Interview
Ute Lemper: Ich bin immer noch keine Amerikanerin
„Das Einzige, was ich bedaure, ist, dass ich nicht genug gelacht habe und nicht erkannt habe, dass es Abkürzungen zum Glück gibt“, singen Sie auf Ihrem jüngsten Album. Sind Sie heute glücklicher als früher?
Die Pandemie hat mir teilweise dabei geholfen, im Einfachen das Glück zu sehen und Druck aus dem Leben rauszunehmen. Es war schon ein vollgepacktes Leben: mit Kreativität, aber auch mit Leistungsdruck. Ich hatte viele Engagements und war parallel vielfältig tätig – mit der Bühnen-, Theater- und Filmkarriere. Mein Leben genieße ich heute jedenfalls mehr als damals, als ich kaum Zeit dazu hatte. Ich habe mich immer über meine Arbeit definiert, die ich geliebt habe. Die Dinge kommen zu einem nicht immer im richtigen Maße, manchmal überhäuft und dann wieder gar nicht. Heute kann ich das Maß besser kontrollieren.
„,Time Traveler’ ist eine Hommage an das Leben und das Älterwerden“, schreiben Sie im Booklet der CD. Am 4. Juli 2023 sind Sie 60 geworden. Für viele Menschen ist das Älterwerden negativ besetzt. Gab es eine Zeit, in der Sie Ihr Alter nicht genannt haben?
Eigentlich war ich immer stolz auf mein Alter. Die Tatsache, 40 zu werden, hat mich mehr schockiert, als 60 zu werden. Ich wurde gebeten, meine Autobiografie zu schreiben und habe mich dann ein Jahr mit diesem Geburtstag beschäftigt. Wenn es nun passiert, kann es mich auch nicht mehr schocken. Ich fühle mich überhaupt nicht wie 60. Meine Lebensflamme ist zeitlos. Wenn man mir sagen würde, ich bin 35 oder 40, würde ich das auch glauben – bis ich dann in den Spiegel gucke. (lacht) Aber ich bin noch fit und meine Stimme ist vielleicht sogar noch attraktiver als früher, weil sie sich zur Tiefe hin geöffnet hat. Mittlerweile habe ich genug Wein getrunken, aber nie geraucht. (lacht)
Ihre Autobiografie heißt „Die Zeitreisende“. Darin verknüpfen Sie Etappen Ihrer Karriere mit Zeitgeschichte. Wenn Sie auf den Schreibprozess zurückblicken: Welche Erfahrungen waren am schwierigsten zu beschreiben?
Es war auf jeden Fall ein intensiver Prozess, mich mit der Vergangenheit zu beschäftigen und sie vor allem poetisch zu verarbeiten. Ich bin sehr detailliert in der Erinnerung, vor allen Dingen, wenn es darum geht, mein Leben anhand der Zeitgeschichte aufzurollen: die kalten Kriegsjahre, Berlin, den Fall der Mauer, das „The Wall“-Konzert am Potsdamer Platz, meine Anfänge in New York, das neue Europa, den 11. September und meine Konzerte parallel zu diesen Ereignissen. Die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit und die Lieder der jüdischen Komponisten haben mich immer intensiv beschäftigt. Diese Projekte stoßen in London, New York oder Los Angeles seltsamerweise auf mehr Interesse als in Deutschland. Diese Tatsache spricht für sich selbst.
An New York lieben Sie „die gedankliche Freiheit“ und „den Wegfall der geistigen Enge“, haben Sie einmal in einem Interview gesagt. Trifft das noch immer zu?
Nachdem ich in Berlin, Paris und London gelebt hatte, kam ich nach New York, und es fühlte sich an, als öffnete sich ein Deckel in meinen Kopf gen Freiheit. Dinge wie Moral, Normalität und Nationalität, die in Europa noch sehr dominant waren, galten hier überhaupt nicht. Deshalb sind aus den zwei Jahren am Broadway am Ende 25 geworden. Wir wollten unsere Kinder in dieser Stadt aufwachsen sehen. Sie hatten dann schon sehr früh eine Großstadtweisheit und Toleranz im Herzen, die ich vor New York überhaupt nicht kannte.
In den USA ist ein Kulturkampf entbrannt. Eltern, Aktivisten und Politiker verlangen die Zensur von Publikationen und Sachbüchern über Themen wie Sexualität, LGBTQ oder afroamerikanische Geschichte. Das seien Bücher als Quelle gefährlichen Denkens, vor denen denen es Kinder zu schützen gilt. Wie konnte es soweit kommen?
Amerika ist manchmal sehr weit weg von der Quelle der Kultur. Aber das passiert nicht hier in New York, sondern in den republikanischen Bundesstaaten, wo eine völlig andere Bevölkerungsstruktur und Kultur existieren. Die sollten ruhig eine Mauer um sich bauen und sich gegenseitig mit ihren Gewehren bedrohen, aber die demokratischen Staaten bitte in Ruhe lassen. Die republikanischen Staaten verneinen übrigens auch die Evolutionstheorie und wollen den Kindern lieber ihre Religionskonzepte nahelegen. Ich bin immer noch keine Amerikanerin geworden. Ich hätte den US-Pass schon lange haben können, aber ich behalte lieber meinen deutschen. Seit über 30 Jahren besitze ich nun eine Greencard. Ich bin im Herzen keine Amerikanerin und kann mich mit der Kultur dieses großen Landes nicht identifizieren. Ich habe ganz klar die europäische Kultur in mir, die ich in New York sehr gut ausleben kann.
Befürchten Sie, dass Donald Trump wiedergewählt wird?
Also, ich hätte damals nie gedacht, dass er in das Amt des Präsidenten gewählt werden könnte. Insofern würde ich niemals nie sagen. Aber er hat schon sehr viel Dreck am Stecken und sieht sich mit vielen Prozessen konfrontiert. Leider hat er viele Fans in diesem geteilten Lande. Die kleine schwankende Mitte von fünf Prozent macht die Wahlen letztlich aus.
Ihr Bühnenprogramm „Rendezvous with Marlene“ basiert auf einem dreistündigen Telefonat mit Marlene Dietrich. Sie führten es mit ihr an einem Abend im November 1988 in Paris. War dies ein Schlüsselmoment in Ihrem Leben?
Nein, das war es damals gar nicht. Ich war eigentlich nur Schauspielerin, und plötzlich wurde ich zum Megastar hochkatapultiert. Ich wusste, dieses Gespräch mit Marlene war eine wichtige Erfahrung, aber erst 30 Jahre später habe ich mich für eine Rolle wirklich in ihr Leben hineingedacht. Das Drehbuch war aber schlecht recherchiert und stellte die Dietrich als unnahbare stilisierte Ikone dar. Ich hatte aber von diesem Anruf in Erinnerung, dass sie eher traurig, melancholisch und bitter war. Sie sagte zu mir immer wieder: „Die wollen mich ja nicht zurück bei mir zuhause! Ich möchte doch mit denen deutsch sprechen, Ute.“ In Deutschland hatte man sie ja verstoßen. Und die einzige Möglichkeit, zurückzukehren, wäre tot im Sarg. Was dann ja auch passiert ist. Das ist bei mir am meisten klebengeblieben. Sie starb dann genau in der Zeit, als ich in Berlin in der Zadek-Revue „Der Blaue Engel“ die Lola spielte, ihre berühmte Rolle. Die Tiefe und Tragik ihrer Geschichte wurden mir erst Jahrzehnte später klar, und dann habe ich daraus ein eigenes Programm gemacht. Die Zeit war einfach reif dafür.
Würden Sie rückblickend sagen, dass sich alle Ihre Hoffnungen auf dem Berufsweg erfüllt haben?
Nein. Ich hätte einige Chancen wahrnehmen können, die ich aber nie wahrgenommen habe, weil ich Mutter war. Und das war meine schönste Rolle im Leben. Ich habe zum Beispiel einige große Filmangebote abgelehnt.
Welche zum Beispiel?
Als mein Sohn Max gerade einen Monat alt war, habe ich eine Rolle in dem James-Bond-Film „Golden Eye“ nicht angenommen. Ich sollte eines der Bond-Girls spielen. Das wäre ein Katapult gewesen für eine Hollywood-Karriere. Famke Janssen hat die Rolle dann bekommen und wurde ein großer Star. Aber sie wirkt auf mich heute vereinsamt in Hollywood. Sie ist in meinem Alter, hat ganz viel Plastic Surgery gemacht und sieht nicht glücklich aus. Ich möchte nicht mit ihr tauschen. Und auch jetzt bekam ich ein Angebot für eine Netflix-Serie, für die ich drei, vier Monate in eine andere Stadt hätte ziehen müssen. Das geht aber nicht, die Kinder sind ja noch schulpflichtig. Ich bin damals aus London nach Amerika engagiert worden; das wollte ich aber erst gar nicht wegen meiner Kinder. Das war ein riesiger Konflikt, und ich war in diesen druckvollen Zeiten kein glücklicher Mensch. Wäre ich im Leben nur Künstlerin gewesen, wäre ich vielleicht berühmter geworden. Aber Berühmtheit war für mich sowieso nie ein Ziel. Ich bin heute mit mir im Reinen, denn das sind Entscheidungen, die ich mit dem Herzen getroffen habe.
Zur Person
Geboren als Ute Gertrud Lemper am 4. Juli 1963 in Münster. In den 1980ern sorgte die Tänzerin und Sängerin mit Musicals wie „Chicago“, „Cabaret“ oder „Starlight Express“ in Wien, Paris und am Broadway für Furore. Später nahm sie Lieder von Bertolt Brecht und Kurt Weill und Kompositionen von Pablo Neruda auf und spielte in Kinofilmen wie Robert Altmans „Prêt-à-Porter“ (1994) oder Woody Allens „Magic in The Moonlight“ (2014) mit. Voriges Jahr veröffentlichte sie ihre Autobiografie „Die Zeitreisende“ und das Album „Time Traveller“. Seit 1998 lebt die vierfache Mutter mit ihrem Mann Todd Turkisher und zwei gemeinsamen Kindern in New York City.
Termin
Das Konzert von Ute Lemper am Freitag, 19. April, in Kaiserslautern ist ausverkauft.