Kultur Wanderer zwischen den Welten
1949 ist Ernst Lothars Roman „Die Rückkehr“ erstmals erschienen – und blieb relativ unbeachtet durch die Öffentlichkeit. Das literarische Leben im deutschsprachigen Raum war ganz auf Neuanfang gestellt, dominiert von der „Gruppe 47“. Jetzt ist das Buch vom Zsolnay-Verlag neu herausgegeben worden. Eine echte Entdeckung.
Ernst Lothar wurde als Ernst Lothar Müller 1890 in Brünn geboren. Nach einer erfolgreichen Juristenlaufbahn wurde er zu einer der prägenden Gestalten des Wiener Theaterlebens: als Kritiker, Regisseur, später als Direktor des Theaters in der Josefstadt. 1938 emigrierte Lothar in die USA, wurde US-amerikanischer Staatsbürger und kehrte nach Kriegsende nach Wien zurück, um wieder am Theater zu arbeiten, sowohl an der Burg, als auch bei den Salzburger Festspielen. Das sind die biographischen Daten eines Schriftstellers, der sein Werk quasi zwischen den Welten, in zwei Sprachen verfasst hat, in Deutsch wie in Englisch. Sein Roman „Der Engel mit der Posaune“ beispielsweise war in den USA ein großer Erfolg. Dieses Leben, zerrissen zwischen der neuen und der alten Heimat, zwischen Verachtung und Liebe für sein Vaterland, ist auch die Folie, vor der dieser Roman zu lesen ist. Lothars Held Felix von Geldern, ebenfalls Jurist, kehrt als amerikanischer Staatsbürger nach Wien zurück, um die geschäftlichen Angelegenheiten seiner sehr reichen und rechtzeitig vor den Nazis geflohenen Familie zu klären. Acht Jahre hat ihn die Sehnsucht nach der Heimat, die Hoffnung auf eine Rückkehr in der Fremde am Leben gehalten. Doch diese Rückkehr in die Stadt seiner Träume wird zum Alptraum. Dabei war sich Felix so sicher, was Gut und was Böse sei, war, ähnlich wie die ihn begleitende Großmutter Victoria, überzeugt von der Schuld der Daheimgebliebenen, die Teil des Regimes geworden waren. Doch nach nur ein, zwei Tagen in Wien ist alle Gewissheit verloren. Felix findet sich nicht mehr zurecht in den alten Heimat – so wie er in der neuen nie wirklich angekommen ist. In den USA hat er Livia zurückgelassen, der er die Hochzeit versprochen hat. In Wien trifft er Gertrude wieder, die ihn einst verlassen hat und von der er glaubte, sie sei tot. Die Opernsängerin war ein Star in dem von den Nazis besetzten Wien, hatte wohl auch ein Verhältnis mit Reichspropagandaminister Goebbels. Und dennoch heiratet Felix sie in einer überstürzten Aktion, nur um sie noch am Hochzeitstag mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren. Die junge Frau erträgt die Vorwürfe nicht und vergiftet sich mit Gas. Zwei Frauen, zwei Welten. Hier die USA, dort Österreich. Und Felix als orientierungsloser Wanderer dazwischen. Keine Heimat, nirgends. Nicht bei der eigenwillig kühl und distanziert geschilderten Familie in den USA (sieht man von der geliebten Großmutter ab); nicht in Wien, wo sich seine Mutter geweigert hatte, das Land zu verlassen und stattdessen ein Verhältnis mit einem Nazi-Funktionär eingegangen ist. Lothar selbst ist nach dem Krieg nach Wien zurückgekehrt und sollte Recht sprechen, sollte urteilen und verurteilen. Man warf ihm einerseits vor, zu milde mit den Tätern umzugehen, andererseits zu hart gegenüber seinen Landsleuten zu sein. Felix sieht vor allem das Elend, sieht eine zerstörte Stadt, deren einzigartige Schönheit auch noch durch die Trümmerberge durchscheint; er sieht hungrige Kinderaugen, die ihn beobachten, wenn er aus den amerikanischen Geschäften mit vollgepackten Tüten kommt; er sieht Menschen, die zutiefst bereuen, was geschehen ist, was sie getan haben. Und er ist bereit, zu vergeben. Vielleicht kam das Buch 1949 einfach zu früh. Die einen, die Täter, wollten nicht an Schuld und Vergehen, an die Vergangenheit erinnert werden; die anderen, die Opfer und ihre Angehörigen, waren verständlicherweise nicht in der Lage, zu verzeihen. Lothar aber macht es sich nicht leicht, er weigert sich, eine Kollektivschuld zu akzeptieren, weigert sich, seine Heimat, seine Herkunft, seine Identität auf alle Zeiten zu verurteilen. Die Frage, die er sich stellt, bleibt aktuell: Was hätte ich getan? Wäre ich aufgestanden und hätte gegen die Diktatur gekämpft? Oder wäre ich vielleicht auch nur ein Mitläufer gewesen? Es ist eine Rückkehr in eine Welt ohne Hoffnung, in ein Land, das einen hohen Preis dafür bezahlt hat, dass in seinem Namen unfassbare Verbrechen begangen wurden. Aber es ist eben – nicht nur für Felix – immer noch das Land Mozarts, Schuberts, Grillparzers. Eine Kulturnation, mitten in Europa, die fortbestehen wird, auch wenn sie sich für „tausend Jahre“ in die Arme der Barbarei geworfen hat. Lesezeichen Ernst Lothar: „Die Rückkehr“; Zsolnay; 432 Seiten; 26 Euro.