Geld und Geruch
Stinkreich: Das Karlsruher Finanzamt verkauft Parfüm, das nach Geld riecht
Dass Geld nicht stinkt, ist eine eigennützige These des römischen Kaisers Vespasian (9 bis 79), die er seinem Autokratie-skeptischen Sohn unter die Nase rieb. Der Typ war allerdings auch so drauf, dass er von seinen Untertanen eine Toilettenbenutzungssteuer verlangte. Beim Finanzamt Karlsruhe indes möchte und muss man aufgeschlossener gegenüber menschlichen Bedürfnissen wirken und sein. Dort nutzt man den olfaktorischen Mehrwert wortwörtlich handhabbarer Zahlungsmittel jetzt als Mittel der Eigenwerbung.
Geld riecht, ist die vor Ort praktisch erfahrbare Erkenntnis. Es duftet sogar nach Iris, Wildleder und – Achtung – Cannabis, was vielleicht das Suchtverhältnis erklärt, das manche Menschen und Dagobert Duck zum Geld unterhalten. Die Duftnote jedenfalls hat der Züricher Parfumeur Andreas Wilhelm als Eigengeruch von Geldscheinen erschnüffelt und dem Parfüm „Aerarium“ eingeschrieben. Das Karlsruher Finanzamt vertreibt es weltexklusiv und ausschließlich im – wenn man so will – hauseigenen stationären Einzelhandel. Jeder Flakon ist ein beschriftetes Unikat aus Waldglas, das wegen des im Quarzsand enthaltenen Eisenoxids bisweilen grünlich schimmert. Als Präsentationsfläche dient ein zur Vitrine erhobenes, nachts erleuchtetes Fenster des Finanzamt-Neubaus in der Durlacher Allee. Das Ganze ist zu schön, um kein Kunst-am-Bau-Projekt zu sein. Erdacht hat es denn auch die Schweizer Künstlerin Katharina Hohmann aus Berlin und Bern.
Im Duftlockstoffeinsatz
Aus Steuermitteln finanziert ist die staatlich-künstlerische Drogerie, okay. Aber die 60 Euro pro Flasche sind der Selbstkostenpreis und werden ausschließlich zur Neuproduktion verwendet. Auch der Gewinn für Käufer und Käuferinnen ist – neben dem möglichen Duftlockstoffeinsatz – in der Hauptsache symbolisches Kapital. Was das betrifft nämlich, kann die Konkurrenz nicht so leicht gegen Aerarium anstinken. Allein der Name! Ein gebildeter Verweis auf die antike römische Staatskasse Aerarium Populi Romani, während etwa „Roma“ von Laura Biagiotti den „Hauch von Ewigkeit“ nur verspricht. Auf eine ähnliche Plattheit wie „J’adore Dior“ (ich bete Dior an) – „Mammon mon amour“ zum Beispiel – wäre man beim Finanzamt Karlsruhe nie gekommen. Obwohl auch Katharina Hohmanns Idee eine Spur nach Kurzschluss riecht.
Denn das Finanzamtsgebäude steht auf dem Areal der ehemaligen Parfümerie Feinseifenfabrik F. Wolff & Sohn, die 1829 aus einem Friseurgeschäft hervorgegangen und durch die Linie „Kaloderma“ berühmt geworden ist, von kalos (schön) und derma (Haut). In Analogie jedenfalls ließe sich Aerarium für eine Kosmetiklinie halten, die das nicht bei allen gute Finanzamtsimage lustvoll verschönt. Und umgekehrt könnte der Duft jeder Online-Überweisung den sanften Schauder einer Bargeldübergabe in dunkler Nacht einhauchen. Ein Sinnbild für die Flüchtigkeit der Kohle ist verfliegendes Parfüm natürlich auch. Zudem für die Differenz von riechen und haben, falschem Schein und echten Scheinen.
Missbrauch möglich
Der Missbrauch ist nicht ausgeschlossen, für jede arme ehrliche Haut aber besteht die Chance zumindest für eine gewisse Zeit stinkreich zu werden. Die ersten 600 Exemplare von Aerarium jedenfalls waren schnell ausverkauft. Aber jetzt lässt sich das Parfüm – als Weihnachtsgeschenk vielleicht – wieder online bestellen, zwei Flakons maximal. Hergestellt auf Wunsch, auch die Terminvergabe im Finanzamt erfolgt online. Abholen muss man das Parfüm nämlich zwingend vor Ort, das ist ja der Sinn der Sache. Und übrigens kein Trick, um Steuerbetrüger in die Höhle des Löwen zu locken. Eine Steuernummer wird für den Einkauf nicht gebraucht.