Rundfunk RHEINPFALZ Plus Artikel SWR: Mehr Tiktok, weniger Fernsehen

Seit Februar Chefin im SWR-Landessender in Mainz: Ulla Fiebig.
Seit Februar Chefin im SWR-Landessender in Mainz: Ulla Fiebig.

Ulla Fiebig, SWR-Landessenderdirektorin in Mainz, will Inhalte stärker online vermarkten. Gespart wird beim linearen Fernsehen: Nach „Flutlicht“ fällt die Kultursendung „Landesart“ weg.

Im Januar rücken der Südwestrundfunk und dessen Intendant Kai Gniffke bundesweit in den Fokus: Dann nämlich übernimmt der Sender den Vorsitz in der ARD, über deren mögliche Zusammenlegung mit dem ZDF der scheidende ARD-Vorsitzende Tom Buhrow vom WDR laut nachgedacht hat. Im November sagte er, es bedürfe grundlegender Rundfunkreformen und eines neuen Gesellschaftsvertrags.

Ulla Fiebig, seit Februar an der Spitze des rheinland-pfälzischen Landessenders, will sich zu ARD-Themen, insbesondere zu Buhrow, nicht äußern. Jeder Satz zum öffentlich-rechtlichen System hat das Potenzial, zum Politikum zu werden. Erschüttert wurde es zuletzt im Sommer durch die Selbstbedienungsmentalität beim RBB. Intendantin Patricia Schlesinger fehlte selbst nach ihrem Abgang das Gespür dafür, übertriebene Privilegien als solche zu erkennen.

RBB-Skandal auch im Südwesten spürbar

Fiebig empfing Medienvertreter zu ihrem ersten Bilanzgespräch in einem schmucklosen Konferenzraum im Mainzer Landessender. Die Glasfront geht zur Straße mit Blick auf das Parkhaus und – zumindest am Dienstag – auf Männer mit Laubbläsern. Glamour sieht anders aus. Doch die RBB-Skandale schlugen auch in Rheinland-Pfalz Wellen. Dass SWR-Reporterinnen und Reporter bei ihrer Arbeit vor Ort auf die Verhältnisse beim RBB angesprochen wurden, dass sie es „abbekommen“ haben, habe sie betroffen gemacht, sagte Fiebig.

Im Landessender wurde auf das Geschehen in Berlin reagiert. Die Transparenzseiten seien ausgebaut und Schulungen zu Compliance-, also Wohlverhaltensregeln, entwickelt worden. Sie betreffen die Kooperation mit Dritten, die Transparenz und Fehlerkultur sowie das Thema „Nähe und Distanz vor Ort“. Journalisten müssen zu Gesprächspartnern einerseits eine Vertrauensbasis aufbauen, um Informationen zu erhalten, andererseits müssen sie die kritische Distanz bewahren.

Experimente aus Rücklagen finanziert

Die großen Baustellen Fiebigs sind aber andere. Eine im Wortsinn soll bis 2027 fertiggestellt sein: ein „multimediales Aktualitätshaus“. Dort, wo jetzt Autos parken, ist ein Neubau für einen zweistelligen Millionenbetrag geplant. Die Pläne werden bereits seit Jahren verfolgt, haben sich aber immer wieder verzögert. Eine Baustelle im übertragenen Sinn ist die Ausweitung des inhaltlichen Angebots auf den Online-Kanälen. Aus der Ideenwerkstatt des SWR sind Podcasts entstanden, einer zur Flutkatastrophe „Warum musste Johanna sterben“. Auf Instagram werden „Mutmacher“ vorgestellt, die Clips tragen Titel wie „Kämpferin“, „Erfinder“, „Pflegerin“ oder „Optimist“. Auf Tiktok gibt es ein Format „German Handwerkskunst“, das bisher 255.000 Mal aufgerufen worden sei. Noch können Experimente aus Rücklagen finanziert werden, aber damit ist im Jahr 2024 Schluss.

Gespart wird deshalb im linearen Programm. Die Sportsendung „Flutlicht“ aus Mainz ist einem mit Baden-Württemberg gemeinsam produzierten Format gewichen. Ebenso wird es der Kultursendung „Landesart“ im Frühjahr ergehen. Fiebig prüft ferner eine weitere Zusammenführung der Angebote beider Ländern beim Radiosender SWR 4. Dieser hatte bis vor kurzem noch eine eigene von insgesamt drei Hauptabteilungen. Mit neuen Strukturen will sie mehr Kapazitäten für die Aktualität schaffen und für alles, was mit „Heimat“ zu tun hat.

Wer nachrückt

Vom Landesrundfunkrat unter der Leitung der DGB-Landeschefin Susanne Wingertszahn hat sie dafür ebenso die Zustimmung wie vom SWR-Rundfunkrat, in dem Rheinland-Pfälzer und Baden-Württemberger vertreten sind. Dessen Spitze ist nach dem gesundheitsbedingten Rückzug von Adolf Weiland, dem früheren CDU-Landtagsabgeordneten aus der Nähe von Koblenz, vakant. Daran wird auch die Sitzung am Freitag nichts ändern, frühestens eine Sondersitzung im Januar. Ein möglicher Nachfolger hat sich nach RHEINPFALZ-Informationen den informellen Runden innerhalb des Aufsichtsgremiums vorgestellt: Engelbert Günster (72), Rundfunkratsmitglied, früherer Deutschland-Chef von Boehringer Ingelheim sowie Ex-Präsident der IHK Rheinhessen. Dem Vernehmen nach vermissen manche Rundfunkratsmitglieder bisher von ihm noch Impulse für die moderne Weiterentwicklung des SWR, zumal in der Zeit des ARD-Vorsitzes. Fest steht dagegen, wer für Weiland aus dem Landtag in den Rundfunkrat nachrückt: CDU-Fraktionschef Christian Baldauf. Die SPD ist mit Martin Haller vertreten.

x