Nibelungen-Festspiele
Fliegender Wechsel: Zwei Frauen für Worms
Natürlich sind die Pläne hochfliegend, himmelschießend sogar, der Ort ihrer Verkündigung entsprechend – ganz oben auf. Der Blick vom sechsten Stock fällt auf das lichtbeschienene Mannheim, abends. Das „Opus V“, Bellevue-Edelrestaurant des Nobel-Modehauses Engelhorn, liegt in den Planken. Viele haben sich fein gemacht. Spots an. Nico Hofmann, der Mannheimer CEO oder Chef der Chefs bei der Berliner UFA, Regisseur, Großproduzent großer deutscher Geschichtsdramen, trägt sein Hemd nonchalant über die Hose lappend. Der großstädtisch schillernde Intendant der Nibelungenfestspiele ist hier, um Neues zu verheißen.
Wer das Sagenstück 2023 schreibt. Und wer inszeniert. Erfolge gibt es ja auch zu vermelden. Dass es schon, bevor der Verkaufstermin für nächstes Jahr gestartet ist, 700 Kartenanfragen gebe, wird gesagt – vom Künstlerischen Leiter der Festspiele, Thomas Laue, der am heutigen Abend den ironisch-launigen Moderator mimt.
Die Auslastung dieses Jahr sei glatt 95 Prozent, heißt es. Es wird gesagt, ein Viertel der Gäste sei von über 100 Kilometer weit weg angereist. Das alles, schwingt im Hintergrund mit, während sonstige Theater, was die Auslastung betrifft, von Long Covid befallen zu sein scheinen. „Das hat was mit der Qualität zu tun“, ordnet Nico Hofmann den Wormser Gegentrend ein. Die jüngste Inszenierung von Roger Vontobel jedenfalls sei allfällig behymnet worden.
Das Ganze ist ein PR-Termin mit Sponsoren, Helfern, Förderern, guten Geistern wie der Freundeskreisvorsitzenden Sabine von Ehrlich-Treuenstätt an Tisch neun. Sie sind in Worms offensichtlich reichlich vorhanden. Dort, unweit der imaginären pfälzischen Grenze, sagt der hörbar bekennende „Mannheim-Patriot“ Hofmann, herrsche „überwältigendes Engagement“, eine „außergewöhnliche“ Mannschaft. Dann ist es daran, die „super Energie“ zu loben, die das neue Team Nibelungen versprüht.
Zwei Frauen, Maria Milisavljevic und Pinar Karabulut, die eigentlichen Hauptfiguren heute Abend, die – sagen wir es so – für das hippe Gegenwartstheater stehen. Jung, erfolgreich, energetisch. Ein Match, ein Treffer halt, auch, weil Hofmann, wie er dringlich meint, auf der immerwährenden Suche nach „Radikalität“ sich befindet.
Die 1982 im sauerländischen Arnsberg geborene Dramatikerin mit langjähriger Auslandserfahrung in Toronto, Maria Milisavljevic hat, wer sich erinnert, ihr mit dem Heidelberger Stückemarkt- und dem Else-Lasker-Schüler-Preis gefeiertes Stück „Beben“ 2016 in Kaiserslautern ur- und 2019 am Wiener Burgtheater österreichisch erstaufgeführt. Es ist ein sehr gegenwärtiges Stimmengewirr, in dem einer Handvoll Personen die Realität verschwimmt – zwischen Computerspiel und analogen Dasein. Dauernd laufen Katastrophenmeldungen ein, die nicht viel zu bedeuten haben. Ganz im Gegenteil zu dem zwischen Alltagssprech und Pathos schwankenden Text, der viel will und einiges verspricht für das Nibelungen-Update von Milisavljevic, das den Titel „BRYNHILD“ trägt. Wie „Große Gefühle“ und „Effekthascherei“, sie sagt das selbst, grundiert von Fachwissen der Doktorin der Germanistik, die die verschiedenen Versionen des Nibelungenlieds tatsächlich gelesen hat.
„Ich habe mein Herz kaputt geliebt“, lautet eine Passage, die sie daraus vorliest. Eine: „Bin ich das Feuer, das deine Zukunft nährt“. Und: „Jeder Mensch stirbt an einem Stich ins Herz.“
Kein Drache, nur ein Mensch
Ihr Nibelungenstück hat sie in die, ähm, berühmte „Eddalücke“ hineingeschrieben, erzählt sie. Sie ist aus dem Verlust von Ursprungstext entstanden. Eins ihrer Themen: Wie Siegfried nur Siegfried werden konnte, wo doch alles so gut anfing mit ihm und Brünhild – lange vor der Wormser Zeit. Wo er doch womöglich ein Kind mit ihr hatte. Angelegt ist die Heldendämmerung schon gleich am Anfang, wenn Fafner Siegfried warnt: „Wenn du mich tötest, dann tötest du keinen Drachen, sondern einen einfachen Menschen“.
Was hat Macht mit Geschlecht zu tun? Das seien so Fragen, sagt Maria Milisavljevic, die sie sich etwa stelle. Nico Hofmann meint nachher, ihm gefalle die Brechung des Geschlechts generell. Die Wormser Uraufführungsregisseurin des Stücks von Milisavljevic indes ist in ihren Inszenierungen schon einen Schritt weiter.
Ob Mann oder Frau, Pinar Karabuluts Kölner „Richard III.“ (nach Shakespeare) aus diesem Frühjahr zum Beispiel legt sich in seinem ganzen Habitus gar nicht mehr fest. Auch herrscht ein Schweben zwischen hohem Ton, Ulk und der Gegenwart entnommenen Gerede. Kunstvolle Videos, die zwischen Comic und Kunstgeschichte changieren, sind ständig präsent. Wie „ein wilder Laberschwall mit poetischen Momenten“, kam dem Kritiker Stefan Keim die Regie im Deutschlandfunk Kultur vor, „und manchmal erinnert das Ensemble ans Kasperletheater“. Die 1987 In Mönchengladbach geborene Karabulut sagt dazu: „ich liebe eben die hybriden Modelle“.
Sie ist Hausregisseurin der Münchner Kammerspiele, Teil des Leitungsteams dort und vergangenes Jahr mit dem „Förderpreis für junge Künstler*innen des Landes Nordrhein-Westfalen“ ausgezeichnet worden. Sie lässt es gerne krachen. Was sie an Worms interessiere, sagt sie, sei, „was kann ich da machen, was ich in einem kleinen Guckkasten nicht machen kann“. Ob sie denn „keine Angst“ vor der großen Aufgabe und Bühne habe, wird sie gefragt. Ihre Antwort: „Nein, Lust“. Sie lacht offenen Gesichts. Sie sei schon dabei, erste Videosequenzen für Worms zu überlegen und zu drehen, sagt sie. Sie sagt, ein Element des Bühnenbilds sei violetter Sand. Im abschließenden Foto steht sie in pinkfarbener Jacke im Vordergrund. Dann wird das Essen gereicht. „Flying Buffet“ selbstverständlich.
Karten
Tickets über die Hotline 01805/337171. Oder über www.nibelungenfestspiele.de; Wer bis Heiligabend kauft, bekommt 15 Prozent Rabatt. Preise zwischen 29 und 139 Euro.