Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Tagebuch „Leben, jetzt“: Nachdenken in Berlin

Geboren an der Mosel, lebt Marcus Braun heute in Berlin.
Geboren an der Mosel, lebt Marcus Braun heute in Berlin.

Heute habe ich nach zehn Tagen zum ersten Mal das Haus verlassen, eine Nasennebenhöhlenentzündung hat das vorher verhindert. Meine zweijährige Tochter gibt mir zwei Schmatzer, rechts links, meiner Frau tränen die Augen, als ich die Wohnung verlasse. Die Straßen sind etwas leerer als sonst, die osteuropäischen Profibettler sind als erstes verschwunden, und nun sind auch fast keine Touristen mehr unterwegs.

Ich lege die flache Weinkiste aus Holz auf den Beifahrersitz, der Wagen springt an. Der Verkehr ist mäßig, vorbei am Hermannplatz, da ist noch Markt, am Karstadt vorbei, ich tanke in der Nähe vom Kreuzberg, ein Tempotaschentuch um den Tankgriff, danach Desinfektionsmittel, ich überlege, mir ein Bier zu kaufen, lasse es aber, Zigaretten habe ich, nur kein Feuer, ich rufe Mutter Bassa an: Ich bin in 20 Minuten da, ob sie Streichhölzer hat. Hat sie.

Mutter Bassa, eine alte Freundin von mir, wohnt in Kohlhasenbrück, eine kleine Ortschaft, die zum Berliner Ortsteil Wannsee gehört, ein paar Häuser am Waldrand, keine Geschäfte, eine aufgegebene Bahnlinie, der Teltowkanal.

Es ist ein strahlender Sonnentag. Ich denke verschiedene Sachen. Ich denke:

– Die Delfine kommen in die Häfen. (Um etwas zu verkünden?: Ihr werdet alle sterben.)

– Die Nachbarn haben letzte Woche noch Kindergeburtstag gefeiert.

Gladbach gegen Köln, ich hoffe, man wird sich daran noch erinnern, wenn es um die politische Zukunft von Laschet geht, der jetzt von Talkshow zu Talkshow eilt.

– Gestern Kimchi aus Frühlingszwiebeln angesetzt, denke, das wird nix.

– Und Sauerbraten eingelegt, denke, das wird sehr gut.

– Heute male ich definitiv die Fledermaus!

– Hamsterkäufe. Dabei kann man die gar nicht essen. Es ist zumindest nicht üblich.

– Ich bekenne mich vorab schuldig der Angstlust und Vernunftpanik.

– Was hat Merkel eigentlich gemeint, welche solidarische Leistung haben wir im Zweiten Weltkrieg erbracht?

– Autobahnbau? (da bin ich auf der Avus)

– Viele Menschen haben sich noch nicht klargemacht, wie man elendiglich verreckt, auf einem Krankenhausflur erstickt.

Wenn einem gerade der Vater gestorben ist nach langer schwerer Krankheit, dann ist einem das etwas näher. Man hat dann in der Regel auch weniger Vertrauen in das deutsche Gesundheitssystem, das vor zwei Wochen noch so blendend aufgestellt war, heute aber nicht mehr so blendend.

Ich denke weiterhin:

– Danke, großer faschistischer Steuermann Xi Jinping, dass ich dank der Weisheit und Güte der chinesischen Regierung auf einer so autofreien Avus unterwegs sein darf!

– 475 Tote an einem Tag. Das ist der „Tagesschau“ keine Meldung wert. Vorauseilender Gehorsam der Öffentlich-Rechtlichen seit Merkel. Kohl hätte sich sowas gewünscht, es auch für angemessen gehalten, er fand, dass es ihm zustand. Merkel hat es vielleicht gar nicht darauf abgesehen, ihr passiert das einfach.

Dann denke ich noch:

– Wer bin ich, dass ich mir solche Gedanken mache, mit dieser Weinkiste auf dem Beifahrersitz.

Ich parke vor Mutter Bassas Mehrfamilienhaus, Altbau.

Ich rufe sie an: „Kommst du runter, denkst du an die Streichhölzer. Bring den Spaten mit.“

Vor ein paar Monaten hat man Mutter Bassa nach mehr als 25 Jahren aus ihrer Wohnung vertrieben. Der neue Hausbesitzer, ein stadtbekannter Architekt und millionenschwerer Investor, hat sich persönlich die Mühe gemacht, sich um die Entmietung der drei Parteien zu kümmern. Zwei waren schnell über den Tisch gezogen, Mutter Bassa nicht ganz so schnell. In die freigewordenen Wohnungen wurden viele Doppelstockbetten gestellt und dann polnische Bauarbeiter einquartiert. Dann gab es kaputte Leitungen, Exkremente im Hausflur, immer wieder wurde nachts an ihre Tür gehämmert und mit Gewalt gedroht.

Wir halten Abstand, und sie reicht mir den Spaten. Eigentlich hatte sie ein Ticket nach Südafrika, um ihre Tochter zu besuchen und die Enkelkinder zu sehen.

Wir gehen ums Haus herum, hinten über die Wiese, das Grundstück grenzt direkt an den alten Bahndamm und ein Wäldchen. Die Sonne scheint. Ich soll auf die Veilchen aufpassen. Es sind Schottersteine im Weg, das wusste ich schon, es ist nicht das erste Loch, das ich hier grabe.

Ich öffne kurz noch einmal die Holzkiste, kämpfe mit den Tränen. In Bergamo rollen die Militärlastwagen mit den Leichensäcken. Ich lasse mir die Streichhölzer geben und rauche eine Zigarette, früher ging man ja davon aus, dass das die Lunge stärkt. Es gibt keine Versöhnung mit der Sterblichkeit. Selbst der Gottessohn fühlte sich verlassen und tat das auch in einem Aufschrei kund.

Ich versenke die flache Weinkiste mit der Katze Papamau und schaufele das Loch zu, ein paar Äste und Bruchholz drauf um die Stelle unkenntlich zu machen, gerade beginnt alles wie wild zu wachsen, in drei Tagen wird nichts mehr zu sehen sein.

Der Autor

Der Schriftsteller und Autor Marcus Braun, 1971 in Bullay an der Mosel geboren, lebt heute in Berlin. Zuletzt erschien von ihm der Roman „Der letzte Buddha“ bei Hanser in München.
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