Kunst RHEINPFALZ Plus Artikel Und als nächstes der Himmel: Natascha Brändlis Installation „bienenflut“ in Dilsberg

Vor der „bienenflut“: Künstlerin Natascha Brändli.
Vor der »bienenflut«: Künstlerin Natascha Brändli.

„bienenflut“: Die Installation von Natascha Brändli aus Burrweiler am Grünen Hang in Dilsberg erzählt mit Metalldraht von einer mittelalterlichen Sage. „wiesenzeichnung“ nennt sie ihr Werk, das bis zu 60 Meter weit ins Tal schwingt. Die Künstlerin wird immer größer und wunderbarer.

Das gibt es also auch, eine denkmalgeschützte Wiese. Betreten und mähen verboten. Von den Schießscharten der Dilsberger Stadtmauer wirbeln Linien aus goldfarbenem Messingdraht über den Grünen Hang. Giersch schießt ins Kraut. Grün grünt. Erste Feldblumen unterwegs nach oben. Natascha Brändlis „Wiesenzeichnung“ glänzt leicht im Sonnenlicht.

Ausgangpunkt Schießscharte. Festungsmauer in Dilsberg.
Ausgangpunkt Schießscharte. Festungsmauer in Dilsberg.

Dilsberg, ein historischer Ortsteil von Neckargemünd, liegt auf einer Kuppe, die Neckarschleife drumherum. Die Künstlerin hat Handwerkerhandschuhe an, eine pinkfarbene Bauchtasche umhängen. Letzte Arbeiten an ihrem Werk „bienenflut“. Natascha Brändli biegt, was gar nicht so leicht ist, gerade eine Kurvatur zurecht. Eine Kabelzieherin eher, als dass sie zupft. Sie sagt, das Körperliche bei der Kunstproduktion sei ihr gerade recht. Der Blick fällt in den Naturpark Neckar-Odenwald. Unweit killt ein Laubbläser die schöne Idylle. Das Kunststück im Denkmalschutzgebiet ist Teil der „Radiale“, einer Biennale im Rhein-Neckar-Kreis und – wie sich das auch sehen lässt – eine Landschaftszeichnung der dritten Dimension. Noch mal ein Schritt weiter in ihrer Künstlerinnenkarriere. Die Haueisenpreisträgerin zählt in der Großregion zu den felsenfesten Größen der Szene.

Eine Burrweilerin aus Kandel, 1970 geboren, Natascha Brändli hat Modedesign studiert, ist nicht ihr Ding gewesen. Sie ist ausgebildete Kunsttherapeutin, lehrt an der Pforzheimer Hochschule für Gestalten Zeichnen. Außerdem verfasst sie für die RHEINPFALZ am SONNTAG Illustrationen. „Ein buntes Leben“, sagt die – schon seit Kindheitstagen – Farbstiftsammlerin. Die Hühner gackern hinter ihrem Pfälzer Atelierhaus im Ort unterhalb der St. Annakapelle, von dem aus, wer will, die weite Welt sieht, Heidelberg am Horizont.

Keine Angst vor Großem

Brändli ist auch gelernte Bühnenplastikerin. 15 Jahre hat sie neben ihrer künstlerischen Arbeit den Job gemacht – beim SWR in Baden-Baden und am Staatstheater in Karlsruhe. Wuchtig steht das Gesellenstück von damals, ein Relief nach einem Gemälde des Symbolisten Gustave Moreau, in ihrem Garten. Ob ihr Faible fürs handfeste schöpferische Tun sie in die Theaterwerkstatt geführt hat – oder umgekehrt von dort herrührt, schwer zu sagen, vielleicht gilt auch beides irgendwie. Sie hat jedenfalls seither keine Angst vor großen Formaten wie dem Grünen Hang, den sie gerade – ihr Lieblingswort dafür – bezeichnet. Fast schon konsequent, dass ihre naturnahe Kunst, die um die Linie mäandert, jetzt so ins Riesige ufert. Ihr Werk dreht biografische Kreise wie der fünf Millimeter dicke Draht, mit dem ein Bienenflug nachgestellt wird, daher der Titel. Manchmal, erzählt die so wenig auftrumpfende Künstlerin, ruhten sich Vögel auf der Installation aus.

Historischer Ort Grüner Hang, hier sollen im Mittelalter Bauern anstürmende feinde mit ausschwärmenden Bienen vertrieben haben.
Historischer Ort Grüner Hang, hier sollen im Mittelalter Bauern anstürmende feinde mit ausschwärmenden Bienen vertrieben haben.

600 Meter zurechtgezurrtes Material, bis zu 60 Meter weit ziehen sich die metallischen Flugkurven ins Tal und sind je nachdem nur bei genauerem Hinsehen sichtbar. Ein Effekt, sagt sie, der ihr, sehr gut gefalle. Wenn man so will, hat bei ihr alles mit den Linien aus Draht angefangen, die die Plastiken ihres Frühwerks aus zwölf Schichten Papier und Knochenleim durchziehen. Es könnten Requisiten eines surrealen Bühnenstücks sein. Tatsächlich handelt es sich bei den Objekten um Großmodelle von Korkenzieherweiden und Mohnstängeln voller beinahe fernöstlicher Poesie.

Lämmer aus dem gleichen Material gehören zu Brändlis eigenständig zwischen Naturalismus und Surrealismus siedelndem Werk. Ihre Zeichnungen zeigen ins Unwirkliche verunklärte Beinwellblätter oder Tulpensamen unter dem Mikroskop, sozusagen freihändig improvisiert. Sie schaut nur auf die Vorlage, wenn sie zeichnet, folgt ihren „inneren Choreografien“, wie das der Kaiserslauterer Kunsthistoriker Heinz Höfchen einmal genannt hat. Irgendwann war Brändli ein Blatt Papier und eine Leinwand dafür nicht mehr genug. Mit skeptisch prüfendem Blick schaut sie auf die Dilsberger Wiese.

Stricken eher nicht

Seit 2016 jedenfalls wuchern ihre Zeichnungen dreidimensional, teils mehrschichtige Geflechte aus Lineaturen, Material PLA Filament, das aus einem eigens umgebauten, handhabbaren 3D-Drucker gedrückt (extrudiert) wird. Sie nummeriert sie durch und nennt sie „verwirbeltes rosa“ oder „mikrokosmos“. Der Herstellungsprozess funktioniert, ohne abzusetzen, Verrenkung ist Pflicht.

„richtig stricken konnte ich noch nie, aber die geduld habe ich von meiner großmutter“, heißt eine quadratische, linierte Zeichnung in 3D mit einem roten, astähnlichen Querbalken obenauf. Manche ihre Arbeiten wirken wie ironische Häkeleien oder Updates der Strickkunst ihrer Kollegin Rosemarie Trockel. Ewig hat Natascha Brändli an der Verfeinerung ihres neuartigen Kunstverfahrens laboriert. Seit 2019 schafft sie zudem mithilfe einer VR-Brille auch Zeichnungen, die in der virtuellen Realität begehbar sind.

Zeichnung im Gras: Detail von Brändlis Arbeit.
Zeichnung im Gras: Detail von Brändlis Arbeit.

Die Dilsberger Installation ist in diesem Sinn ein Sprung zurück nach vorn ins Offene der Landschaft. Natascha Brändli erzählt jetzt, wie sie bei der Beschäftigung mit dem historischen Ort auf ihr Thema für die Leinwand Grüner Hang gekommen ist. Wir laufen um das Gelände herum, auf dem eine mittelalterliche Sage spielt. Ausschwärmende Bienenvölker, von den Dilsberger Bauern freigelassen, schlugen anrückende Feinde in die Flucht. Dass Bienen als Waffe eingesetzt wurden, war eine Zeit lang eine verbreitete Strategie. Natascha Brändli zeigt bei unserer Ortsbegehung auf ein Schild, das darauf hinweist. Ihr Dilsberger Werk nimmt darauf Bezug, hat allerdings viel mehr als militärhistorische Qualitäten. Es kann als subtile Würdigung der unermesslich wertvollen, bedrohten, für uns Menschen fabelhaft organisierten Insektenart gelesen werden.

Allein auch, wie das Material durch die jahreszeitlich verschiedene Wiese schwingt, sich verändert und etwas Imaginäres und im wahrsten Wortsinn schnell Verflogenes wie die Bienen-Bahnen grazil verfestigt. Wie das Werk das Genre Zeichnung erweitert und das Zeichnen zu einer körperlichen Arbeit macht. Wieder zurück, wir stehen auf dem Weg, der an der „bienenflut“ vorbeiführt, erzählt Natascha Brändli, dass sie immer wieder Wanderer bemerkt, die ausharren – mit fragenden Gesichtern. Hummeln seien auch schon dagewesen. Bienen leider keine. Wir stehen also so und sinnieren noch ein wenig vor uns hin, reden. Natascha Brändli wischt Fotos auf ihrem Smartphone, die sie vor Kurzem beim Spazierengehen mit ihrem Hund aufgenommen hat, den Kopf im Nacken. Zu sehen: Kalligrafien zartschwingender Linien am wolkenlos blauen Himmel, Kondensstreifen. „Ist das nicht großartig“, sie lächelt. Ihr nächstes Projekt vielleicht? Die nächste Leinwand, ganz oben. Mal sehen.

Die Ausstellung

Das Projekt „bienenflut – eine wiesenzeichnung“ ist Teil der „Radiale“ im Rhein-Neckar-Kreis und läuft bis zum 25. Februar 2024. Infos:/www.kultur-im-kreis.net; nataschabraendli.de/

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