eppele schuf die Serie Peeling 2020, hier „Canvas Skin No. 1-3“, aus Pigmenten, Lack und Bindemittel auf Leinwand.
Desirée Eppele schuf die Serie Peeling 2020, hier »Canvas Skin No. 1-3«, aus Pigmenten, Lack und Bindemittel auf Leinwand.
„First Morning“ von Thomas Behling (2015): Um die Madonna mit Kind inmitten von Rosen ein Rahmen aus Kunststoffschaum.
»First Morning« von Thomas Behling (2015): Um die Madonna mit Kind inmitten von Rosen ein Rahmen aus Kunststoffschaum.
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