Serie RHEINPFALZ Plus Artikel Was wir jetzt brauchen: Rezepte von Oma

Was fehlt? Ein Rezept, die „Verheißung eines Gerichts“, wie der Schriftsteller Lawrence Norfolk sagt.
Was fehlt? Ein Rezept, die »Verheißung eines Gerichts«, wie der Schriftsteller Lawrence Norfolk sagt.

Was wir jetzt brauchen sind Rezepte. Natürlich solche, wie wir mit dem Virus ohne dauerhaften Ausnahmezustand leben können, aber auch und gerade in diesen Lockdownwochen ganz lebenspraktisch solche, die wir nachkochen können. Denn der Grieche um die Ecke hat geschlossen, der Lieblingsitaliener ist zu, das Ausflugslokal darf seine Türen nicht öffnen, und nur die wenigsten Restaurants in der näheren Umgebung haben einen Lieferdienst eingerichtet.

Außer Pizza, Burger und Döner gibt es daher nicht viel auf die Hand und in den Magen. Tag-für-Tag-tauglich ist das nicht, weder geschmacklich, noch gesundheitlich. Also bleibt nur: selbst kochen. Möglichst frisch, möglichst abwechslungsreich, möglichst schmackhaft. Sind jedoch erst einmal alle Leibgerichte wie Brokkoli-Nudeln, Bohnen-Karotten-Kartoffel-Gratin und Wildschweingulasch mit Semmelknödeln und Rotkraut zubereitet, bleibt noch viel Monat übrig, und es stellt sich die Frage: Was nun?

Omas Kochbuch

Helfen können drei ganz prosaische Worte, getippt auf einer Computertastatur oder Google ins allzeit bereite Mikrofon diktiert: Rezept des Tages. Aus vielen Ideensammlungen lässt sich da auswählen, Rezepte für Hausmannskost, schnell Gekochtes oder experimentell Veganes spuckt das virtuelle Gedächtnis der Welt in Sekundenschnelle aus.

Aber es geht auch poetischer. Der Griff zum Bücherregal jenseits der Küche hält nämlich ebenfalls einiges Interessantes bereit. Goethe etwa, übrigens ein wohl bescheidener Esser, würdigte auf seine Art die Sardellen. „Die Welt ist wie ein Sardellensalat, er schmeckt uns früh, er schmeckt uns spat“, dichtete er einst. Opulenter wird in „Babettes Fest“ von Tania Blixen, in „Das Festmahl des John Saturnall“ von Lawrence Norfolk sowie bei Thomas Manns „Buddenbrooks“ aufgetischt.

Fleisch und Fisch natürlich, in allen Variationen und zum Schluss was Süßes hinterher. Nicht immer bekommt allen alles. Gegen heißen Punsch aber – vielleicht schon das Passende für die Silvesternacht – haben wenige etwas einzuwenden. Schiller besingt ihn und E.T.A. Hoffmann feiert ihn nicht nur in „Der goldene Topf“.

Alltagstauglich aber sind die Gerichte der Weltliteratur wohl doch eher nicht. Dann löffeln wir lieber mit dem armen Franz Kafka einen Grießpudding mit Himbeersirup. Es ist eines der wenigen kulinarischen Vergnügen, die dem an Lungen- und Kehlkopftuberkulose Erkrankten blieben.

Edenkobener Auflauf

Ein solcher Grießpudding findet sich auch in dem vom häufigen Gebrauch über fast ein Jahrhundert lang arg zerfledderten Kochbuch meiner Großmutter. Ein tröstendes Gericht in jeder Krise. Ebenso von innen wärmend wie die dort verzeichnete geröstete Grießsuppe, die einfache Linsen- und die herbstliche Kürbissuppe. Zwar klingt die Kapitelüberschrift „Wasser- oder Fasten-Suppen“, unter der sie stehen, wenig verheißungsvoll, aber sie gelingen und schmecken, wie die Kindheitserfahrung gelehrt hat.

Der Vorteil des Büchleins: Alle Rezepte, vom gebackenen Blumenkohl über den Falschen Hasen und den Kartoffelsalat bis zum Edenkobener Auflauf – in Milch getränktes Weißbrot mit Zimt, Zucker und Korinthen, mit eingemachten Aprikosen und Eischnee als Haube, im Ofen überbacken – eignen sich für die Laienküche. Der Nachteil: Es fehlen die Bilder. Bei heutigen Kochbüchern hingegen stellt sich der Genuss nicht erst dann ein, wenn es dem Koch gelungen ist, aus dem Aufgeschriebenen etwas Auf-dem-Tisch-Stehendes zu machen, sondern schon beim Betrachten des Buches selbst. Eher wie Kunstwerke wirken die auf Tellern und in Schälchen drapierten Nahrungsmittel.

Der Feinschmecker Rossini

Als ein solches kulinarisches Gesamtkunstwerk ließe sich sicherlich auch das Rinderfilet mit einer Scheibe Gänsestopfleber und schwarzen Trüffeln darüber ablichten. „Tournedos Rossini“ heißt die Kombination, benannt nach dem Komponisten Gioachino Rossini (1792 bis 1868), der Zeit seines Lebens besonders dem Essen zugetan war. (Gänse zu stopfen, um den eigenen Appetit zu stillen, galt damals, im 19. Jahrhundert, übrigens noch weniger Menschen als verwerflich als heute.) „Essen, lieben, singen, verdauen sind die vier Akte der komischen Oper, die Leben heißt“, soll Rossini einmal gesagt haben. Mittlerweile gibt es Bücher, die Rezepte auflisten, die dem Italiener geschmeckt haben sollen und die sich zum Beispiel auch als Anregung für aufwendigere Sonntagsmenüs eignen – für Vegetarier allerdings weniger.

Die könnten es hingegen jeden Tag mit Matthias Claudius halten: „Schön rötlich die Kartoffeln sind und weiß wie Alabaster! Sie däun sich lieblich und geschwind und sind für Mann und Frau und Kind ein rechtes Magenpflaster.“ Und das kann in diesen Zeiten ja wahrlich nicht schaden.

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