Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Wirbel um Nacktbilder

Zerstörtes Kunstwerk von Anna Maria Bieniek.
Zerstörtes Kunstwerk von Anna Maria Bieniek.

In den USA gibt es Wirbel um die Nacktbilder des Amazon-Gründers – Gute abendländische Tradition wäre es, sie einfach herzuzeigen

In Erlangen stolperte vor Kurzem ein Mann über einen Riesen-Penis. Das Ding stand gerade mal eine Stunde aufrecht. Eine Skulptur der Künstlerin Anna Maria Bieniek, die im Kunstpalais ausgestellt wurde. Jetzt ist das Werk kaputt. Sein Titel: „Ich bin kein Spielzeug“. Trotzdem ist die Lage in den USA noch mal ernster. Dort streiten, wie es scheint, der reichste und der mächtigste Mann der Welt, nein, nicht darum, wer den Größten hat. Das heißt, irgendwie doch. Der Boulevard-Verleger David Pecker, ein guter Freund von US-Präsident Donald Trump, hat angeblich Amazon-Gründer Jeff Bezos erpresst. Mit Fotos, die den Geld-Kaiser mittig nackt zeigen, wo immer Peckers „National Enquirer“ sie auch her hat. Hintergrund soll aber die blanke Wut des orangehaarigen Präsidenten auf Bezos sein.

Ab wann sind Hände eigentlich groß genug?

Bezos ist auch Eigner der „Washington Post“, die für Trump einer seiner Hauptfeinde darstellt. Ob auch Neid hinter dem Phall steckt, unklar. Kommt darauf an, ob der Präsident die Fotos kennt. Dazu muss man sich nur die Hände der Kontrahenten ansehen. Die von Bezos sehen normal groß aus. Trump indes bestreitet vehement, dass seine klein sind. Offenbar bestehen in diesem Zusammenhang Rückschluss-Möglichkeiten. Die immerwährend wichtige Frage am Rand ist jetzt: Ab wann sind Hände eigentlich groß genug? Doch zurück zu den nackten Tatsachen. Bezos jedenfalls hat den Schriftverkehr mit dem „National Enquirer“ offengelegt. Er liest sich so, als ob Bezos mit den Bildern erpresst wird. Der wiederum hat eine Medien-Debatte losgetreten, in der er als Opfer erscheint. Eine Heldentat wäre indes gewesen, er hätte gleich das Corpus Delicti veröffentlicht.

Googeln Sie doch mal "Priapos"

Plötzlich wären Digitalwelt und Antike vor aller Augen in eins gesetzt. Das Unaussprechliche herzuzeigen, ist schließlich gute abendländische Tradition. Angefangen mit dem dauererregten Fruchtbarkeitsgott Priapos (Näheres bitte googeln), bis hin zu den nicht immer insgeheimen Fortschreibungen mit E-Mail, WhatsApp, auf Instagram und Tumblr. Durch die Welt müssen Milliarden einschlägiger Ansichten schwirren. Aber auch die Museen strotzen nur so von kleiderlosen Kerlen in Anmach-Posen. Michelangelos Skulptur des David, ist kompositorisch geradezu Penis-fixiert. Und weiter so geht es in der Kunstgeschichte mit den männlichen Nudisten. Von hellenischen Vasen, über Peter Paul Rubens, bis zu Egon Schiele, von dem eine Menge vergrübelt-hüllenloser Selbstporträts existieren. Von leidlich bekleideten christlichen Märtyrergestalten, über Gustav Klimt, Oskar Kokoschka oder dem bedrückend unverstellten Bild, das Felix Nussbaum abgibt, hin zu Andy Warhols stolzgeschwellter Penis-Siebdruckserie.

Der nackte Mann, feministisch betrachtet

Eines der Hauptbilder unter den anatomischen Studien ist ein Werk des Fotografen Robert Mapplethorpe, dessen harmlosester Teil der Titel ist, übersetzt „Mann im Polyester-Anzug“. Dabei lappt das, sorry, beste Stück eines Typen aus dem Textil, dessen Hände vergleichsweise winzig aussehen. Wer sich das, bitte nicht nachmachen, alles vor Augen hält, könnte gerade zu der Überzeugung gelangen, dass Bilder von ihm ohne alles geradezu von kulturbildender Wucht sind. Oder um es mit dem Dichter Ernst Jandl zu sagen: „Phallus klebt allus.“ Kein Wunder, dass in Saarbrücken noch nicht so lange her eine Ausstellung lief, die sich mit dem nackten Mann aus feministischer Perspektive beschäftigte. „In the cut“, hieß die Schau. Im Schnitt, auf Deutsch. Im Schritt ist wohl zu naheliegend gewesen.

Annex oder Zentrum?

Das Linzer Lentos Museum und das Leopold Museum Wien derweil bekriegten sich vor einiger Zeit geradezu mit zwei zur gleichen Zeit laufenden, ziemlich gleichlautenden Schauen, deren Sujet jeweils der nackte Mann war. Auch das Katalogstudium offenbart tief sitzende Differenzen. Für die Wiener Mit-Ausstellungsmacherin Elisabeth Leopold, Jahrgang 1926, ist dabei zu erfahren, sei der Penis „nur ein Annex“. Die Linzer dagegen zitieren Dudley Seth Danoff, Autor des Buches „Penis-Power“. Das Ding, meint er, sei die „Achse, um die Körper und Persönlichkeit eines Mannes kreisen.“ Was jetzt, Annex oder Zentrum? Fragen Sie nicht Trump. Denn für die Mehrheit von uns Männern dürfte die Wahrheit – bildlich gesprochen – zwischen Scheitel und Sohle liegen.

Urbild des herzeigfreudigen nackten Mannes: Michelangelos David in der Galleria dell’Accademia in Florenz.
Urbild des herzeigfreudigen nackten Mannes: Michelangelos David in der Galleria dell’Accademia in Florenz.
Politikum: Die Hände von Donald Trump.
Politikum: Die Hände von Donald Trump.
Bezos
Amazon-Chef Jeff Bezos.
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