Bad Dürkheim
40 Jahre Hamel-Zelt auf dem Wurstmarkt: Feiern auf Tischen und Bänken
Bei Inge Hamel hat Ilona Böhm gelernt, wie man ein Festzelt leitet. Anfang der 1990er- Jahre hat sie im Bar-Bereich des Zelts als Aushilfe angefangen. „Gastronomie ist für mich ein Nebenjob gewesen“, sagt die gebürtige Mannheimerin, die Bäckereifachverkäuferin lernte und dann in den öffentlichen Dienst wechselte: zunächst als Verwaltungsfachangestellte, dann als Verwaltungsfachwirtin beim Land Baden-Württemberg. Ausgelastet war sie wohl nicht, als sie bei Inge Hamel ihren Dienst am Wochenende antrat. „Die Inge hat gleich gemerkt, dass mehr in mir steckt, und mich gefragt, ob ich ihr und ihrem Mann im Büro helfen kann“, erzählt sie.
Der Rest ist Geschichte. Ilona Böhm machte die Arbeit im Festzelt schnell mehr Spaß als ihr Job am Schreibtisch. Als Inge Hamel 2011 in Rente ging, übernahm zunächst ein Jahr lang ein Getränkevertrieb die Regie, seit 2012 führt sie das Zelt alleine. Es heißt weiterhin Hamel-Zelt, weil die neue Chefin viel Wert legt auf das Lebenswerk ihrer Vorgängerin. Unter dem Namen Hamel hat es auch eine längere Tradition, als es die 40 Jahre auf dem Wurstmarkt vermuten lassen.
Marktmeister Kurt Lukas war begeistert
Der Zeltbetrieb wurde von der Darmstädter Schaustellerfamilie Hamel schon 1951 gegründet. Auf dem Darmstädter Heinerfest hatte das Zelt einen Stammplatz. Dort schaute auch der frühere Dürkheimer Marktmeister Kurt Lukas vorbei. Er war begeistert. „Er wollte unbedingt, dass wir auf den Wurstmarkt kommen“, erinnert sich Inge Hamel, die in ihrem Boot auf dem Eicher See ihren Ruhestand genießt. 1983 war es dann soweit. Georg Kalbfuß war noch Bürgermeister, der Wurstmarkt dauerte nur acht Tage und neben dem Hamel-Zelt gab es noch die Weinhalle der Gebrüder Franzreb, der Gebrüder Koch sowie die Bier- und Weinhalle Hausch. „Es hat fünf Jahre gedauert, bis wir unseren Durchbruch hatten“, erzählt die frühere Zeltwirtin von ihren Anfängen auf dem Wurstmarkt mit ihrem Mann Willi. Man habe viel investiert ins Musikprogramm, um insbesondere die Jugend anzusprechen. „Und die haben wir auch zuerst gekriegt“, sagt die fast 80-Jährige. Später sei das Hamel-Zelt auch bei den Älteren eine Institution geworden, als der Seniorennachmittag im Hamel-Zelt Einzug hielt.
Ein solcher Nachmittag blieb Inge Hamel besonders im Gedächtnis: „Da hat ein Dürkheimer Ehepaar bei uns Goldene Hochzeit gefeiert.“ Als die beiden erzählten, dass sie noch nie eine Hochzeitsreise gemacht hätten, habe sie spontan angekündigt, dass das Hamel-Zelt eine Reise spendiert. Wo das Paar hingefahren ist? „Die waren ganz bescheiden. Für 500 Euro in den Bayrischen Wald.“ Das Ehepaar sei auch später noch während ihrer Zeit als Festzeltwirtin jedes Jahr zum Seniorennachmittag gekommen.
Hamel: Wurstmarkt ist anstrengendstes Fest
Den Wurstmarkt hat Inge Hamel, deren Mann 2008 verstorben ist, als besonders anstrengendes Fest in Erinnerung. „Ich habe immer gesagt, der Wurstmarkt kostet mich ein Jahr meines Lebens“, sagt sie. Heute kann sie darüber lachen, da sie kurz vor ihrem 80. Geburtstag steht. Zum Wurstmarkt kommt die lebenslustige Dame noch jedes Jahr. So trifft sie dort auch gerne alte Freunde wie den ehemaligen Wagenmeister und Aufbauchef Martin Müller. Natürlich schaut sie auch im Hamel-Zelt vorbei.
Ilona Böhm freut sich über den engen Kontakt zu ihrer ehemaligen Chefin. Auch für sie ist der Wurstmarkt wie früher bei Inge Hamel der Höhepunkt im Jahr. „Es ist der ganze Charme hier. Der ist einfach unwiderstehlich“, schwärmt die 55-Jährige. Das Zusammenspiel der verschiedenen Bereiche sei einmalig. Die Aufteilung fasst Böhm so zusammen: „Im Weindorf wird gediegen gefeiert, im Schubkarchstand wird geschunkelt und ich hab die feiernden Chaoten.“ Wobei ihr das gar nichts ausmache. „Bei mir dürfen die jungen Leute auch auf die Tische drauf. Die sollen es hier ausnutzen, dass sie bei uns mal richtig auf den Putz hauen dürfen“, betont die Mutter einer 16-jährigen Tochter. Mittlerweile sei es auch gar nicht mehr so, dass regelmäßig Tische und Bänke kaputt gingen, die am nächsten Tag ersetzt werden müssten. „Wir haben die entsprechend verstärkt, damit sie länger halten“, sagt sie schmunzelnd. Jedoch gehe es seit etwa zehn Jahren auf dem Wurstmarkt und damit auch im Hamel-Zelt viel gesitteter zu als früher, betont die Zeltwirtin.
Mehr als drei Stunden Schlaf sind die Ausnahme
Security hilft Böhm ebenfalls dabei, dass das Feiern im Rahmen bleibt. Außerdem sei auch sie selbst für die jungen Leute eine Respektsperson. „Ich kann schon rigoros sein“, sagt die mutige Geschäftsfrau, die ein Team von 50 bis 70 Leuten beschäftigt. Während der Wurstmarkt-Tage ist sie froh, wenn sie drei Stunden Schlaf pro Nacht bekommt. In diesem Jahr ist das Hamel-Zelt sogar der einzige Zeltbetrieb auf dem Platz, was Böhm auch deutlich spürt. „Die Leute rennen mir die Bude ein“, sagt sie.
Musikalisch ist im Hamel-Zelt von Schlager bis Rock alles vertreten. Eintritt wird nicht verlangt, dafür sind die Getränkepreise ein bisschen höher als bei den Schubkärchlern oder im Weindorf. Den Wein liefern seit 40 Jahren die Vier-Jahreszeiten-Winzer. Am liebsten arbeitet Böhm mit regionalen Bands zusammen, die für einen Auftritt bei ihr Schlange stehen. Seit Jahren beenden Grand Malör den Wurstmarkt am Montag im Hamel-Zelt. Auch in diesem Jahr.



