Frankenthal
Die bewegende Geschichte der Orgel in St. Cyriakus
Schon beim „Geburtsdatum“ der Orgel fängt ihre außergewöhnliche Geschichte an: Wann genau das Instrument in der Kirche St. Cyriakus im Vorort Eppstein nämlich gebaut wurde, ist unklar. „Das war wohl 1771 oder 1779“, mutmaßt Friedhelm Trowe, der im Gemeindeausschuss tätig ist und sich sehr für Kunst, Geschichte und Theologie interessiert. Und eben für die Orgel in St. Cyriakus. „Auf jeden Fall dürfte sie kurz nach der Fertigstellung der Kirche entstanden sein und hat damit schon rund 250 Jahre auf dem Buckel.“
Verkürztes Pedal
Klar ist zumindest, wer sie gebaut hat: Johann Ignaz Seuffert. Geboren wurde er 1728 in Würzburg in eine Familie von Orgel- und Klavierbauern. 1768 eröffnete er in Kirrweiler eine eigene Werkstatt und blieb dem Ort bis zu seinem Tod im Jahr 1807 treu. Für St. Cyriakus hat er eine relativ kleine Orgel mit elf Registern errichtet. „Das Pedal ist verkürzt und nicht jedermanns Sache, es gibt nur ein Manual“, weiß Monika Ludwig. Die 59-jährige Eppsteinerin spielt seit 25 Jahren Orgel und hat so ziemlich an jedem Frankenthaler Instrument gesessen.
Lange nach dem Tod von Seuffert, im Jahr 1888, wurde die Eppsteiner Orgel für etwa 300 Goldmark (etwa 2100 Euro) verkauft – nach Einselthum im Donnersbergkreis, erzählt Ruheständler Trowe. Und zumindest für die Seuffert-Orgel war das ein Segen. Denn beim Bombenangriff 1943 im Zweiten Weltkrieg brannte die Eppsteiner Kirche bis auf ihre Mauern nieder, samt „Ersatz-Instrument“, das nach dem Verkauf der Seuffert-Orgel angeschafft wurde.
Diebe stehlen Pfeifen
Doch auch die Eppsteiner Seuffert-Orgel hat es später hart getroffen: „1924 haben Diebe in Einselthum viele Dinge aus der Kirche gestohlen, auch die Prospektpfeifen aus Zinn“, berichtet Trowe. Diese sind ganz vorne im Instrument verbaut, in erster Reihe, und maßgeblich für das Erscheinungsbild sowie den Klang. Sie war nicht mehr spielbar und wurde schließlich 1971 abgebaut. Später sollte das Instrument als Übungsorgel für die Organistenausbildung im Bischöflichen Kirchenmusikalischen Institut dienen. Doch das Vorhaben, den mit 15 Tönen geringen Umfang des Pedals auf zwei Oktaven zu erweitern und ein zweites Manual einzubauen, scheiterte am Einspruch der Denkmalpfleger, weiß Trowe.
Dann traten die Eppsteiner auf den Plan und holten sich „ihre“ Orgel zurück. Am 14. Juni 1991 gab es dafür die Genehmigung – im Austausch für damals rund 230.000 D-Mark. Doch da gab es noch ein Problem, das vor dem Umzug von Einselthum zurück in das Gotteshaus an der Ecke Dürkheimer Straße/Johann-Strauß-Straße gelöst werden musste: Die Seuffert-Orgel war zu groß für den mittlerweile entstandenen Neubau der zerbombten Kirche. „Sie passte da einfach nicht mehr rein“, sagt Trowe. Deshalb habe man eine kleine Ausbuchtung über dem Instrument einbauen müssen, die heute noch gut sichtbar sei. Eine neue Orgelbaufirma aus dem Odenwald kümmerte sich dann darum, das Instrument wieder fit zu machen. Nach weiteren 65.000 D-Mark erklang die Orgel am 14. September 1997 erstmals wieder in Eppstein.
Orgel schätzt konstante Temperatur
Und wie spielt sie sich? „Ich spiele sie sehr gerne und mag die mechanische Traktur“, sagt Organistin Ludwig. Damit habe man eine gute Kontrolle über das Öffnen und Schließen der Klappen, weil es über einen Mechanismus aus Holz eine direkte Verbindung von der Taste bis zur Pfeife gebe. Anders funktioniert das bei elektrischen oder pneumatischen – also luftbetriebenen – Systemen. „Große Werke“ seien aber schlecht auf der Orgel zu spielen. „Das verkürzte Pedal macht das schwieriger“, sagt Ludwig, „die Orgel ist besser geeignet für feine, leichte Stücke.“ Toll findet sie das Trompetenregister, das aber nur bei der Hälfte der Tasten erklinge.
Und auch mit dem schlimmsten Feind jeder Orgel hat man in Eppstein schon Bekanntschaft gemacht: den Temperaturschwankungen. „Dafür ist das Trompetenregister sehr anfällig“, berichtet Ludwig. Vor den Feiertagsgottesdiensten müsse es deshalb regelmäßig gestimmt werden. Auch Schimmel war in St. Cyriakus schon ein Problem, berichtet Trowe. „Aber alles in allem haben wir gute Erfahrungen mit der Orgel gemacht, wenn sie regelmäßig gewartet wird“, so der Ruheständler.
Für Stromausfall gewappnet
Ein bisschen was mitgemacht haben die beiden auch mit „ihrer“ Orgel. „Ich habe schon zweimal einen Stromausfall erlebt“, sagt Ludwig. Zum Glück habe die Seuffert-Orgel aber drei Keilbälge. Sie funktionieren auch fußbetrieben durch einen Calcant, also eine Person, die wie auf einem Stepper steht und tritt. „Aber wenn ich dann alle Register ziehe, muss der Andere ganz schön strampeln“, erinnert sich die Organistin.
Serie