Donnersbergkreis Zuwanderung als Chance begreifen

38 „Experten“ aus der VG Rockenhausen sind zum Auftakt des IN2-Projektes in die Donnersberghalle gekommen. Gemeinsam haben sie ü
38 »Experten« aus der VG Rockenhausen sind zum Auftakt des IN2-Projektes in die Donnersberghalle gekommen. Gemeinsam haben sie überlegt, was Zuwanderer dauerhaft in unserer Region halten kann.

193 Flüchtlinge sind seit 2014 in die Verbandsgemeinde Rockenhausen gekommen. 75 von ihnen haben sie schon wieder verlassen – (nicht nur) zum Bedauern von Bürgermeister Michael Cullmann. Für ihn spielt die Zuwanderung bei der künftigen demografische Entwicklung des ländlichen Raumes eine wichtige Rolle. Und genau dieser Aspekt wird beim Integrationsprojektes IN² unter die Lupe genommen. Beim offiziellen Startschuss am Dienstag haben Wissenschaftler der TU Kaiserslautern mit ausgewählten Vertretern aus der VG ein erstes Bild über das Potenzial unserer Region als künftige Heimat für Zuwanderer erarbeitet.

Mit im Boot des auf drei Jahre angelegten und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Integrationsprojektes sind als „Praxispartner“ die Verbandsgemeinden Rockenhausen und Gerolstein (Landkreis Vulkaneifel), als „Forschungspartner“ das Institut für Technologie und Arbeit sowie der Lehrstuhl für Stadtplanung, beide von der Technischen Universität Kaiserslautern (wir berichteten am 21. Juli, siehe auch „Zur Sache“). Zum Auftakt am Dienstag betonte Cullmann: „Wir können die Zuwanderung als Unglück betrachten. Oder wir können so, wie der Wind weht, unsere Segel setzen.“ Angesichts der Abwanderung der Flüchtlinge, die dem demografischen Wandel in der VG Rockenhausen entgegen wirken könnten, frage er sich: „Wie können wir jemanden, den unsere vielen ehrenamtlichen Helfer mit viel Mühe integriert haben, hierbehalten?“ An diesem Punkt will das Projekt IN² ansetzen. Hierzu haben die von den Projektleitern ausgesuchten „Experten“ den Status quo der Region analysiert. Mit dabei waren Vertreter aus Politik, Wirtschaft, der Handwerkskammer, Schulen und Kindertagesstätten, des Jobcenter, von Vereinen, der Kreisverwaltung und aus religiösen Gemeinden, außerdem Landrat Rainer Guth sowie Integrationsbeauftragte Jaqueline Rauschkolb. Sie diskutierten gemeinsam über „Haltefaktoren“ in vier Kategorien: Gesellschaft, Infrastruktur, Arbeit und Bildung sowie Wohnen. Bezüglich der Wohnsituation in Rockenhausen waren sich viele der 36 Teilnehmer einig, dass es zwar viele Leerstände, aber zu wenige kleine Wohnungen gibt. Denn gekommen sind vor allem große Familien oder alleinstehende Männer zwischen 16 und 30 Jahren. Für Letztere sei es schwierig nach der Anerkennung eine Wohnung zu finden, so der Tenor. Die Infrastruktur empfinden viele für eine ländliche Region als überdurchschnittlich gut – aber schwierig zu nutzen für Zuwanderer. „Es gibt für die Verkehrsmittel im Donnersbergkreis vier verschiedene Apps. Das könnten wir vereinfach“, so eine Idee von Landrat Guth. Außerdem sei in der Ferienzeit oder am Wochenende der öffentliche Nahverkehr stark eingeschränkt, wurde mehrfach bemängelt. Ohne Auto sei zum Beispiel für eine Mutter mit Kinderwagen, die Einkäufe zu transportieren habe, bereits ein Haus auf einem Berg ein Problem. In Städten seien die Flüchtlinge dagegen mobiler. In Arbeit befindet sich bekanntlich der Breitbandausbau in der Region – je nach Ort mal mehr, mal weniger. Nach wie vor hapere es allerdings an einem lückenlosen Mobilfunknetz. In gesellschaftlicher Hinsicht sehen viele die VG vor den größeren Städten: Viele ehrenamtliche Helfer und etliche Projekte rund um das Thema Flüchtlinge – exemplarisch wurden der Flüchtlings- und Kommunikationstreff „Komm“, die syrische Nacht oder die Nachbarschaftshilfe genannt – gebe es schon. „Manchmal ist man sich aber nicht so sicher, ob die Leute möchten, dass die Flüchtlinge hier bleiben“, sagte Wolfgang Handt. Rege diskutiert wurde vor allem über den Punkt Arbeit und Bildung. Integrations- und Deutschkurse von der Volkshochschule, der Dekra und ehrenamtlichen Helfern sowie die Sprachförderklasse der Berufsschule fügen sich insgesamt zu einem runden Angebot zusammen. Als Hauptgrund für Abwanderung wurden dagegen die eingeschränkten Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt eingeschätzt. In der Gegend gebe es zu wenige Tätigkeiten, die die Flüchtlinge ausüben könnten. Dazu kämen die bürokratischen Hürden bei der Jobsuche, haben vor allem Firmenchefs der Region eingeworfen. Alle genannten Faktoren werden jetzt in Interviews mit den Zuwanderern selbst besprochen – und um deren positiven und negativen Erfahrungen ergänzt. Damit gewinnen die Forscher ein umfassendes Bild, mit welchen Haltefaktoren die VG schon punkten kann, wo es Chancen gibt und wo Flüchtlinge wie Einheimische Probleme sehen. Diesen soll dann auf den Grund gegangen werden – denn hinter vielen Problemen verberge sich die gleiche Ursache, betonte Marina Jentsch. Die Ergebnisse werden dann im kommenden Sommer der Expertenrunde präsentiert werden. Diese sollen im Anschluss – so laut Cullmann die weitere Planung – gemeinsam mit den Zuwanderern Arbeitsgruppen bilden und Lösungen zu Haltefaktoren ausarbeiten. „Manchmal sind es ja ganz kleine Dinge, die nicht einmal viel kosten. Und oft gehen die auch mit den Interessen der Einheimischen einher“, hat Jentsch in der VG Gerolstein gelernt, wo die Projektleiter bereits mit den Flüchtlingen gesprochen haben. Konkrete Maßnahmen, um die Zuwanderer in der Region zu halten, werden im Rahmen des Projektes allerdings nicht umgesetzt, betonte sie. „Aber wir haben dann den politischen Druck, auch für Fördermittel“, ergänzte Cullmann.

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