Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Ex-Doktorvater des rheinland-pfälzischen AfD-Vize Paul bestätigt „blackshirt“-Adresse

Joachim Paul im Mainzer Landtag.
Joachim Paul im Mainzer Landtag. Foto: dpa

[Aktualisiert: 19.28 Uhr] Die Glaubwürdigkeit des AfD-Vizevorsitzenden und stellvertretenden Fraktionschefs im Landtag, Joachim Paul, wird weiter erschüttert. Auf RHEINPFALZ-Anfrage bestätigte Pauls früherer Doktorvater Ludolf Pelizaeus, Paul habe mit ihm unter den E-Mail-Adressen j.blackshirt@googlemail.com und blackshirt@gmx.net kommuniziert.

Mainz. Der AfD-Landesvize und stellvertretende Fraktionschef im Landtag, Joachim Paul, hat wiederholt bestritten, unter anderem im Medienausschuss des Landtages, E-Mails unter einer „blackshirt“-Adresse verschickt zu haben. Der Historiker Ludolf Pelizaeus bestätigte dagegen gestern einen Bericht des SWR, wonach Paul mit ihm über j.blackshirt@googlemail.com und blackshirt@gmx.net kommuniziert habe.

Bereits im Frühjahr hatte die Tageszeitung „taz“ berichtet, Paul habe 2011 in einer NPD-nahen Zeitschrift unter dem Namen „Karl Ludwig Sand“ einen verherrlichenden Text über den wegen Mordes verurteilten, faschistischen norwegischen Black-Metal-Musiker Varg Vikernes veröffentlicht – eingereicht unter der Adresse „blackshirt@hushmail.com“.

Paul bestreitet die Autorschaft. Noch am Mittwoch hatte er angekündigt, er werde rechtliche Schritte gegen die jüngsten Veröffentlichungen prüfen. In seiner Erklärung heißt es: „Da die Vorwürfe zu einer E-Mail-Adresse bereits widerlegt wurden, tauchen nun plötzlich weitere angebliche E-Mail-Adressen auf.“ Ausgangspunkt der Berichterstattung sei ein „Datendiebstahl durch das linksextreme Milieu“ gewesen.

„Blackshirt“ – Bezüge zum internationalen Faschismus

Dass nun sein früherer Doktorvater die Verwendung einer „blackshirt“-Adresse bestätigt, weckt erhebliche Zweifel an Pauls bisheriger Darstellung. Der Adressname ist nicht nur wegen der versendeten Inhalte fragwürdig. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Mitglieder der britischen faschistischen Partei „British Union of Fascists“ in den 1930er-Jahren als „Blackshirts“ bezeichnet wurden. Auch Mitglieder paramilitärischer Milizen der italienischen Faschisten hießen so, und nicht zuletzt trug die Waffen-SS im Dritten Reich wegen ihrer Kleidung den Beinamen „Schwarzhemden“.

Die erneuten Vorwürfe gegen Paul wiegen schwer. Nicht nur erhält der Verdacht, Paul habe über Varg Vikernes geschrieben, wieder Nahrung. Auch gibt sein damaliger Doktorvater nun an, er habe die Betreuung von Pauls Dissertation an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz 2013 beendet, weil er festgestellt habe, dass Paul „in der rechten Ecke“ verortet sei. „Das Betreuungsverhältnis wurde beendet, weil mir eine neutrale Bearbeitung des Themas durch Joachim Paul nicht mehr möglich schien“, sagte Pelizaeus auf RHEINPFALZ-Anfrage.

Staatsexamensarbeit über Himmlers Hexenkarthothek

Der inzwischen in Amiens, Frankreich, lehrende Historiker gab an, Pauls Staatsexamensarbeit mit dem Titel „Die Hexenkarthothek von Heinrich Himmler. Rolle und Auftrag von Friedrich Norfolk im Rahmen des H-Sonderauftrages“ sei mit „sehr gut“ bewertet worden. Er erinnere sich nicht mehr, ob die Idee zu einer anschließenden Dissertation von ihm oder von Paul ausgegangen sei, sagte Pelizaeus.

In der Doktorarbeit sollte es um eine Auseinandersetzung mit der Frage gehen, wie frühneuzeitliche Hexenprozesse in der Zeit des Nationalsozialismus wissenschaftlich untersucht wurden. Paul habe in der letzten Phase der Zusammenarbeit zunehmend Interpretationen übernommen, die stark an NS Deutungen erinnerten, sagte sein Ex-Doktorvater.

Paul selbst gibt an, die Zusammenarbeit sei im Einvernehmen beendet worden. Dass er an der Freien Universität Berlin einen weiteren Versuch für eine Promotion unternommen hat, bestätigte der Historiker Uwe Puschner der RHEINPFALZ. Weil sich Paul aber nach der Aufnahme als Doktorand nicht mehr gemeldet habe, beendete Puschner die Zusammenarbeit. Paul arbeitete bis zu seinem Einzug in den Landtag 2016 als Lehrer.

Bleibt Paul bei Landesparteitag Kandidat für Vorsitz?

Für den 48-jährigen Paul steht viel auf dem Spiel. SPD, FDP und Grüne im Landtag haben am Donnerstag eine Sondersitzung des Medienausschusses beantragt, um den umstrittenen AfD-Abgeordneten als Vorsitzenden abzuwählen. Die oppositionelle CDU unterstütze den Antrag, sagte deren Fraktionssprecher Tobias Diehm. Als Termin für die Sondersitzung ist der kommende Dienstag vorgesehen. Nach Angaben des Landtags reicht wie bei der Wahl des Vorsitzenden auch bei der Abwahl eine einfache Mehrheit. Bisher sei in Rheinland-Pfalz noch nie ein Ausschussvorsitzender abgewählt worden, sagte Landtagssprecher Marco Sussmann.

Doch es geht für Paul um noch viel mehr – um seine Zukunft in der Partei. Paul kandidiert auf dem AfD-Landesparteitag am 16. und 17. November in Bingen für den Landesvorsitz. Uwe Junge, der die Landes-AfD seit 2015 führt, tritt nicht erneut an, weil er Ambitionen auf ein Amt im Bundesvorstand hat. Paul ist bisher einziger Kandidat.

Paul betont: Stehe auf Boden des Grundgesetzes

Im Landtag fällt der Abgeordnete aus Koblenz mit seinen kritischen Äußerungen gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf, immer wieder rückt er die Grünen und teilweise die SPD in die Nähe des Linksextremismus. Außerdem prangert er Moscheebauten ebenso an wie das Tragen von Burkinis. Paul ist Mitglied im Kuratorium der Landeszentrale für politische Bildung und hat in früheren Stellungnahmen verteidigt, dass die AfD den umstrittenen freiberuflichen Historiker Stefan Scheil in das Gremium berufen hat.

Scheil wird Geschichtsrevisionismus vorgeworfen. Er publiziert unter anderem im Antaios-Verlag von Götz Kubitschek, der im Zentrum der Bewegung der Neuen Rechten steht. Wenn es völkische Bestrebungen in Deutschland gibt, dann führen viele Verbindungen nach Schnellroda, dem Sitz von Kubitscheks Unternehmungen.

Paul selbst hat sich wiederholt distanziert zu Kubitschek geäußert, aber es gibt Verbindungen zwischen Schnellroda und der „Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn“. Ihr wiederum gehört Paul an. Die Raczeks sind Teil des Dachverbands Deutsche Burschenschaft, in dem es 2011 letztlich gescheiterte Bestrebungen gab, nur noch Mitglieder „von deutschem Stamme“ aufzunehmen.

Paul selbst betont, er stehe auf dem Boden des Grundgesetzes. Dem rechten Flügel der Partei um den Thüringer Landeschef Björn Höcke rechnet er sich nicht zu, besucht auch nicht dessen „Kyffhäuser-Treffen“. Im Juli hat er als einer von 100 den innerparteilichen Aufruf gegen Höckes Personenkult unterzeichnet. Darin hieß es, die AfD sei keine „Höcke-Partei“.

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