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Für immer Punkrock: die Autorinnen Kersty Grether und Sandra Grether.
Für immer Punkrock: die Autorinnen Kersty Grether und Sandra Grether.

Die Zwillinge Kersty und Sandra Grether kämpfen seit Jahrzehnten für andere Geschlechterverhältnisse. Im Buch „Rebel Queens“ porträtieren sie 40 Heldinnen der Rockmusik.

Die 50-jährigen Zwillingsschwestern Kerstin „Kersty“ und Sandra Grether sind für das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ Legenden des Pop-Feminismus, im Bayern 2-Podcast „Eins zu Eins. Der Talk“ wurden sie kürzlich als die „Kessler-Zwillinge des Punks“ bezeichnet. Und ihr Verlag Reclam sieht in ihnen nichts weniger als die „Erfinderinnen des Pop-Feminismus in Deutschland“.

Der Rock’n’Roll lässt die beiden nie los: Als Musikjournalistinnen, Musikerinnen, Gastgeberinnen der Veranstaltungsreihe „Ich brauche eine Genie“ und seit Kurzem als Betreiberinnen eines kleinen, inhaberinnengeführten Cafés in Berlin-Friedrichshain kämpfen die Wahlberlinerinnen seit Jahrzehnten für gerechtere Geschlechterverhältnisse in der Musikbranche. Auch heute beträgt der Anteil von Female Acts am Line-up auf den großen Rock-Festivals weniger als 15 Prozent. Die wichtigsten Machtpositionen in der Musikbranche – wie Labelbetreiber, Plattenfirmenchefs, Mischer von Livekonzerten, Chefs von Vertrieben und Bookingagenturen, Chefredakteure von Feuilletons und Musikzeitschriften, Studiobetreiber und Clubbesitzer – sind meist von Männern besetzt. In der Live-Musikindustrie werden zudem Unmengen von Geld verdient, aber nur ein Prozent der Musiker und Musikerinnen bekommt das ganz große Geld – der Rest geht fast leer aus. Das heißt: Weniger die Strukturen, als das Bewusstsein in der Popmusik haben sich verändert.

Grundlage waren viele eigene Interviews

Mit dem 396-seitigen Band „Rebel Queens“ stellen die Grether-Schwestern nun Heldinnen der Rockmusik, starke Sängerinnen und Popgöttinnen, die das Genre sprengten und Grenzen überschritten, in chronologischer Reihenfolge vor. Das Buch konzipierten sie gemeinsam, aber jede schrieb ihre eigenen Texte, nur eine Handvoll Porträts entstanden gemeinsam. Mehr als 40 Musikerinnen von Sister Rosetta Tharpe, der Erfinderin des Rock’n’Roll, über Nina Simone, Janis Joplin und Patti Smith bis hin zu SZA und der Girls-Boys-Band Wet Leg werden sowohl als Role Models als auch als Menschen vorgestellt.

Es ist ein musikalischer Parforceritt vom Blues und Gospel der 1940er-Jahre über die Gegenkultur, Punk und die feministische Punk-Bewegung Riot Grrrl bis hin zu den neuen, popfeministischen Stimmen von Billie Eilish, Lana Del Rey und boygenius. „Unsere Texte hier sind in dem vollen Bewusstsein geschrieben, dass es ja Wikipedia & Co. gibt, ja das ganze Internet voll ist mit Informationen über Rebel Queens, auch mit gut zusammengefassten Essays“, betonen die Autorinnen im Vorwort. „Wir möchten genau die Geschichten erzählen, die, inmitten der Informationsflut, von all den Algorithmen und Faktenhubern und Begräbnisrednern verschluckt oder übersehen wurden.“

Dabei können die zwei Musik-Maniacs, die sich seit ihrer frühesten Kindheit für Rockmusik begeistern, auf zahlreiche eigene Interviews mit Musikerinnen zurückgreifen, von denen sie viele auch persönlich kennenlernten oder mit denen sie teilweise Konzerte spielten.

„Mädchen spielen keine E-Gitarre“

Entstanden ist ein Kompendium von faktenreichen, analytischen, leidenschaftlichen, unterhaltsamen und bisweilen provokanten Texten, die das Besondere in der Vita von Musikerinnen suchen und finden. Joan Jett wurde als 14-jähriger Teenager von ihrem Gitarrenlehrer belehrt: „Mädchen spielen keine E-Gitarre.“ Sie strafte ihn später Lügen. Die nur 1,54 Meter große Blondine Doro Pesch wiederum ist seit 40 Jahren eine feste Größe in der von Männern dominierten Heavy-Metal-Szene – eine Benachteiligung aufgrund des Geschlechts spürte sie nie. Lady Gaga betrat schon als Newcomerin die Bühne, als wäre sie ein Superstar.

Misogyne Projektionen trafen in den 1970er-Jahren auch so gegensätzliche Musikerinnen wie Yoko Ono, das viel zu böse Mädchen, und Karen Carpenter, das viel zu gute Mädchen. In der essayistischen Gegenüberstellung beider Königinnen der Rebellion finden sich jedoch mehr Gemeinsamkeiten als Gegensätze. Überraschend fällt auch das Kapitel über zwei der schillernden Rocksongwriterinnen der 1990er-Jahre aus: So richtete sich die Hetzjagd auf Courtney Love gegen all die kreativen Girls, die sich mit einer Kultur der Doppelmoral nicht abfinden wollten. PJ Harvey stellte dagegen für die Autorinnen immer wieder ihren Körper zur Schau, um Männern zu gefallen – ein Verrat am Feminismus?

Originelle Texte mit vielen Anekdoten

Die Grether-Twins definieren die Geschichte des Rock’n’Roll neu aus weiblicher Sicht. Dennoch zeigt sich auch nach der Lektüre des Buchs: Egal, wie hoch Frauen am Pop- und Rockhimmel aufgestiegen waren, mit Geschlechterstereotypen und sexistischen Ressentiments hatten sie alle zu tun. Manche wurden schon Opfer von Schulhofmobbing wie Lady Gaga, die wegen ihrer Nase gehänselt und von Mitschülern in einen Abfalleimer gesteckt wurde. Später zweifelte ihr Produzent und Entdecker Rob Fusari daran, ob sie hübsch genug fürs Popgeschäft sei und riet ihr dringend davon ab, einfach nur „das Mädchen am Klavier à la Norah Jones“ zu sein.

Auch Taylor Swift war in ihrer Jugendzeit eine Außenseiterin und zog als Popstar ihre Konsequenzen: Sie schließt Verträge mit Ex-Boyfriends darüber ab, was diese erzählen dürfen und was nicht, ihr Produzent Jack Antonoff darf ohne Erlaubnis nicht über sie sprechen. Das hindert Swift freilich nicht daran, weiter Songs über ihre Beziehungen zu schreiben.

Kritik am Musikjournalismus

Die originellen, analytisch klaren Texte der Grethers, garniert mit Playlists, Best-of-Listen beispielsweise von den zehn besten Avril-Lavigne-Songs oder 17 Schwestern-Bands in beliebiger Reihenfolge, Anekdoten und schönen Schwarz-weiß- sowie Farbfotos der Musikerinnen, geben gar nicht erst vor, objektiv zu sein, sondern beziehen Position, bewerten, ordnen ein, fordern heraus. „Viele Rockrebellinnen haben unseren Horizont und unsere Hörgewohnheiten erweitert. Es ist uns eine dauerhafte Freude, auch die Fortschritte zu sehen und zu feiern“, resümieren die Grethers.

Gleichzeitig empfehlen sie, angesichts der fortwährenden Unterdrückung durch Stereotype von Weiblichkeit, Hautfarbe oder sexueller Orientierung, genauer hinzuschauen und hinzuhören. Hier kritisieren die Schwestern auch die Rolle des Musikjournalismus. Überwiegend männliche Kritiker würden bis heute Leistungen von Frauen in der Rockmusik unzureichend würdigen. Für die Grether-Schwestern gilt es, gerade in Zeiten, in denen der Totalitarismus zurückkehrt und auch feministische Gärten besetzt, auf der Hut zu sein, damit „uns die fucking patriarchalen Strukturen (an denen, of course, auch viele Frauen beteiligt sind) nicht ein ums andere Mal wieder alles kaputt machen würden.“

Lesezeichen

Kersty und Sandra Grether: „Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik“; Reclam; Hardcover, 396 Seiten; 28 Euro. Mehr Infos zur Band der Autorinnen www.doctorella.de.

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