Blickpunkt RHEINPFALZ Plus Artikel 50 Jahre Elfmeterschießen: Zwischen Sieg und Niederlage

Oliver Kahn (Mitte) hielt 2001 den entscheidenden Ball im Elfmeterschießen gegen den FC Valencia. Die Münchner gewannen die Cham
Oliver Kahn (Mitte) hielt 2001 den entscheidenden Ball im Elfmeterschießen gegen den FC Valencia. Die Münchner gewannen die Champions League. Carsten Jancker (links) und Hassan Salihamidzic feiern mit.

Bewegt ein Schuss aus elf Metern die Welt? Immer wieder hat das Elfmeterschießen in den 50 Jahren seit seiner Einführung zu spektakulären Entscheidungen geführt. Psychologisch, nervlich und auch taktisch ist es ein besonders Element des Fußballs. Das gilt nicht nur für die Profis, sondern auch für den Amateurfußball.

Es ist das „Grand Final“, eines jeden Fußballspiels, wenn sich in Pokal, Relegation oder auch bei kontinentalen Meisterschaften der Verlängerung das Elfmeterschießen anschließt. Mythen ranken sich darum – von Engländern, die nicht in der Lage sind, die Spielentscheidung aus elf Metern herbeizuführen, von möglichen Drückebergern wie Fußballnationalspieler Toni Kroos über Zettel in den Stutzen bei Jens Lehmann. Fast wortlos blieb Fernseh-Kommentator Marcel Reif zurück als im nur noch „Kahn – die Bayern“, entglitt, als der Titan im Champions-League-Finale 2001 gegen Valencia den entscheidenden Schuss hielt.

Borussia Mönchengladbachs Torwart-Legende Uwe Kamps gelang es im DFB-Pokal einmal alle vier Schüsse vom Punkt zu parieren. Eine 100-Prozent-Quote, die keinem Schlussmann mehr gelang. Auch wenn Daniel Batz (1. FC Saarbrücken) und Daniel Klewer (1. FC Nürnberg) ebenfalls vier Schützen zum Verzweifeln brachten – aber eben nicht alle. „Da war auch ich Saarbrücken-Fan sagt Patrick Jockers“, Damen-Trainer des FV Freinsheim, als der FCS im Viertelfinale die Düsseldorfer im Elfmeterschießen dank Batz aus dem Pokal kegelte.

20-Jähriger stellt 1936 Elfmeterschießen vor

Die typischen Glücks- und Frustmomente nach dem finalen Schuss sind dem gelernten Friseur Karl Wald zu verdanken. Als 20-Jähriger bekam er 1936 die Schiedsrichterlizenz. Vor einem halben Jahrhundert stellte er beim bayrischen Verbandstag die Idee des Elfmeterschießens vor.

Zuvor gab es viele Varianten wie ein Spiel beendet werden kann, wenn es nach regulärer Spielzeit und Verlängerung noch unentschieden steht. Losentscheid oder Münzwurf zum Beispiel. Oder ein Wiederholungsspiel wie im englischen FA-Cup. Walds schlug das Elfmeterschießen zur Entscheidung über Sieg und Niederlage vor: Zunächst fünf Schüsse pro Mannschaft, dann abwechselnd ein Schuss bis eine Mannschaft trifft, die andere aber nicht. Die Idee fand weltweit großen Anklang. Bei der EM 1976 wurde Uli Hoeneß zur tragischen Figur, als er den entscheidenden Elfer in den Belgrader Nachthimmel donnerte.

Seebachs Beck schoss als Keeper Elfmeter

„Der Torhüter ist ein guter Schütze“, sagt Roland Beck, Trainer des Bezirksligisten Rot-Weiss Seebach, der in seiner aktiven Zeit selbst zwischen den Pfosten stand. Er mimte des Öfteren den Hans-Jörg Butt der Amateurklassen und traf regelmäßig vom Punkt. Butt ist mit 26 per Elfmeter erzielten Toren treffsicherster Keeper der Bundesligageschichte.

„Für mich gehört das Elfmeterschießen zum Gesamtpaket dazu“, will Beck keineswegs auf diese Entscheidung verzichten. Damit spielt er auf den Vorschlag des holländischen Fußballstars Marco van Basten an, der zuletzt die Einführung eines Shootouts plante. Ähnlich wie beim Penaltyschießen im Eishockey sollte ein Spieler aus 25 Meter im 1:1-Duell auf den Torhüter zusteuern. In den 1990er Jahren gab es das schon einmal in der amerikanischen Major League Soccer. Ein Schütze hatte fünf Sekunden Zeit, den Ball aus 32 Metern im Tor unterzubringen.

Die wichtige Frage: Wer schießt?

Mehr Elfmeterhistorie gefällig? FC Frystak gegen SK Batov 1930 war kein Knallerduell. Doch bei der Partie in Tschechien gab es insgesamt 52 Elfmeter-Schützen, bis Batov im Jahr 2017 mit 22:21 siegte. Doch nicht nur ein Dauerelfmeterschießen bleibt in Erinnerung. Bei der Weltmeisterschaft 2006 mussten sich die Schweizer verspotten lassen, als sie im Achtelfinale gegen die Ukraine vom Punkt keinen einzigen Ball im Tor unterbrachten. Nach einem 0:3 im Elfmeterschießen mussten sie ohne ein Gegentor im gesamten Turnier aus dem Spiel heraus den kurzen Weg in die eidgenössische Heimat antreten.

Wichtig ist also die Frage, wer letztlich schießt. Da schaut Beck, wer sich in der Lage dazu fühlt. „Es sollen die schießen, die wollen. Es bringt nichts, einen schießen zu lassen, der die Hose voll hat. Ich habe es aber noch nie erlebt, dass ich keine fünf Schützen zusammenbekommen habe. Die Spieler können sich dann auch zeigen“, sagt der Bezirksliga-Trainer. Tipps an den Torhüter gebe es im Amateurfußball nur dann, wenn der Gegner bekannt ist.

Schütze soll Sicherheit zeigen

Auf die Frage, an welchen Elfmeter sich Coach Beck besonder gut erinnert, verweist er auf einen Strafstoß, der aber in der regulären Spielzeit verwandelt wurde: Andy Brehmes Siegtor gegen die Argentinier im WM-Finale 1990.

Haben es Frauen einfacher im Elfmeterschießen, weil die Keeperin eher etwas kleiner ist? Das will Jockers, Trainer des Frauen-Landesligisten aus Freinsheim so nicht unterschreiben. „Manchmal sind die Torhüterinnen schon kleiner. Die Mädels sind auch aufgeregter als die Männer“, erklärt der 35-Jährige, der die schießen lässt, die Sicherheit zeigen. Auch er sei Traditionalist, der ungern vom liebgewonnenen Elfmeterschießen abrücken würde.

ABBA und das Finale „Dahoam“

Wenig traditionell ist es, die Elfmeterlotterie mit ABBA in Verbindung zu bringen. Statt schwedischem Pop ist eine Regelung gemeint, die verhindern soll, dass Team A, das immer zuerst schießt, einen Vorteil hat. Statistisch haben die B-Schützen, die „nachlegen müssen“, nur eine Gewinnchance von 40 Prozent. Die ABBA-Regelung wurde bei der U17-Europameisterschaft 2017 getestet. Die Teams schießen nicht abwechselnd. Stattdessen beginnt Mannschaft A, dann kommt zweimal B, dann zweimal A und so weiter, bis je fünf Spieler pro Team dran waren. Steht dann kein Sieger fest, geht es im Rhythmus mit Team B weiter. „Das ist Schwachsinn, ich sehe da keinen Vorteil. Komplizierter als ABAB ist es aber nicht“, sagt Jockers. Er hat als spektakuläres Elfmeterschießen das Finale „Dahoam“ 2012 zwischen Bayern und Chelsea vor Augen, als die Münchener vor eigener Kulisse verloren.

Zuletzt gab es noch eine Regeländerung beim Elfmeterschießen, die für Aufregung sorgte: Seit der Saison 2019/20 muss der Torhüter mit einem Fuß auf der Linie bleiben. Zuvor sprangen die Torhüter den Schützen regelrecht entgegen. Etliche Wiederholungen inklusive Platzverweisen für die Schlussmänner hatte die Neuerung zur Folge. Dabei war es zuvor schon schwer genug für die Keeper, weil ein Schuss mit rund 100 Kilometern pro Stunde in 0,4 Sekunden auf den Torwart zufliegt und dieser im Normalfall auch noch eine Reaktionszeit von 0,2 Sekunden hat. Inzwischen wird die Regel etwas lockerer ausgelegt.

Der Schuss vom Punkt selbst ist übrigens viel älter, als das Elfmeterschießen. Der Strafstoß wurde Ende des 19. Jahrhunderts zuerst in Irland eingeführt.

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