Kultur
Slipknot versetzt Rock am Ring in Ekstase
Nach dem Punk am zweiten Tag kehrte zum Abschluss des Festivals der Metal zurück auf die Hauptbühne von Rock am Ring. Mit einer ebenso düsteren, mitunter verstörend wirkenden, aber eben auch mitreißenden Nu-Metal-Show von Slipknot. Ein richtig hartes Brett zum Abschluss.
Was bitte war das denn? Ein Massenrausch? Eine schwarze Messe? Ein Bad im Metal-Stahlgewitter? Es war – Slipknot, eine Band aus den USA, die den Metal, den viele schon totgesagt hatten, noch mal in eine ganz neue, eine düstere Dimension geführt hat. Slipknot, das ist die Musik, vor der Mütter ihre Töchter warnen. Und genau so sehen sie auch aus: In furchteinflößenden Masken stürmen sie wie apokalyptische Reiter die Hauptbühne bei Rock am Ring und versetzen die Massen vor der Volcano Stage in nicht mehr einzufangende Ekstase.
Eine dröhnend hämmernde Walpurgisnacht
Wenn man mit den Mitteln des Metal, mit den Ausdrucksmöglichkeiten eines Musikgenres, das ja immer schon auch eine Lebenseinstellung war, zum Beispiel Goethes Walpurgisnacht oder das „Dies Irae“ aus dem Requiems-Text vertonen wollte, es würde wohl genau so klingen wie das, was Slipknot zum Abschluss des diesjährigen Festivals in einer spektakulären Show präsentiert haben. Diese Musik ist von einer unbändigen Kraft, ja auch von einer mitunter irritierenden Gewalt. Angeführt von Sänger Corey Taylor bricht Slipknot mit unwiderstehlicher Urgewalt über dem Publikum zusammen. Sicherlich der emotionale Höhepunkt des diesjährigen Festivals.
Mittags herrscht noch gespenstische Ruhe
Am Mittag des letzten Festivaltages hatte auf dem Festivalgelände noch gespenstische Ruhe geherrscht. Hier und dort wurde ein Kabel justiert, eine Plane gerichtet, wurden die Getränkestände mit Nachschub versorgt. Von den über 80.000 Fans, die am Abend wieder zum Ring gepilgert waren, war zu diesem Zeitpunkt noch kaum jemand zu sehen. Viele brauchten wohl noch etwas Schlaf. So ein Rock-Festival ist kein Kindergeburtstag.
Die Lautsprecherdurchsage, welche die Stille unvermittelt durchbrach, weckte unschöne Erinnerungen an 2017, als das Festival wegen Terrorgefahr unterbrochen werden musste: „Dies ist eine Notfall-Test-Durchsage für die Volcano-Stage“. Ein Notfall, der glücklicherweise im Jahr 2019 nicht eingetreten ist.
Das Media-Center als Rückzugsort
Der Wind der ersten beiden Festspieltage hatte sich mittlerweile gelegt, die Sonne war rausgekommen. Auf dem Beton der Rennstrecke war man ihr schutzlos ausgeliefert. Da kam das Media-Center als willkommener Rückzugsort gerade recht. Dort ist es klimatisiert, es stehen Tee, Kaffee und gekühlte – antialkoholische – Getränke zur Verfügung.
Auf dem Weg dorthin musste ich seit Tagen an demselben Ordner vorbei. Der junge Mann mit Pferdeschwanz ist noch Schüler und verdient sich während des Festivals Geld dazu. 12, manchmal 13 Stunden dauerten seine Schichten. Und anders als seine Kollegen auf dem Gelände bekam er im Gang zwischen Pressezentrum und Pressetribüne von der Musik quasi nichts mit. Am Samstag wenigstens die letzte Stunde des Ärzte-Auftritts. Ob das nicht doof sei, hier oben Einlassbändchen zu kontrollieren, während unten ausgelassen gefeiert wird? „Ne, ich verdiene mir das Geld, was die anderen da unten ausgeben.“ So kann man das sehen.
Wikinger entern die Hauptbühne
Am Nachmittag enterten dann die Wikinger von Amon Amarth die Hauptbühne. Musik, wie Feuer und Eis, das Schlagzeug hinter einem riesigen Wikingerhelm, Statisten üben sich im Schwertkampf und Sänger Johan Hegg leert sein Trinkhorn. Kraftvoller, dennoch melodischer Death Metal, der aber keineswegs so böse gemeint ist, wie er vielleicht auf dem ersten Blick wirken mag. Hegg jedenfalls lässt immer auch ein Augenzwinkern durchblicken, wenn er die Band und die Fans in die nächste Schlacht führt.
Bei The BossHoss springt der Funken nicht über
Dass darauf mit The BossHoss eine deutsche Countryband folgte, passte irgendwie nicht so Recht in die Dramaturgie auf der Volcano Stage am Schlusstag. Und der Funken wollte nach dem energiegeladenen Auftritt der Wikinger zuvor auch nicht überspringen. Partystimmung kam jedenfalls keine auf. Und jede Rocker-Pose von Alec Völkel – ob als Crowdsurfer mit nacktem Oberkörper oder als Headbanger am Waschbrett – wirkte viel zu groß für diese Musik. Als die Band sich dann auch noch Damenbesuch auf die Bühne einlud, der lasziv um Völkel herumtanzte, war die Grenze zur Peinlichkeit vollends überschritten.
Jack Black und Kyle Gass können über sich selbst lachen
Vielleicht hätten sich die beiden Cowboys ein Beispiel an Kyle Gass und US-Schauspieler Jack Black nehmen können, die bewiesen als vorletzte Band auf der Hauptbühne mit Tenacious D, wie gut es manchmal tun kann, wenn man auch über sich selbst lachen kann. Ihr Comedy Rock machte das Publikum nochmals flott und bereitete es vor auf das große Finale auf der Volcano Stage: Slipknot, die wohl größte moderne Metalband der jüngeren Vergangenheit. Was sie, wie geschildert, auch bei Rock am Ring bewiesen hat.