Donnersbergkreis „Wir wollen zentral in die Städte“

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„Vor unseren Mitarbeitern ziehe ich den Hut. Sie machen einen tollen Job, kümmern sich um Menschen, die es nicht einfach haben und nicht immer einfach sind.“ In diesem Punkt ist Peter Kaiser, seit Oktober 2011 Vorstand des Evangelischen Diakoniewerks Zoar in Rockenhausen, mit dem Status quo der in der Alten- und Behindertenhilfe tätigen Einrichtung rundum zufrieden. In anderer Hinsicht sieht er dagegen Handlungsbedarf. Die RHEINPFALZ hat mit Kaiser über die Schwerpunkte seiner Arbeit und die Schatten der Vergangenheit gesprochen.

Im April 2010 ist ihr Vorgänger Helmut Eckert aus dem Amt geschieden. Es gab den Verdacht der Untreue, vier Jahre lang ermittelte die Staatsanwaltschaft. Im Vorjahr kam es dann endlich zum Strafprozess, der allerdings eingestellt wurde. Wie oft fällt heute eigentlich bei Zoar noch der Name Eckert?

Das ist eine gute Frage. Als ich im Oktober 2011 hier angefangen habe, ist der Name noch täglich gefallen – mittlerweile kaum noch. Das hing damals natürlich auch mit den insgesamt drei Prozessen zusammen: Neben dem Strafprozess gab es auch einen Arbeitsgerichtsprozess und den Zivilprozess, der nach wie vor läuft. Immer wieder mussten die Mitarbeiter als Zeugen auftreten oder Aussagen machen. Das ist inzwischen Gott sei Dank vorbei. Stichwort Zivilprozess: In diesem hat Zoar Eckert auf Schadensersatz von 1,4 Millionen Euro verklagt – unter anderem deshalb, weil Ihr ehemaliger Vorstandskollege Martin Bach bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft ein externes Gutachten in Auftrag gegeben hat. Dieses hat letzten Endes eine Million Euro gekostet, war aber laut Gericht so mangelhaft, dass es entscheidend zur Einstellung des strafrechtlichen Verfahrens beigetragen hat. Ist es logisch, dieses Geld von Eckert zurückzufordern? Ich habe mich mit der Argumentation der Staatsanwaltschaft und des Gerichts schwer getan. Der Strafprozess ging ja nicht von Zoar aus. Polizei und Staatsanwaltschaft haben ermittelt – wenn diese der Meinung sind, ein Beweismittel sei nicht ausreichend, um Anklage zu erheben, dann hätten sie nach meiner Auffassung das Ganze validieren müssen. Zum Schadensersatz: Es gab beispielsweise im Strafprozess einige Dinge, die verjährt waren, was für den Zivilprozess nicht gilt. Ich bin kein Anwalt oder Richter, aber ich glaube schon, dass einige Tatbestände sanktionsfähig sind. Sie sind seit fast vier Jahren Vorstand bei Zoar. Was waren in dieser Zeit die Eckpfeiler Ihrer Arbeit? Nach einer eingehenden Analyse sind wir recht schnell zu der Entscheidung gelangt: Wir stellen die Strategie von Zoar neu auf. Wir waren über viele Jahre ein so genannter Komplexträger, bei dem auf engen Raum sehr viele Menschen leben – alleine in Rockenhausen werden 340 Menschen stationär betreut. Das ist aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen – Stichwort Inklusion – ja gar nicht mehr gewünscht. Wir haben uns daher zunehmend mit Maßnahmen zur Dezentralisierung beschäftigt. Diese hat es auch zuvor schon gegeben, nur hat man dabei auf relativ große Einheiten gesetzt. Die sind mittlerweile auch nicht mehr gerne gesehen, weshalb wir sie sukzessive in die Fläche verlagern und auf verschiedene Standorte verteilen wollen. Ziel ist es, in die Kommunen zu gehen – am besten dorthin, wo die Menschen herstammen, wie bei unserem Projekt in Ludwigshafen (siehe „Zur Sache“). Und zwar nicht in Rand- oder Industriegebiete, sondern zentral in die Städte. Was beschäftigt Sie noch? Ein wichtiges Thema sind die Angebote in der Alten- und Eingliederungshilfe. Hier haben wir festgestellt, dass diese Angebote umfangreicher werden und aus einer Hand kommen müssen. Also von der niederschwelligen Unterstützung in den Haushaltsleistungen durch unsere Seniorenhilfe Donnersbergkreis und Mittleres Glantal über die ambulanten Dienste bis hin zur Aufnahme ins Alten- und Pflegeheim. Hier hat sich schon einiges getan, wie etwa mit der gGmbH in Brücken (siehe „Zur Sache“). Zum Inkelthalerhof: Hier haben einmal über 600 Menschen gewohnt – aktuell sind es noch rund 240. Im Prozess der Dezentralisierung werden es sicher noch einige weniger werden. Die Frage ist, was dann aus den zum Teil sanierungsbedürftigen Gebäuden wird. Werden die Pläne, den Inkelthalerhof als Wohn- und Firmenstandort zu öffnen, sozusagen einen „richtigen“ Stadtteil daraus zu machen, noch verfolgt? Die Leerstände halten sich bislang dadurch in Grenzen, dass früher Zimmer doppelt und dreifach belegt worden sind, während es heute fast nur noch Einzelzimmer gibt. Und generell wird es immer Menschen geben, die hier auf dem Inkelthalerhof am besten aufgehoben sind. Aber natürlich machen wir uns intensiv Gedanken, was aus dem Standort wird. Größter Problemfall ist das leer stehende Oberlinhaus: Mit so einem großen Gebäude kann man nur schwer etwas anfangen. Ich bin immer dankbar, wenn Sie da zu Ideen aufrufen, was man damit machen kann... (lacht) Bei allen anderen Gebäuden lassen wir derzeit eine Bewertung erstellen. Es geht unter anderem um die Frage, welche Häuser barrierefrei umgestaltet und somit auch künftig für beeinträchtigte Menschen genutzt werden können – was aufgrund der Topografie des Inkelthalerhofes nicht so einfach ist. Erst dann kann man schauen, ob man hier oben auch Wohnraum oder Gewerbeflächen anbietet. Diese Pläne sind also nicht ad acta gelegt, aber mit Sicherheit sehr langfristig zu sehen. Zoar ist ein Dienstleistungsunternehmen, das heute – inklusive den Werkstätten und Tochterunternehmen – mit rund 1500 Mitarbeitern und einem jährlichen Umsatz von rund 85 Millionen Euro zu den größten Arbeitgebern im Kreis gehört. Wo geht der Weg von Zoar hin? Wir wollen weiter wachsen. Das ergibt sich schon aus dem Prozess der Dezentralisierung: Wenn wir die Anzahl unserer Standorte ausdehnen und die Wohneinheiten verkleinern, braucht es dafür mehr Mitarbeiter. Der Markt in der Alten- und Eingliederungshilfe ist steigend. Wenn wir unsere Position am Markt halten wollen, dann müssen wir mit wachsen. Zugleich müssen wir aber natürlich auch unsere Prozesse und Strukturen komplett überdenken. Ein erster Schritt ist eine neue Software, ein gemeinsames IT-System für alle Standorte und Bereiche. Da sind wir mitten in der Einführung. Zudem wollen wir unser Leitbild anpassen, dazu findet im November eine zweitägige Konferenz statt. Stillstand gibt es bei uns also nicht.

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