Architektur RHEINPFALZ Plus Artikel Verkannte Schönheiten: Über Mainz und seine Nachkriegsbauten

Wie schön das Licht einfällt: Mainzer Heilig Kreuz Kirche.
Wie schön das Licht einfällt: Mainzer Heilig Kreuz Kirche.

Bloße Abrissmasse? Im Gegenteil. „Die Betonisten“ nennt sich eine Gruppe von Aktivisten, die die Nachkriegsarchitektur in der Landeshauptstadt kümmert. Ihr neuestes Großwerk: die maßgebliche Mitarbeit an der Dokumentation „Mainz 1945-1970. Die verkannte Epoche des Wiederaufbaus“. Ein fast rührendes Buch. Es sollte Schule machen.

Vor 30 Millionen Jahren lag Mainz an einem tropischen Meer. Inzwischen ist die 220.000-Einwohner-Stadt am Rhein Landesmetropole immerhin. Vor allem – An der Goldgrube 12 – Sitz der Firma Biontech von Özlem Türeci und Ugur Sahin. Zwei, die am nächsten an die Jahrtausendgestalt Johannes Gutenberg heranreichen, bedeutungsmäßig. Der Buchdruck-Erfinder ist in Mainz geboren, wann genau weiß niemand. Gestorben 1468 ebenda. Sehr viel ist von ihm nicht bekannt. Von dem Wissenschaftspaar Türeci/Sahin aus Lastrup respektive Iskenderun weiß man sogar, dass es durch brav geleistete Steuerabgaben der dauerklammen Helau-Hochburg einen Überschuss von 1,09 Milliarden Euro beschert. Endlich neureich. Zwischen Meer und Goldgrube liegt eine lange Geschichte.

Mainz war schon vieles, römisches Castrum, Civitas Mogontiacum, Magantia, Stadt der Merowinger, das karolingische Aurea Mogunta, Mayntz, Magenza, als Mayence Napoleons „Bonne Ville“, dann Bundesfestung, vom Großherzogtum Hessen-Darmstadt zur Provinzstadt zurückgestuft. Wenn man so will, hat Mainz sich davon nicht mehr richtig erholt. Im Zentrum thront immer noch der „Hohe Dom“.

Grüne Stadt passé

Es gab die recht stolze Gründerzeitphase. Im Zweiten Weltkrieg aber wurde die Stadt zerbombt wie kaum eine andere. Im Innern zu 80 Prozent. Danach begann eine wechselhafte Wiederaufbauphase. Anfangs wurde sogar überlegt, das verwüstete Mainz rechtsrheinisch neu hochzuziehen. Marcel Lods, ein mit Le Corbusier geistesverwandter Planer aus Paris, sollte eine grüne „Stadt der Zukunft“ daraus machen, eine „ville verte“, Ausdruck der baukulturellen Überlegenheit der Besatzungsmacht Frankreich. Geworden ist daraus nichts, passé die hochfliegenden Absichten. Dafür aber, dass sich, was in den ersten 25 Jahren der Nachkriegszeit entstanden ist, unterschätzen lässt, hat’s gereicht.

Architektonisch hat die Stadt trotz ihrer langen – auch jüdischen – Geschichte ja so viel nicht vorzuweisen. Anscheinend auch nicht viel übrig. Was bleibt aus der Gegenwart? Die spektakuläre Synagoge des Kölner Architekten Manuel Herz in der Neustadt. Der zeitgenössische Erweiterungsbau für das Gutenbergmuseum, der vom Hamburger Büro DFZ Architekten geplante „Bibelturm“ derweil, wurde bei einem ohne Not praktizierten Bürgerentscheid abgelehnt. Mit über 77 Prozent. Ein Hauptgrund mutmaßlich: die Furcht, der Bau könnte das samstägliche Marktfrühstück beeinträchtigen.

Man mag es gerne „niedlich“ wie es nie war, wie der im – aus Mainzer Sicht – ungemochten Wiesbaden beheimatete Journalist Nils Minkmar vor Kurzem schrieb. Eine Gruppe junger Architekten und Kunsthistoriker allerdings arbeitet an einer Revision dieses Blicks. Es geht um Wertschätzung. Denn während sich etwa bei Möbeln das sogenannte Mid-Century-Design durchgesetzt hat, wird in Häusern aus der Zeit nur Abrissmasse gesehen. „Die Betonisten“ nennen sich dagegen wirkende die Aktivisten ironisch. Sie organisieren Ausstellungen, forschen, hängen Infobanner auf, mischen sich ein.

Seit 2017 gibt es den Zusammenschluss. Menschen wie die Mainzer Kunsthistorikerin Eva Authried, die eine Zeit lang an der TU Kaiserslautern, Fachbereich Architektur, gearbeitet hat. Die promovierte Kunsthistorikerin Leonie Köhren aus Frankfurt und Jonas Grahl sind bei der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz beschäftigt. Maximilian Kürten, so etwas wie der Sprecher der Gruppe, schreibt an seiner Doktorarbeit zur Architekturtheorie von Rem Koolhaas.

„Klein Paris“ in Mainz

Ein freundlicher, zugewandter Mann, Kürten, 35. Er sagt, es gehe ihm „um das urbane Narrativ“, das Selbstbild der Stadtgesellschaft. Die Hoffnung: die Mainzerinnen und Mainzer mögen nicht achtlos an ihrem gebauten Erbe vorbeigehen. Am Allianzhaus zum Beispiel. In den 1960ern Jahren hieß es „Klein Paris“. Oder an der Ecke Große Bleiche/Lotharstraße dem Juwelier-Weiland-Haus, einem strengen Kubus mit unterschiedlich großen Fenstern mit wechselnden Sprossungen und einem über dem Erdgeschoss auskragenden Eckrisalit aus dem Jahr 1950, einem der ersten privaten Neubauten nach dem Krieg. Eine Madonnenfigur ist in der Fassade verewigt, eine zeitenthobene Reverenz, wie auf einem Foto des Gebäudes zu sehen ist.

Abgebildet ist es in einem von dem langjährigen Mainzer Stadtplanungsmitarbeiter Rainer Metzendorf im Auftrag des Stadthistorischen Museums e.V. herausgegebenen Buch. Maßgebliche Beiträger auch hier: die Betonisten. „Mainz 1945-1970. Die verkannte Epoche des Wiederaufbaus“ heißt das Werk recht nüchtern angesichts des Herzbluts, das darin steckt. Ähnlich kenntnisreiche Dokumentationen jedenfalls wären auch Pfälzer Städten wie Kaiserslautern nur zu wünschen. Oder der Abriss-Metropole Ludwigshafen, wo man sich, trotz ähnlicher Nachkriegsbaugeschichte – scheint’s – kaum schert um ein baukulturelles Bewusstsein. Wie das Buch beweist, lassen sich feingliedrige Fensterprofile in goldglänzendem Messing ganz anders ansehen. Respektvoll. Die Pendelstützen in Vulkansteinoptik, die die Landesbank umlaufen, als Reminiszenz an das barocke Landesmuseum gegenüber. Die ovale Treppe im Landessozialgericht. In die Fenster zum Hof hat der in der Nazizeit mit Berufsverbot belegte Mainzer Künstler Robert Seyfried kunstvoll Figuren und Ornament geätzt. Oder wie herrlich das Licht in den kreisrunden, kupferbesetzten Altarraum der katholischen Kirche Heilig Kreuz fällt. Baujahr 1954. Der Zentralbau ist deutschlandweit der erste seiner Art, der im 20. Jahrhundert errichtet wurde.

Häuser aus Stahl

Kaum jemand weiß auch von den seit 1948 aus Stahlblech-Fertigteilen seriell gefertigten Häusern der Firma MAN mit steilem Giebeldach und immergleichem Grundriss. In Mainz stehen noch einige Exemplare, eins auch in der Nähe von Biontech, An der Goldgrube. Alle aber, die wie der Autor, in Mainz studiert haben, erinnern sich an das Gefühl, in der Muschel zu sitzen, dem Ende der 1960er gebauten Hörsaalgebäude, das von einer 57 Meter großen, gewölbten Betonschale überspannt ist, die lediglich an drei Stellen Bodenkontakt hat. In Gedanken ließ sich darüber wie über einen Regenbogen gehen. Architektur ist eben Identität, Bücher wie die Mainzer Mid-Century-Dokumentation machen das überdeutlich. Kann sein, dass sie zu Bekenntnissen anfeuern.

Rathausbekenntnisse

Das Mainzer Rathaus des ikonischen Baumeisters Arne Jacobsen und von Otto Weitling, das jetzt saniert wird, zum Beispiel. Es ist unbestritten das bedeutendste Nachkriegsbauwerk von Mainz. Städtebaulich famos, ein Zentrum der Blickachsen, ein trutziger Dreikant mit vorgelagerten Wandpfeilern, eingekerbten Terrassen, die Fassade aus dem marmorierten Kalkstein „Porsgrunn“. Dazu das von Arne Jacobsen durchdesignte Interieur. Der genialische Ratssaal, ein Stück gebauter Demokratie. s ist noch nicht so lange her, dass der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) mit einem Bürgerentscheid riskieren wollte, dass das denkmalgeschützte Gebäude abgerissen wird. Jetzt schreibt er im Vorwort des Mainz-Buchs: „Wer sich einmal und vor allem vorurteilsfrei mit dem Bau beschäftigt hat, der ahnt schnell, welch einzigartiges Kulturdenkmal wir hier haben und setzt sich für dessen Erhalt ein.“ Noch Fragen?

Lesezeichen

Rainer Metzendorf (Hg): „Mainz 1945-1970. Die verkannte Epoche des Wiederaufbaus“; morisel Verlag, München; 130 Seiten, 24,90 Euro.

Kaum jemand kennt sie: In Mainz, wie hier An der Goldrube, stehen noch MAN-Häuser, seriell aus Stahlteilen gebaut.
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Auch verkannt? ZDF auf dem Lerchenberg.
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