Literatur
Téa Obrehts Roman „Herzland“ führt nach Arizona
Mit 26 Jahren bereits schrieb die 1985 in Belgrad geborene Téa Obreht mit ihrem ersten Roman „Die Tigerfrau“ einen weltweiten Bestseller. Zehn Jahre später sieht es so aus, als ob ihr dies auch mit „Herzland“, ihrem zweiten Roman, gelingen könnte.
2010 hat sie ihrem Herkunftsland Serbien ein literarisches Denkmal gesetzt, mit zuweilen surrealen, zumindest magisch-realistischen Mitteln. Nicht anders – nämlich surreal und magisch – geht es auch in ihrem zweiten Roman zu. Dieses Mal aber steht Arizona, das zum Zeitpunkt der Romanhandlung rechtlich noch nicht zu den Vereinigten Staaten gehörte, im Mittelpunkt. Auch dieses Mal operiert die Schriftstellerin mit zwei unterschiedlichen, emotional aber deutlich miteinander verflochtenen Handlungsebenen, die sie – historisch stets korrekt unterfüttert – in der Mitte des 19. Jahrhunderts und an dessen Ende ansiedelt.
Der Roman folgt zwei Hauptfiguren
Dass es folglich auch zwei Hauptgestalten gibt, die etliche Nebenfiguren um sich versammeln, ist somit klar. Da ist einmal Lurie, der mit seinem Vater aus dem damals noch vom Osmanischen Reich unterdrückten Bosnien nach Amerika auswandert und eigentlich einen viel längeren, aus einem „Verhau von Konsonanten“ zusammengesetzten Namen trägt. (Wie seine Schöpferin übrigens, die ursprünglich Bajraktarevic hieß.) Nach dessen Tod schließt er sich einer Gang an und begeht nach einem Postkutschenraub einen Mord. Fortan steckbrieflich gesucht, wobei sich die Belohnung von Plakat zu Plakat, an dem Lurie vorüberzieht, verdoppelt, kann er im United States Camel Corps untertauchen – einer Art „Kavallerie“ aus Kamelen, die keine Erfindung ist, wenngleich sie wie eine solche wirken mag.
Tatsächlich hat die Autorin eher zufällig – in einem Podcast, wie sie in einem Interview verrät – von jenem mit Dromedaren und Trampeltieren ausgerüsteten, vom Kriegsministerium aus Ägypten ins Land geholten Lastenträgertrupp erfahren, der von 1856 bis 1866 durch Wüste und Prairie zog, um derart die Besiedlung der westlichen USA voranzubringen. Auch die Reiter, das entsprechende Fachpersonal also, stammten aus Ägypten und dem Osmanischen Reich, weswegen sich Lurie, der sein persönliches Kamel erhält und es „Burke“ tauft, sich in der Truppe aus Migranten aller Länder schnell zu Hause fühlt.
Kamele in der US-Wüste?
Nach dem Bürgerkrieg jedoch löst sich die Truppe auf, die Kamele werden von der Armee verkauft und irren durch die Wüste, ein letztes Exemplar wird 1891 in Arizona gesichtet. Vielleicht ist es ja „Burke“, Luries Kamel, der mit ihm halbverdurstend auf Wassersuche durch die Gegend zieht und dem Tier in Fortsetzungen seine Lebensgeschichte erzählt.
Die zweite Erzählebene, deren realistische Dauer Obreht genau auf 24 Stunden beschränkt, ohne dass die Beschreibung deswegen in Telegrammstil verfiele, widmet sich Nora Lark. Tatkräftig und entschlossen, erscheint sie wie das Urbild einer Pionierin aus feministischer Sicht. Sie kämpft gegen Grundstücksspekulanten, Großgrundbesitzer, Glücksritter, und – leider vergeblich – gegen jene Diebe, die sich immer wieder der Wasservorräte ihrer Familie bemächtigen.
Surreale Erzählebene
Ihr Mann Emmett, Redakteur eines mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfenden Lokalblättchens, ist deshalb in der Gluthitze unterwegs zum nächsten Ort, während zwei ihrer Söhne, schon fast erwachsen, wiederum auf der Suche nach ihrem Vater sind. Nur der Jüngste, sensibel, ängstlich und durch einen selbstverursachten Unfall halb blind, ist zu Hause geblieben. Wie schon seit Wochen nervt er seine Mutter mit der Behauptung, auf seinen Streifzügen rund um das Haus immer wieder ein rotes Monster zu sehen.
Nora schiebt es auf die unmenschlichen Temperaturen, die zu Halluzinationen führen können. Aber auch sie bleibt davon nicht unangefochten. Immer wieder verliert sie sich in wilden spekulativen Rückblenden und in Schein-Gesprächen mit ihrer verstorbenen Tochter, ohne dass sie – zumindest gedanklich – zur Lösung ihrer Probleme vordringt.
Vergleiche mit Gabriel Garcia Màrquez
Wie in ihrem ersten Roman „Die Tigerfrau“, dessen faktischer Kern ein in den Kriegswirren des Zweiten Weltkrieges aus dem Zoo ausgebrochener Tiger war, mit dem es Obrehts erzählsüchtiger Großvater „zu schaffen hatte“, webt die Autorin auch in „Herzland“ einen herzergreifenden mythologisch-surrealen Erzählteppich. Doch können die Leser sich sicher sein, dass sie ihre beiden fast selbstständig existierenden Erzählungen zusammenführt und die fast bis zum Schluss andauernde Spannung auflösen wird. Bis dahin aber verlangt die junge hochbegabte Autorin Geduld von ihren Lesern, nicht zuletzt auch deren Willen, immer wieder zurückzublättern, wenn ihnen einige Fäden des literarischen Gewebes weggerutscht sind.
Fest steht jedenfalls, dass Téa Obreht nicht nur im übersinnlichen Sinn eine fantastische, sondern auch handwerklich überragende Erzählerin ist. Ihre Imaginationen sind überbordend und zielgerichtet zugleich. Vorzugsweise US-Kritiker vergleichen sie bereits mit Gabriel Garcia Màrquez. Souverän wie dieser baut sie in ihrem Roman magische Elemente in realistische Situationen ein und lässt doch nicht davon ab, auch ihr eigenes migrantisches Leben darin zu integrieren. Kurz: Obreht hat eine neue Art von Western geschrieben. Wenngleich Ureinwohner darin nur als ferne Schatten auftauchen.
Lesezeichen
- Téa Obreht: „Herzland“; Roman; aus dem Englischen von Bernhard Robben; Rowohlt Berlin; 512 Seiten; 24 Euro.