Saarbrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Zwei-Stunden-Traum von einer besseren Welt mit Kettcar

Marcus Wiebusch, Sänger und Gitarrist von Kettcar.
Marcus Wiebusch, Sänger und Gitarrist von Kettcar.

Die Hamburger Indieband Kettcar hat sich nach mehrjähriger Pause mit einem neuen Album zurückgemeldet. Am Donnerstag war Tourauftakt in Saarbrücken. Und der lief so.

Vier Jahre, zweieinhalb Monate und eine Corona-Pandemie sind seit dem Ende der letzten Kettcar-Tournee vergangen. Seit einer Woche ist das Album „Gute Laune ungerecht verteilt“ auf dem Markt. Sechseinhalb Jahre sind seit dem Vorgänger „Ich vs. wir“ vergangen. Das sind lange Zeiträume in der schnelllebigen Musikbranche. Vielleicht hat die Indieband deshalb ein bisschen Anlauf vor dem eigentlichen Tourstart genommen und sich zuletzt auf kleineren Bühnen warm gespielt.

Dass sich Kettcar aus der Masse abheben, liegt nicht nur an den ungewöhnlichen Texten, moderne Lyrik, sondern auch daran, dass sie Stellung beziehen, Haltung zeigen und Missstände anprangern. Das ist ganz in der Tradition des Punk, in der die Musiker der Band verwurzelt sind. Dabei gehört die Band mit dem eigenen Plattenlabel Grand Hotel van Cleef mittlerweile selbst zum (musikalischen) Establishment, gegen das die Ur-Punks so gerne angesungen haben. Altersmäßig hat die Urbesetzung mit Marcus Wiebusch (Gesang, Gitarre), Reimer Bustorff (Bass), Erik Langer (Gitarre) und Lars Wiebusch (Keyboards) – Schlagzeuger Christian Hake kam erst 2010 dazu – die 50er-Marke überschritten.

Musik für die eigene Blase

Alte weiße Männer fast. Damit lässt sich kokettieren, schließlich spiegelt sich das auch im Publikum, in dem viele gut situierte Kapuzenpulliträger stehen. „Sind ja ein paar ältere Semester da“, bemerkte Sänger Marcus Wiebusch beim Blick ins Publikum, deutete auf einen Mann, ergänzte lachend: „Du, auch so wie ich.“

Seit der Veröffentlichung der ersten Single „München“ im Januar ist die Band medial sehr präsent. Immer wieder werden die Hauptsongschreiber Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff auf die Aussagen und die Wirkung ihrer Texte angesprochen. Die Hoffnung, dass die humanistischen Kettcar-Songs Menschen auf die richtige Seite ziehen, ist aber eine falsche. „Musik kann gar nichts. Sie hat gar nicht die Agenda dafür“, sagte Marcus Wiebusch am Donnerstag dem Saarbrücker Publikum, als er diese häufig gestellte Frage beantwortete. Denn die Musik von Kettcar erreicht in einer gespaltenen Gesellschaft nur noch die eigenen Klientel.

Die Garage in Saarbrücken war seit Wochen ausverkauft, Kettcar mit (von rechts) Reimer Bustorff, Marcus Wiebusch und Erik Langer
Die Garage in Saarbrücken war seit Wochen ausverkauft, Kettcar mit (von rechts) Reimer Bustorff, Marcus Wiebusch und Erik Langer wurde begeistert empfangen.

Man hänge „immer in der gleichen Blase“ ab, umschrieb es Marcus Wiebusch. Deshalb erreicht die Botschaft der Kettcar-Musik meist nur das Stammpublikum, das immer kommt. „Ich kenne euch ja alle, wir treffen immer die gleichen Leute“, sagte Bassist Reimer Bustorff. Dass Musik eine Revolution auslöst, glaubte wohl keiner in der seit Wochen ausverkauften Saarbrücker Garage. Die Botschaft verlässt die Blase nicht. Aber sie sorgt dafür, dass sich die in der Blase ihrer vergewissern, eine Gemeinschaft auf Zeit bilden, die daran glaubt, „dass die Welt ein bisschen besser wird“ (Wiebusch). Zumindest in den 115 Minuten, in denen das Quintett aus Hamburg auf der Bühne steht.

Fünf Songs vom neuen Album

Fünf Songs des neuen Albums spielten Kettcar an diesem Abend, 17 weitere spannten einen Bogen vom ersten Album „Du und wieviel von deinen Freunden“ aus dem Jahr 2002 bis zum „Gute Laune“-Vorgänger „Ich vs. wir“ aus dem Jahr 2017. „Auch für mich 6. Stunde“ bildete den Auftakt. Obwohl gerade erst veröffentlicht, ist vielen der Text schon vertraut. Es geht um die zunehmende Individualisierung, die Auswüchse des Neoliberalismus, den Verlust gemeinsamer Werte und den Hoffnungsschimmer eines Bengalos in der Nacht.

Kann auch lachen: Marcus Wiebusch im Zwiegespräch mit seinem Bassisten.
Kann auch lachen: Marcus Wiebusch im Zwiegespräch mit seinem Bassisten.

Zwei wichtige Kettcar-Songs reihte die Band aneinander: „Sommer ’89“ , eine Story über einen Fluchthelfer vor der deutsch-deutschen Grenzöffnung, und „München“, eine Geschichte über Alltagsrassismus. Auch „Der Tag wird kommen“, einen Song gegen Homophobie, eine Hymne auf das Outing prominenter schwuler Fußballer, hat die Band im Programm. Es sind intensive Stücke, bei denen klar wird, dass sich die Wertvorstellungen derer auf der Bühne mit denen davor decken.

Regelmäßig und gerne im Saarland

„Landungsbrücken raus“ ist der Klassiker der Band, stammt vom ersten Album und beendete den regulären Teil des Konzerts, das zur Zeitreise durch 22 Kettcar-Jahre wurde. Vier Zugaben folgten. „Ich danke der Academy“ und „Deiche“ wurden die rauschenden Rausschmeißer. Da hatte die Stimmung den Höhepunkt erreicht. Den Grundstein hatte die Vorband Kochkraft durch KMA gelegt, ihr extrovertierter Elektropunk kam richtig gut an.

Fühlt sich im Kreis „älterer Semester“ wohl: Marcus Wiebusch.
Fühlt sich im Kreis »älterer Semester« wohl: Marcus Wiebusch.

Das Saarland ist ein gutes Pflaster für Kettcar. 2003, zu Beginn der Karriere, ist die Band im saarpfälzischen Blieskastel aufgetreten. Auch 2018 hatte sie in der Saarbrücker Garage ihre Tour eröffnet. Der Albumtitel „Gute Laune ungerecht verteilt“ passte am Donnerstag nicht. Beim Tourauftakt war sie absolut gerecht verteilt. Und zwar unter allen, die nach dem knapp zweistündigen Kettcar-Auftritt die Saarbrücker Garage verließen. Von der Euphorie des Publikums getragen, lieferte Kettcar einen famosen Auftritt ab. Als wären sie nie weg gewesen.

Konzerte in der Region

27. Juli Karlsruhe, Zeltival; 4. August Mainz KUZ Open Air; 28. August Trier, Brunnenhof.

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