Bischheim / Eisenberg RHEINPFALZ Plus Artikel Hilfe für Erdbebenopfer: Organisator und Mitstreiter von Flut der Spenden überwältigt

Freut sich riesig über die Hilfsbereitschaft der Nordpfälzer: Mutlu Ciftci.
Freut sich riesig über die Hilfsbereitschaft der Nordpfälzer: Mutlu Ciftci.

Vor einer Woche bebte in der Türkei und Syrien die Erde. Ungezählte Menschen haben ihr Zuhause verloren, mehr als 30.000 ihr Leben gelassen. Auch am Donnersberg hat die Tragödie Hilfsbereitschaft ausgelöst. In Bischheim ist am Samstag eine große Menge an Hilfsgütern angerollt. Den Menschen ohne Dach überm Kopf hilft ein Architekt.

Der in Kirchheimbolanden lebende Architekt Mutlu Ciftci zögerte nicht lange: Sein Ziel war es, kurzfristig dringend benötigte Hilfsmittel in das türkische Katastrophengebiet zu schicken. Unterstützung fand er bei zahlreichen Geschäftsleuten, Gruppierungen oder auch bei der Integrierten Gesamtschule Eisenberg. Ciftci, dessen Wurzeln in Mittelanatolien liegen, konnte auch auf den Verein Anatolisches Kulturhaus Nurhak zählen, der in Gundersweiler sitzt.

Zuerst wollte er eine Sammelstelle in seiner Garage einrichten, aber schnell wurde klar, dass das nicht ausreicht. Ciftci, der kommunalpolitisch in Stadt und Verbandsgemeinde Kirchheimbolanden aktiv ist, fand auch dabei Unterstützung. Bischheims Ortsbürgermeister Michael Brack sorgte dafür, das die Turnhalle genutzt werden konnte.

Autos stehen Stoßstange an Stoßstange

Am Samstag kommen schon früh die ersten Helfer, richten Sortierplätze ein, bauen Pappkartons mit Beschriftung auf, und dann geht es los: In der Hauptstraße zur Turnhalle hin stehen Fahrzeuge mit Hilfspaketen Stoßstange an Stoßstange. Sie werden einzeln herangelotst. „Bleiben sie bitte sitzen, wir holen alles aus dem Kofferraum“, sagen die Helfer zu den Spendern.

Im Takt geht das über fast zwei Stunden hinweg. In der Halle tummeln sich zeitweise 100 Helfer und erwecken den Eindruck eines mächtigen Chaos. Doch der Schein trügt. Alle wissen, was sie zu machen haben. An den Sortierstellen sichten überwiegend Frauen jedes Kleidungsstück und sortieren alles in Versandkisten ein.

Papierkram unvermeidlich

„Wir müssen die komplette Ladung auflisten“, erläutert Ciftci. Für Hilfslieferungen in die Türkei gelten nach seinen Worten internationale Frachtbestimmungen, mindestens fünf Zollstellen gilt es zu passieren. Zolldokumente wie Warenausfuhr- sowie auch Einfuhrbescheinigungen seien notwendig. Über das türkische Konsulat sei Unterstützung zugesagt worden.

Vor Halle herrscht Paketstau

In den meisten Paketen ist der Inhalt bunt gemischt: Da finden sich Papierwindeln, eine warme Decke, Hygieneartikel und weitere Kleidungsstücke. Kaputte Textilien, die geliefert werden, landen im Lumpensack. Zwischenzeitlich gibt es vor der Halle einen Paketstau – weil viele abgegeben, gleichzeitig aber auch bereits verpackte verladen und mit Kleintransportern in eine Halle bei Orbis gebracht werden. Dort ist ein Zwischenlager eingerichtet, das der zum Transport vorgesehene 40-Tonner-Sattelzug besser anfahren kann.

Genug an Kleidern – Decken gefragt

Plötzlich wird es laut in der Halle. Es ist die Aufforderung an die Männer, eine Menschenkette zu bilden, um die Spenden von draußen zunächst auf die Bühne zu transportieren. Jetzt passt alles wieder. Mittlerweile ist es 11.15 Uhr und Ciftci entscheidet: Ab jetzt keine Kleidung mehr, nur noch Babyartikel, Decken und Schlafsäcke werden angenommen. Die Botschaft wird an die Autofahrer weitergegeben, die in der Warteschlange stehen.

„Das kennen wir. Das haben wir bei der Ahrtal-Spendensammlung auch erlebt“, sagt einer der Spender und zeigte Verständnis. „Das wird wohl nicht die letzte Sammlung bleiben“, sagt er und fuhr weiter. Am Rande des Geschehens steht Ersan Dogan aus Kirchheimbolanden. Er erzählt, dass seine Eltern und Geschwister in der Stadt Kahramanmara, dem Epizentrum der Katastrophe, leben, aber zum Glück in einem Außenbezirk. Sie seien soweit unversehrt.

Ersan Dogan sorgt sich um seine Eltern

Dogan hat telefonischen Kontakt zu seiner Mutter und macht sich Sorgen um seinen 80-jährigen Vater. Die meist zweigeschossige Häusern in ihrer Wohnumgebung seien überwiegend nicht zerstört, aber dennoch unbewohnbar. Die Mauern hätten sich verschoben, die Häuser seien baufällig. Fließendes Wasser gebe es nicht, Elektrizität nur sporadisch. Seine Eltern lebten in einem Zelt. Sie hätten noch Gegenstände aus dem Haus retten können. Zu essen gebe es genug, doch die Kälte setze den Menschen zu. Dogan zeigt sich über die große Anzahl der Helfer in Bischheim froh.

Bis in die frühen Nachmittagsstunden läuft die Umpackaktion. Zwischendurch wird klar, dass die Spenden für mindestens fünf Sattelschlepper füllen. Der Plan, in der Nacht zum Montag den ersten Lkw auf die Reise zu schicken, wird umgeworfen. Ciftci, der Kontakte in das Krisengebiet und zum türkischen Katastrophenschutz Afad hat, präsentiert einen neuen Plan. „Wir schicken die Lkw hier los, wenn der Afad grünes Licht gibt“, berichtet er. Das werde noch etwas dauern. „Wir wollen sicherstellen, dass die Lkws so zügig wie möglich die 3500 Kilometer lange Strecke bewältigen können“, sagt Ciftci.

Reise dauert mindestens acht Tage

Die Strecke über Österreich, Ungarn, Serbien, Bulgarien zur türkischen Grenze. Von Istanbul sind es noch rund 1100 Kilometer, teilweise über Landstraßen. Gerechnet wird mit einer Reisezeit von acht bis zehn Tagen. Doch bevor es losgeht, müssen einige Helfer noch einmal in Orbis antreten und die Sattelzüge beladen.

Spenden

Die Helfer haben ein Konto eingerichtet, auf dem auch Geldspenden willkommen sind, nicht zuletzt um die Transportkosten zu bestreiten. Konto: Anatolisches Kulturhaus, IBAN: DE55 5086 2903 0000 02 68 75. Stichwort: Spende für Erdbebenkatastrophe.

Rege Betriebsamkeit in der Bischheimer Halle: Viele Helfer hatten alle Hände voll zu tun.
Rege Betriebsamkeit in der Bischheimer Halle: Viele Helfer hatten alle Hände voll zu tun.
All die Güter mussten sortiert und neu verpackt werden.
All die Güter mussten sortiert und neu verpackt werden.
x