Pfalzgeschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Vor 116 Jahren: Tod im East River

Verzweifelte Passagiere retten sich vor dem Feuer durch einen Sprung in den Fluss.
Verzweifelte Passagiere retten sich vor dem Feuer durch einen Sprung in den Fluss.

Es sollte ein fröhlicher Dampferausflug mit Picknick werden und endete als opferreichste, zivile Schiffskatastrophe der USA. Der Untergang der „General Slocum“ im Juni 1904 bedeutete auch das Ende von „Little Germany“, der neuen Heimat tausender pfälzischer Einwanderer in New York.

Eine riesige Trauergemeinde – 15.000 Männer, Frauen und Kinder – versammelte sich ein Jahr später, am 15. Juni 1905, auf dem lutherischen All Faith-Friedhof in Middle Village/Queens. Anlass war die Einweihung der Gedenkstätte für die 61 nicht identifizierten Opfer der „General Slocum“-Katastrophe ein Jahr zuvor. Nach der Ansprache von Bischof Henry C. Popper von der Episkopal-Kirche, Chorälen, Fürbitten und Gebeten, betrat, unter Weinen und Schluchzen, Frau Anna Libenow die Plattform neben dem Monument. Zwei Töchter – Helen, sechs Jahre, und Anna drei Jahre alt – hatte sie bei dem Unglück verloren. Auf dem Arm hielt sie ihr Töchterchen Adele, mit eineinhalb Jahren die jüngste Überlebende der Schiffskatastrophe. An Adele war es, durch Ziehen an einer Leine, das mit einer US-Flagge bedeckte, vier Meter hohe Marmordenkmal, zu enthüllen. Seitdem versammeln sich dort alljährlich am Samstag vor dem 15. Juni die Nachkommen der Opfer zu einem Gedenkgottesdienst.

Zeitung aus Edenkoben berichtet tagesaktuell

Wenige Stunden nach Bekanntwerden des Unglücks, am 15. Juni 1904, hatte die Zeitung „Die Gegenwart“ in Edenkoben gemeldet, dass wohl mehr als 500 Menschen, vor allem Kinder, Opfer der Katastrophe geworden waren. Die Information bezog das pfälzische Blatt von seinem früheren Mitarbeiter Conrad Voelcker, der seit 1884 in New York die Zeitung „Der Pfälzer in Amerika“ herausgab. Weiter schrieb die „Gegenwart“:

„Die deutsche lutherische St. Markus-Gemeinde, welche hier in der sechsten Straße ihre Kirche hat, hatte heute einen Ausflug für ihre Sonntagsschule veranstaltet und dazu den Vergnügungsdampfer General Slocum gewonnen. Dieser fuhr kurz nach 8 Uhr mit 1000 Kindern und 500 Erwachsenen, meist Frauen, ab, um nach Locust Grove am Long Islander Sunde zu fahren. Die Gesellschaft war in fröhlicher Stimmung, als unweit der Hellgate-Untiefen an der Einfahrt des Long Islander Sundes plötzlich der Ruf ,Feuer’ ertönte.

Szenen der Verzweiflung auf dem brennenden Schiff

Der große Dampfer war tatsächlich in Flammen, und es entspann sich nun eine grässliche Panik, die mit dem Verlust von etwa 500 Menschen endete. Die meisten Personen an Bord waren Kinder im zartesten Alter, mit denen bei dieser Panik gar nichts anzufangen war, aber auch die Erwachsenen verloren den Kopf und stürzten sich blindlings ins Wasser. Kurz nach dem Ausbruch des Feuers brach das obere Deck ein und begrub viele derjenigen, die nicht versucht hatten, sich durch Springen zu retten. Es ereigneten sich erschütternde Szenen, aber nur an einem Ende des Schiffes, da bis zum andern Ende die Kunde vom Brande noch nicht gedrungen war, so dass dort die Kinder noch spielten und die Blaskapelle den Kaiser Friedrich-Marsch intonierte, als sich vorne schon alles in Verzweiflung befand. Den an Bord Befindlichen schienen nur zwei Wege offen: entweder in den Flammen umzukommen oder ins Wasser zu springen. Es verging einige Zeit, bevor die erste Hilfe kam. Dann aber benahmen sich die Schiffer heldenhaft: sie fuhren bis dicht an den brennenden Dampfer heran und begannen das Rettungswerk. Weniger heldenhaft waren die Männer an Bord der Slocum, denn diese sollen rücksichtslos Frauen und Kinder bei Seite gestoßen haben, um selbst gerettet zu werden. Auch die Mannschaft der Slocum scheint nicht sehr um die Passagiere bemüht gewesen zu sein, denn nur wenige derselben sind umgekommen. Die Mütter an Bord des Dampfers stürzten sich mit ihren Kindern im Arme über Bord, in der Hoffnung, dass die heranfahrenden Retter sie auffischen würden. Wieder andere liefen wie wahnsinnig auf dem Dampfer umher, unfähig irgendetwas zu ihrer Rettung oder der ihrer Kinder zu tun. Der Kapitän ließ den Dampfer auf den Strand von Brother Island fahren, als er sah, dass der Brand unmöglich zu löschen sei. Dort brennt das Schiff jetzt noch.“

Pastor George Haas, Seelsorger der St. Markusgemeinde, sagte später: „Soviel ich in Erfahrung gebracht habe, wurde das Feuer durch überkochendes Fett in der Küche verursacht. Und das Küchenpersonal, statt das verhältnismäßig unbedeutende Feuer zu löschen, rannte davon … Warum bei Ausbruch des Feuers der Kapitän nicht sofort das Land aufsuchte, ist unverständlich, namentlich, da ein frischer Wind dem Schiffe entgegen blies und das Feuer gerade in den Dampfer hineintrieb …

Unter den Toten: die Frau und die Tochter des Pfarrers

Ich war im rückwärtigen Teil des Dampfers mit meiner Frau und Tochter. Die Frauen jammerten. Manche Mütter hatten drei oder vier kleine Kinder bei sich. Plötzlich brach der Brand aufs Oberdeck durch und jetzt ereignete sich die furchtbarste Szene, denn nun wurden durch die grässliche Hitze alle noch nicht umgekommen Menschen in einen Teil des Bootes zusammengedrängt, manche unter die Füße getrampelt. Ein Teil des schweren Geländers gab unter dem Druck nach und viele fielen ins Wasser, während Dutzende freiwillig hinabsprangen. Jetzt konnten wir Boote nahen sehen und eine schwache Hoffnung kam auf. Meine Frau, Tochter und ich wurden über Bord gedrängt, und als ich wieder auftauchte, sah ich Hunderte im Wasser, die versuchten, sich oben zu halten. Das grässliche Jammergeschrei werde ich nie vergessen. Meine Kraft verließ mich, ich wurde ohnmächtig und erwachte erst wieder, als ich in einem Boote war.“ Haas überlebte, seine Frau und Tochter starben.

Die Schreckensmeldungen überschlugen sich. Bald war von 700, ja 1000 Opfern die Rede. Am Ende stand fest: 1021 Opfer waren zu beklagen!

Die Deutschen zogen fort aus Little Germany in Manhattan

Am 25. Juni veröffentlichte der „Pfälzer in Amerika“ dann die Namen der aus der Pfalz stammenden Opfer: „Georg Fritz, welcher aus Kirchheimbolanden stammt, verlor seine Gattin Alma geb. Kämmer, im Alter von 48 Jahren und seine 25 Jahre alte Tochter Katharina; John Reinfrank und mit ihm seine Gattin und deren Schwester; Fritz Reiß (aus Mannweiler stammend), langjähriger, pflichteifriger Sekretär des Pfälzer-Volksfest-Vereins, dessen Gattin Katharina, welche mit ihren vier Kindern den Ausflug mitmachte, wird mit drei Kindern noch vermisst. Die Leiche eines der Kinder, Lizzie Reiß, ist geborgen; Frau Margareta Hagenbucher aus Kirrweiler und deren drei Kinder: Eva 9 Jahre, Karl 5 Jahre, und Joseph 6 Monate alt; Frau Julia Dunn, geb Hagenbucher, 28 Jahre und deren Kinde Artur 4 ½ Jahre alt; Mamie Hagenbucher, 33 Jahre und deren Freundin Fanny Irwin; Lena Flegenheimer, 19 Jahre alt, Tochter von Katharina Flegenheimer und deren Gatten Henry Flegenheimer aus Ruchheim.“

Der Untergang der „General Slocum“ besiegelte so gewissermaßen das Ende von „Kleindeutschland“. Little Germany, auf der Lower East Side von Manhattan, hatte um 1880 nach Berlin und Wien die größte deutsche Population weltweit. Um 1900 lebten noch über 60.000 Deutsche in New York. Es hieß, man benötige in Little Germany keine Englischkenntnisse, weil sowieso jeder Deutsch spreche. Deutsche Bäcker, Metzger, Friseure, Handwerker jedweder Sparte, Ärzte, Anwälte, Apotheker Manufakturen und Geschäfte jeder erdenklichen Branche waren dort ansässig. Dazu Buchhandlungen, Theater, Chöre, Schulen, Restaurants, Biergärten, Vereins- und Gewerkschaftshäuser, Synagogen oder Kirchen, wie die German Lutheran Church St. Marks, in 323 East, 6th Street, deren Sonntagsschule die Dampferfahrt organisiert hatte. Nahe bei St. Marks befand sich auch das Verlags- und Druckhaus der Voelcker Brothers.

Dass man die Gedenkstätte für die Slocum-Opfer in Queens errichtete, hatte nicht nur den Grund, dass es in Manhattan wenige Bestattungsplätze gab. Zahlreiche Überlebende, die Familienmitglieder oder Verwandte bei der Katastrophe verloren hatten, wollten nicht länger in einem Bezirk leben, der sie an das grauenvolle Ereignis erinnerte. Deutsche Schulen schlossen, weil fast 800 Kinder gestorben waren. Auch deutsche Persönlichkeiten, Mäzene oder Intellektuelle, die eine führende Rolle beim Zusammenhalt der Kolonie Kleindeutschland innehatten, verlegten ihren Wohnsitz in andere Bezirke der Weltstadt New York. In das einstige Little Germany rückten Einwanderer anderer Herkunftsländer nach.

Gefälschte Gutachten, morsche Löschschläuche

Die Unglücksfahrt der „General Slocum“ hatte auch juristische Folgen. Der Schaufelraddampfer der Knickerbocker Company war 1891 in Dienst gestellt worden. Er war aus Holz gebaut, hatte eine Länge von 76 Metern und eine Tonnage von 1284 Bruttoregistertonnen. Seine drei Decks konnten bis zu 3000 Passagiere aufnehmen. Einen Monat vor der Katastrophe war die behördliche Inspektion erfolgt und das Schiff für verkehrstüchtig erklärt worden. Später stellte sich heraus, dass das Gutachten gefälscht und der Beamte bestochen worden war. Auf dem Schiff gab es erhebliche Mängel: Die Rettungsboote waren festgezurrt, Schwimmwesten und Löschschläuche waren morsch; die Crew war weder zu Rettungsaktionen noch zur Brandbekämpfung ausgebildet.

Der Chef der US-Dampfboot-Inspektion wurde daraufhin fristlos entlassen. Der Prozess gegen die Verantwortlichen der Knickerbocker Company wurde vor dem Staatsgerichtshof geführt. Geschäftsführer Frank Barnaby kam mit einer Geldstrafe davon, die anderen Angeklagten wurden freigesprochen. Kapitän Wilhelm Henry van Schaik wurde zu zehn Jahren Zwangsarbeit im Zuchthaus Sing Sing verurteilt. Drei Jahre vor Haftende wurde er von Präsident Taft begnadigt.

Zum Weiterlesen

Edward T. O´Donnell: „Der Ausflug. Das Ende von Little Germany“; mare Verlag, Hamburg; 420 Seiten; oder Fischer Tb, ca. 12 Euro; Restexemplare online und antiquarisch erhältlich.

Pastor Georg Haas hat den Ausflug organisiert, er verliert Frau und Tochter.
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Gleich nach dem Unglück berichtet auch die „Gegenwart“ aus Edenkoben.
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Das Denkmal für die „Slocum“-Opfer auf dem All Faith-Friedhof in Queens / New York.
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