Frankenthal „Das darf knacken“
„Geh mer unner die Bääm?“ Elf Damen nicken ihrem Bewegungsbegleiter Rüdiger Jonitz zu und setzen sich in Bewegung. Was sich nun zwischen Carl-Bosch-Schule und Lutherkirche abspielt, lässt manchen Passanten innehalten. Die Seniorinnen spazieren mit Kraul-Bewegungen über die Wiese, klatschen und vollführen Walzerschritte. Am häufigsten strapazieren sie dabei ihre Lachmuskeln. Das Motto des Fitnessangebots von der Ökumenischen Sozialstation passt perfekt: „Ich bewege mich – mir geht es gut“.
Rollatoren und Stöcke werden abgelegt, es startet die Begrüßungsrunde. „Applaus an die Profis aus Mörsch und Eppstein!“ – Rüdiger Jonitz heißt seine fünf Teilnehmerinnen willkommen, die normalerweise in ihren Stadtteilen trainieren. Sie sind gekommen, um für den Besuch der RHEINPFALZ die sechsköpfige Mannschaft der Carl-Bosch-Siedlung zu verstärken. Jede Woche und bei fast jedem Wetter findet das Bewegungsprogramm im Freien statt. Es besteht aus Koordinations-, Konzentrations- und Kraftübungen. Rund 40 Frankenthaler nehmen an dem Projekt der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz teil. Die älteste Sportlerin ist Lina aus Mörsch. „Sie ist 99, und wenn sie mit dem Rollator unterwegs ist, komme ich mit dem Rad kaum hinterher“, sagt Jonitz lachend. Mit seinen 57 Jahren geht er in der Runde glatt als Jungspund durch. Das starke Geschlecht ist schwach vertreten, nur in Mörsch und Eppstein machen jeweils zwei Herren mit, berichtet Jonitz. Doch das könne sich ja noch ändern. „Hallo Frau Müller, stoßen Sie doch mal dazu“, rufen die Seniorinnen einer Dame zu, die soeben vorbeiradelt. „Und bringen Sie Ihren Mann mit.“ Johanna, Hannelore, Gudrun, Marga, Christa – alle nennen ihren Namen, bevor der Kopf für die Dehnübung in alle Richtungen bewegt wird. „Das geht nicht von heute auf morgen“, sagt Jonitz. „Wer nicht mehr kann, macht eine Pause.“ Doch alle können noch, und weiter geht’s mit einer Schwindelübung. „Linker Arm nach vorn mit erigiertem Daumen“, ruft der Coach. Die Damen prusten, dann fixieren sie ihre ausgestreckten Daumen, während sie den Kopf drehen. „Ist euch schwindlig?“, fragt Jonitz. Kopfnicken, viele Teilnehmerinnen leiden unter Altersschwindel. Ziel der Übung sei es, kontrolliert ein Schwindelgefühl zu erzeugen, damit der Körper lernt, Muskeln, Augen und Gleichgewichtsorgane im Innenohr besser zu koordinieren, erklärt Jonitz. Bewegungsbegleiterin Jutta Hartmann übernimmt nun das Kommando. „Ihr habt doch alle in der Jugend Walzer getanzt“, animiert sie die Gruppe zu einer komplexen Choreografie von Anstellschritten. Die Fersen tippen aufs Gras, und die Hände klatschen auf die Oberschenkel. „Prima“, lobt Hartmann, „nächste Woche treten wir im Fernsehen auf.“ Anschließend verwandelt sich die Wiese in ein imaginäres Schwimmbecken, in dem die Seniorinnen kraulen und brustschwimmen. Johanna plagt der Ischias, sie ruht sich auf ihrem Rollator aus. „Ich merk’s im Gelenk“, ruft Hannelore. Hartmann: „Das darf knacken. Da merkt man, dass man lebt.“ Das Schwierigste kommt zum Schluss: Nach Anweisungen von Bewegungsbegleiterin Birgit Klimm schwingen die Damen leere Haushaltsrollen vor und zurück, nach rechts und nach links. Klingt simpel, ist es aber nicht, wenn jede Richtung abwechselnd mit einer Zahl, einem Wochentag und einer Jahreszeit belegt wird. Die Kommandos „Mittwoch“, „drei“ oder „Herbst“ bedeuten beispielsweise, dass die Rolle rechts vom Körper gehalten wird. Selbst die Trainer verwechseln ab und zu die Richtung. „Man muss voll dabei sein“, meint Hannelore lachend. „Jetzt habt ihr euch wieder verschaltet“, sagt Jonitz und lädt die Gesellschaft zur Entspannungsübung ein: kontrolliert ausatmen, als ob man eine Seifenblase durch die Luft pusten würde. Das schärfe die Sinne und Konzentration. Gudrun kann das bestätigen. „Ich habe nach dieser Übung mal gesehen, wie ein Vogel ein Insekt im Flug geschnappt hat“, erzählt sie. Nach 60 Minuten sind die Seniorinnen fit und entspannt, alle freuen sich schon auf die nächste Fitnessstunde. Beim abschließenden Smalltalk kommt es zu einem unerwarteten Wiedersehen. Marga aus der Carl-Bosch-Siedlung und die Mörscherin Christa stellen fest, dass sie sich von früheren Busreisen kennen.