Kultur Schwarzer Horror
Seit der US-Amerikaner Matt Ruff mit „Fool On The Hill“ 1988 die literarische Bühne betrat, gehört er zu den „schrägsten“ Schriftstellern nicht nur seines Landes. „Lovecraft Country“, sein neuer Roman, untermauert diesen Ruf nachdrücklich.
In Ruffs Roman gibt es (wieder) ein Potpourri an skurrilen Einfällen, mehr oder minder subtilen Querverweisen und fantastischen Momenten. „Nachts im Museum“ trifft „Matrix“, der Horror in Elm Street begegnet Indiana Jones. Und wie weiland bei Stephen King hat ein geheimnisvoller Wagen diverse Auftritte. Der 52-Jährige bedient sich also am reich gedeckten Tisch populärer Kultur. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn die Zitate nicht allzu aufdringlich sind. Daneben läuft hier noch ein anderer Film, eine Dokumentation des Rassismus in den USA der 1950er Jahre. Passt das alles zusammen? Nun ja. Trägt der Grundgedanke den Roman? Nur bedingt. Es ist schon ein wenig verdächtig, wenn einem Buch ein Begleitbändchen beiliegt, in dem die zentralen Punkte des Werkes aus verschiedenen Blickwinkeln noch einmal zusammengefasst werden. Womit haben wir es zu tun in diesem Buch, das auf den Horrormeister H.P. Lovecraft (1890-1937) verweist? Atticus Turner, schwarz, früherer Soldat, 22 Jahre alt, ist 1954 der letzte lebende Nachkomme von Titus Braithwaite, einem Zauberer und Sklavenhändler aus dem 18. Jahrhundert. Braithwaite, und jetzt wird es wichtig, war zudem der Gründer einer rassistischen Geheimloge mit dem Namen „Orden der Alten Morgenröte“. Die aktuellen Ordensführer haben ein großes Interesse an Atticus. So entführen Caleb Braithwaite und sein Vater den Papa von Atticus, um Atticus nach Ardham zu locken, in ein altes Herrenhaus. Dort findet eine Zeremonie statt. Die Bruderschaft braucht ihn. „Sie tragen diese Macht in sich“, meint Samuel Braithwaite vielsagend. Damit beginnt die Geschichte. Von nun an geht es darum, wie Caleb Braithwaite versucht, die Nummer 1 der Logen zu werden, den Orden aus Chicago abzuhängen und wie er Atticus, dessen Vater Montrose, Onkel George und andere Familienmitglieder für seine Zwecke benutzt. Jedes Familienmitglied steht einmal im Mittelpunkt eines Kapitels, die für sich abgeschlossene Geschichten sind und deshalb auch prima verfilmt werden können: Jordan Peele („Get Out“) und J.J. Abrams sitzen gerade an einer HBO-Serie dazu. In „Träume vom Which-Haus“ kauft Atticus’ Jugendfreundin Letitia, eine sehr gläubige Frau, ein Geisterhaus in einer weißen Nachbarschaft und muss mit allerhand Spuk zurechtkommen. In „Hippolyta stiftet Unruhe im Universum“ entdeckt Atticus’ Tante den Zugang zu einer anderen Welt. Und in „Jekyll in Hyde Park“ (schöne Überschrift!) geht Letitias schöne Schwester Ruby eines Abends Caleb Braithwaite auf den Leim – und als Ruby am nächsten Morgen erwacht, stellt sie fest, dass sie sich in eine weiße Frau verwandelt hat. Weiß zu sein, hat auch Vorteile, doch der Zauber hält nicht ewig ... Das vielleicht eindrucksvollste Kapitel: „Das Narrow-Haus“, in dem Onkel George mit einem nicht mehr ganz so lebendigen Menschen spricht. Er wurde dorthin geschickt, um alte Unterlagen zu holen. Da ist der Grusel-Faktor ziemlich hoch. Am Ende kommen die Figuren zusammen, und beenden das Duell der konkurrierenden Orden. Der Hintergrund des Romans ist der amerikanische Rassismus der 1950er – und wie Matt Ruff diese unglaublichen Ungerechtigkeiten beschreibt, ist die eigentliche Stärke des Romans. So liest sich das Buch auch als Horrorgeschichte über den Rassismus. Die reale Ebene, wenn wir das mal so nennen wollen, passt aber nicht ganz zu der ausschweifenden Fantasie des Autors. Der Roman eignet sich nur für ausgewiesene Fantasy-Liebhaber, die auch Spaß daran haben, alle Fährten, die Matt Ruff legt, aufzuspüren. Lesezeichen —Matt Ruff: „Lovecraft Country“; aus dem Englischen von Anna und Wolf Heinrich Leube; Hanser; 432 Seiten; 24 Euro.