Rüssingen Geschichtsstunde mal anders

Im Stück „Im Galopp durch die Zeiten“ wird ganz zurückgeblickt ins Jahr der Ersterwähnung von Rüssingen im Kloster Lorsch 773. V
Im Stück »Im Galopp durch die Zeiten« wird ganz zurückgeblickt ins Jahr der Ersterwähnung von Rüssingen im Kloster Lorsch 773. Von links: Ein Mönch (Guido Brieschke) und Abt Gundeland (Max Hartenbach) .

Eingeläutet hatten die Rüssinger ihr Jubiläumsjahr, indem sie am Neujahrstag eine alte Tradition hatten aufleben lassen. Zum Abschluss des 1250. Dorfjubiläums bot das Theaterstück „Im Galopp durch die Zeiten“ jede Menge Einblicke in die Historie. Zum Beispiel, was der bis zuletzt kontrovers diskutierte Sarotti-Mohr mit dem Ort zu tun hat.

„Und ich düse, düse, düse, düse, düse im Sauseschritt …“, trällert Futura Z. Timeless (Sandra Kimmel), als sie auf ihrem E-Pferd – ein Roller mit Ponykopf, der mit Lichterketten behangen ist, wie die Fahrerin selbst – durch die Jahrhunderte reitet. Sie bremst abrupt neben dem Sessel, auf dem es sich Erzähler Ludger Grünewald bequem gemacht hat und aus der Dorfchronik liest. Gerade hat er von der ersten urkundlichen Erwähnung der Rossunga Marca (Ort der Rösser) in der Lorscher Abtei 773 berichtet.

1250 Jahre später, 2023, hat Rüssingen gefeiert – zwölf Monate lang. Am 1. Januar war das Jubiläumsjahr im Wortsinn eingeläutet worden. Denn am Neujahrstag war es früher Usus gewesen, dass der Rüssinger Gemeindediener seine Bekanntmachungen öffentlich vermeldete. Diese Tradition lebte in diesem Jahr bei einem Zug durch den Ort wieder auf, und auch im Laufe des Jahres wurden Jubiläumsveranstaltungen per Ausschellen bekanntgegeben. Einen offiziellen Festakt gab es im April, zum Dorffest im Juni wieder eine „lebendige Museumsstraße“, dazwischen jede Menge jubiläumsbezogene Veranstaltungen wie eine Studienfahrt nach Lorsch, wo es die ehemalige Toranlage des Klosters aus der Karolingerzeit zu besichtigen gibt, diverse Lesungen und Geschichtscafés, eine historische Gaulssteigwanderung, und natürlich stand auch der Kerweumzug ganz unter dem Zeichen des Jubiläums.

Mit einer ordentlichen Prise Humor

Jede Menge Möglichkeiten, sich mit der Rüssinger Geschichte auseinanderzusetzen, wurden 2023 selbstredend angeboten. So auch beim Theaterstück „Im Galopp durch die Zeiten“ im vollbesetzten Dorfgemeinschaftshaus, das kurz vor Ende des Jubiläumsjahres nochmal einen echten Höhepunkt bildete. Das Stück nimmt sein Publikum mit ins Kloster Lorsch im Jahr 773. So oder ähnlich kann es sich abgespielt haben, als der freie Bauer Albuin (Etienne Griebe) mit seiner Frau Romina (Marie Steuerwald) den Mönchen unter Abt Gundeland (Max Hartenbach) drei Joch Acker bei Dahlsheim und ein halbes Joch Pflugland in der Rossunga Marca, der Gemarkung Rüssingen, schenkte. Mit einer ordentlichen Prise Humor wird dieser Vorgang in der gut recherchierten Historie dargestellt.

Insgesamt 13 Schlaglichter der Geschichte ihrer Wahlheimat hat die Lehrerin und Keramikkünstlerin Ursel Grünewald mit enormem Engagement in Szene gesetzt. Der Titel des knapp dreistündigen Theaterstücks, „Im Galopp durch die Zeiten“, passt zum Ortswappen mit dem springenden Pferd. Grünewald hatte sich dafür Leute gesucht, die Lust am Schauspiel haben. Am Ende schlüpfen, einschließlich ihr selbst, 25 Männer und Frauen in 39 Rollen. Allein fünf von ihnen stellen jeweils drei unterschiedliche Charaktere dar. Durch den krankheitsbedingten Ausfall einer jungen Frau am Vortag der Aufführung wären drei Figuren ausgefallen, aber Hanna Hutter ist spontan eingesprungen und hat zumindest zwei ersetzt. Zum einen das weinende Kind, das mit seiner Mutter (Steffi Laufer) Ende des 19. Jahrhunderts vor dem Hunger in der Pfalz nach Pennsylvania auswandert, seine Heimat Rüssingen aber nicht verlassen möchte. Zum anderen eine vollkommen überdrehte Influencerin in der heutigen Zeit, die mit ihrer Freundin (Selina Kaufhold) vor einer Leinwand voller Whatsapp-Nachrichten Selfie-Videos dreht. Beide Rollen füllt Hutter sehr authentisch aus und transportiert dabei ausgezeichnet und mitreißend die jeweiligen Emotionen. Generell lässt sich festhalten, dass alle Akteure mit großem Herzblut dabei sind.

Immenser Aufwand für einen Auftritt

Das Theaterstück, das auf der rund 800 Seiten starken Chronik „Rüssingen erzählt seine Geschichte“ basiert, für die Arno Stuppy und seine Frau Birgit Baqué-Stuppy vier Jahre lang recherchiert hatten, ist sehr lehrreich. So wird nicht jedem Besucher bewusst gewesen sein, dass der Schöpfer des Sarotti-Mohrs (Christa Heun), Professor Albert Lauermann, aus dem Dorf stammte. Bei dieser Szene werden die Zuschauer in besonderer Weise ins Geschehen eingebunden: Die Werbefigur – die mittlerweile „Sarotti-Magier der Sinne“ heißt, weil sie wegen möglicher rassistischer Stereotype zuweilen in der Kritik gestanden hatte – läuft mit einem Körbchen voller Schokoladen-Täfelchen durch die Reihen, und jeder, der mag, darf hineingreifen.

Zu erfahren ist auch, dass in der Rüssinger Erde römische Keramik gefunden wurde, die es nur hier und nirgendwo anders gab: zu erkennen an speziellen Verzierungen. Schade nur, dass der immense Aufwand für lediglich eine einzige Aufführung betrieben wurde. Vielleicht ja aber auch nicht – denn das nächste Rüssinger Jubiläumsjahr kommt bestimmt. Und dann womöglich ja wieder mit Theaterstück.

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