Donnersbergkreis RHEINPFALZ Plus Artikel Rockenhausener Beschäftigungsgesellschaft: In 20 Jahren von sechs auf 160 Mitarbeiter

Beeindruckende Flotte: Der Transportdienst für die Zoar-Werkstätten ist inzwischen ein zentraler Unternehmenspfeiler der Beschäf
Beeindruckende Flotte: Der Transportdienst für die Zoar-Werkstätten ist inzwischen ein zentraler Unternehmenspfeiler der Beschäftigungsgesellschaft. 52 Fahrzeuge gehören zum Fuhrpark.

Sie organisiert Bustransporte, montiert Halterungen von Solaranlagen oder betreibt Lebensmittelmärkte: Die Rockenhausener Beschäftigungsgesellschaft (RBG) ist vielen unbekannt – und doch drittgrößter Arbeitgeber der Stadt. Dabei fing vor rund 20 Jahren alles ganz klein an – mit sechs Personen und der Produktion von Kofferraum-Verkleidungen.

Liane Wagner und Alexander Geier sitzen an einer Werkbank, vor ihnen steht eine Kiste voll mit kabelbinder-ähnlichen Befestigungsbändern. Sie prüfen jedes einzelne ganz genau. „Es geht um diese kleine Nase aus Metall zum Einführen des Bandes – sie fehlt an manchen Exemplaren, mit denen Kabelstränge in Autos gebündelt werden. Der Kunde hat die Beschäftigungsgesellschaft – eine Tochterfirma des Evangelischen Diakoniewerks Zoar – mit dem Aussortieren der fehlerhaften Teile beauftragt. „Insgesamt sind es 350.000 Stück, bis kommende Woche müssen 74.000 fertig sein“, erklärt RBG-Betriebsleiter Michael Müller dem Besucher der RHEINPFALZ. Wahrlich eine Sisyphos-Arbeit.

Ein paar Meter weiter sitzen vier Mitarbeiter an einem Tisch, sie stecken und schrauben Halterungen aus Metall zusammen. Mit ihnen werden Platten von Solaranlagen auf Dächern fixiert. Vor der Halle in der Industriestraße parken mehrere Kleinbusse. Sie gehören zur Flotte der RBG, die im Laufe der Zeit den Wandel von einem reinen Produktions- zu einem Betrieb vollzogen hat, der nicht nur, aber auch Dienstleistungen anbietet.

Der Weg (zurück) in den Arbeitsmarkt

Eine solche Entwicklung haben auch Geschäftsführer Kurt Philipp und Prokurist Torsten Walter nicht erwartet, als die RBG vor 21 Jahren gegründet wurde. Entstanden sei diese aus der Idee, „die Verantwortung, die wir bei Zoar für Menschen mit Behinderungen haben, sozusagen abzurunden“, wie Philipp erläutert. Die Werkstätten des Diakoniewerks existierten zum damaligen Zeitpunkt bereits 31 Jahre. Sie beschäftigen Menschen, die als „nicht erwerbsfähig“ gelten – das heißt nicht in der Lage sind, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt länger als drei Stunden pro Tag tätig zu sein.

Um die Jahrtausendwende seien dann zunehmend politische Forderungen laut geworden, Angebote für einen weiteren Personenkreis zu schaffen: diejenigen, die zwar grundsätzlich als erwerbsfähig gelten, denen aber aufgrund Schwerbehinderung oder „mehrfacher Vermittlungshemmnisse“ – wie Alter und/oder Langzeitarbeitslosigkeit – der Sprung auf den regulären Arbeitsmarkt nicht (mehr) gelingt. „Wir haben uns wie andere Träger in der Pflicht gesehen, für diese Menschen eine, wie es damals noch hieß, Integrationsfirma ins Leben zu rufen“, so Philipp. Als Organisationsform wählte man eine gemeinnützige GmbH (gGmbH). Gemäß heutiger Definition ist aus dem Integrations- ein Inklusionsbetrieb geworden, der 160 Mitarbeiter (78 Vollzeitstellen) beschäftigt und die Vorgabe erfüllt, dass von diesen 40 Prozent schwerbehindert sind.

Holpriger Start, rasches Wachstum

Dabei verlief der Start im Jahr 1999 durchaus holprig. „Angefangen haben wir mit einer ausgelagerten Werkstatt-Arbeitsgruppe, die aus sechs Personen bestand“, berichtet Walter. Angesiedelt waren diese bei der Otterberger Textilgesellschaft (OTG), die Kontakte kamen über Aufträge der Werkstätten zustande. Die ersten RBG-Mitarbeiter waren beteiligt an der Herstellung von Kofferraum-Verkleidungen in Fahrzeugen, einem Produkt der OTG. Doch „obwohl das unsere leistungsfähigsten Werkstatt-Beschäftigten waren, sind sie bald an ihre Grenzen gekommen. Es fehlten Kontinuität und Durchhaltevermögen“, blickt Philipp zurück. Um sie nicht zu überfordern, habe man schon bald „die Reißleine gezogen“.

Der zweite Anlauf funktionierte dann – mit neuem, externen Personal, zudem in heimischen Rockenhausener Gefilden: Auf einem an die Werkstätten angrenzenden Gelände nahm die RBG 2000 erneut ihren Betrieb auf. Die Produktpalette blieb zunächst unverändert: „Alles, was mit Textilien in Autos zu tun hat“, informiert Philipp. Rasch kamen neue Kunden und Aufträge hinzu. So stellte man für die Firmen Lear (Mainz) und Keiper (heute Adient) Kopfstützen für Autositze her. „Die Stückzahlen gingen hoch bis auf 350.000 im Jahr, wir mussten auf Schichtbetrieb umstellen“, so Walter.

Die Kopfstützen blieben über Jahre ein Kernprodukt der RBG, bis heute steht in der Halle eine Fertigungslinie für Ersatzteile. Auch den Rockenhausener Aquarienhersteller Müller & Pfleger (heute Eheim) hat die Beschäftigungsgesellschaft beliefert. Quasi nebenbei – um in der Firma die Arbeitsbedingungen für Schwerbehinderte zu verbessern – hat man manuell und elektrisch höhenverstellbare Montagetische entwickelt, die auch verkauft werden. Hierbei handelt es sich also um ein Eigenprodukt der RBG. Die Anzahl der Beschäftigten ist derweil stetig angewachsen.

Einstieg in den Dienstleistungssektor

Bereits ab 2004 hat der Betrieb erste Schritte zum Aufbau eines zweiten Standbeins getan: dem Angebot von Dienstleistungen. Zunächst mit „dem Abfedern von Produktionsspitzen in den Werkstätten“, sagt Walter. Das heißt: RBG-Mitarbeiter haben pro Tag mehrere Stunden für Zoar in der Werkstatt gearbeitet, falls Aufträge nicht in der regulären Arbeitszeit fertiggestellt werden konnten. Des Weiteren lagert man seit einigen Jahren Stahl der benachbarten Firma Adient (ehemals Keiper), die Platzprobleme hatte. „Wir schneiden die Stähle auch zu und bringen sie bedarfsgerecht rüber ins Werk“, erläutert Philipp.

Einschneidender war jedoch vor 13 Jahren der Einstieg in den Personentransport. Im Kern geht es „um die Aufgabe, Menschen mit Beeinträchtigung von zu Hause zum Arbeitsplatz und wieder nach Hause zu bringen“, so Walter. Auftraggeber sind die Zoar-Werkstätten mit ihren unterschiedlichen Standorten in Rheinland-Pfalz. Auch liefert die RBG von den Werkstätten gefertigte Produkte oder das in der Zoar-Küche auf dem Inkelthalerhof zubereitete Essen aus. Längst ist der Fahrdienst ein zentraler Unternehmenspfeiler geworden. Am Steuer sitzen natürlich nur Mitarbeiter, die einen Führerschein haben und somit verkehrstüchtig sind. „Wir haben mit drei Kleinbussen angefangen, jetzt sind es 52 Fahrzeuge“, sagt Betriebsleiter Müller mit berechtigtem Stolz.

Ein weiteres Steinchen ergänzt das bunte RBG-Mosaik: 2017 eröffnete das Unternehmen in Brücken (Kreis Kusel) einen CAP-Markt. CAP (die Abkürzung für „Chance, Arbeit, Perspektive“) ist eine Marke der Genossenschaft der Werkstätten Süd mit Sitz in Stuttgart. In diesen Märkten arbeiten Beschäftigte mit und ohne Behinderung Seite an Seite. Im Jahr darauf folgte eine zweite Filiale auf dem Kaiserslauterer Bänjerrück. Von jeweils rund 550 Kassenvorgängen pro Tag sprechen Geschäftsführer und Prokurist, die mit der Entwicklung der Vollsortimenter voll zufrieden sind.

„Leute arbeiten gerne bei uns“

Eine Aussage, die auf die RBG insgesamt übertragen werden kann. Das Ziel, schwerbehinderten beziehungsweise schwer vermittelbaren Menschen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu ebnen, sehen die Verantwortlichen erfüllt. „Die Leute arbeiten gerne und oft auch lange bei uns“, sagt Müller. Und wenn jemand die Firma als Sprungbrett zu einem „normalen“ Betrieb nutzt, dann „freuen wir uns und unterstützen das“, betont Philipp.

Nun gelte es, „das Niveau mindestens zu halten, immer unter Beachtung der Wirtschaftlichkeit“, blickt Walter voraus. Der Schwerpunkt werde künftig wohl noch stärker auf dem Dienstleistungssektor liegen – weitere CAP-Märkte und der Einstieg in andere Dienstleistungsbereiche seien denkbar. Doch auch Industriekunden „stehen wir natürlich weiterhin für Produktionen oder Montagen zur Verfügung“, so Walter. Und Philipp ergänzt: „Wir sitzen nicht da und warten ab, sondern schauen, was könnte für uns noch möglich sein.“ Rockenhausener Beschäftigungsgesellschaft: Den Namen sollte man sich merken!

Daten & Fakten: Rockenhausener Beschäftigungsgesellschaft

Gründungsjahr: 1999

Organisationsform: gGmbH

Mitarbeiter: 160 (davon rund 40 Prozent mit Beeinträchtigung)

Vollzeitstellen: 78

Umsatz: 5,2 Millionen Euro (2019)

Stammkunden: ca. 10

Fuhrpark: 52 Fahrzeuge (überwiegend Kleinbusse, 5 Klein-Lkw)

Drittgrößter Arbeitgeber in Rockenhausen (nach der Firma Adient und dem Mutter-Unternehmen Zoar)

 RBG-Mitarbeiter stecken und schrauben Halterungen aus Metall zusammen. Mit ihnen werden Solaranlagen auf Dächern fixiert.
RBG-Mitarbeiter stecken und schrauben Halterungen aus Metall zusammen. Mit ihnen werden Solaranlagen auf Dächern fixiert.
Für den Autozulieferer Adient lagert die RBG Stahl ein. Dieser wird bei Bedarf ins benachbarte Werk gebracht.
Für den Autozulieferer Adient lagert die RBG Stahl ein. Dieser wird bei Bedarf ins benachbarte Werk gebracht.
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