Kultur „Schenk mir ein Gewand aus Worten mit Substanz“

Hier herbstlich gestimmt: Fibel (Dennis Borger, Noah Fürbringer, Lukas Brehm und Jonas Pentzek, von links).
Hier herbstlich gestimmt: Fibel (Dennis Borger, Noah Fürbringer, Lukas Brehm und Jonas Pentzek, von links).

Ein Schulbuch, eine Kleiderschließe – und eine Mannheimer Band mit Pfälzer Beteiligung: Fibel haben es sich mit ihrem Namen in der Google-Welt nicht so ganz leicht gemacht. Wer aber die spannende Musik der vier Studenten der Mannheimer Popakademie entdeckt, dürfte sich über ihr Talent, fast schon kleine Theaterstücke mit ihrem melancholischen, aber auch bisweilen mit großen Poprefrains arbeitenden Neo-Wave, erfreuen. Die nächste Gelegenheit, um das Quartett live zu erleben, bietet sich am kommenden Samstag, beim Wormser Festival Jazz & Joy. Jazz allerdings gehört nicht gerade zu den Genres, die Fibel pflegen. Post-Wave und NDW nennen die Musiker selbst als Grundpfeiler ihres Stils – letzteres vor allem, weil der in Synthies wie Gitarren verliebte Sound doch an die 80er erinnert. Und weil Fibel auf Deutsch singen. „Kommissar“, „Substanz“, „Ehrlichkeit“, „Exponat“, „Medikament“ oder „Kripo“ heißen nahezu programmatisch die Einwort-Songtitel. Ok, der etwas frühere Song „Glasscheiben“ fällt da etwas heraus. Wobei hier schon die schöne Textzeile „Wir schreien laut, als ob wir etwas zu sagen hätten“ auffällt: Als frische Band ist es heute gar nicht so einfach, unverwechselbar zu sein, Neues zu bieten und sich zu positionieren. Da hilft eben manchmal auch leichte Selbstironie. Fibel schreiben zwar auch Liebessongs, doch meiden sie Plattitüden. „Oh, Baby“, hebt Sänger Jonas Pentzek im Refrain zu „Substanz“ an, um Unerwartetes draufzusetzen: „Schenk mir ein Gewand aus Worten mit Substanz“. Und „Kommissar“ wiederum ist mitnichten eine Falco-Coverversion, sondern dürfte eher Fans des Herxheimer Wave-Erneuerers Drangsal erfreuen. Das Stück überrascht inhaltlich als eine Art Fernsehkrimi-Vertonung mit fröhlichem Mitsingrefrain, bei dem es dem Zuhörer doch mulmig wird („Sie haben ihn ermordet, sie haben ihn erstochen und ich hab’s gesehen“) oder aber als Kommentar auf die Wegschaugesellschaft einerseits und Voyeurismus andererseits. Das Schöne bei Fibel ist, dass sich nicht jede Zeile auf Anhieb dechiffrieren lässt. Vielleicht auch ein Grund, warum die Band zum „Deutschpoeten“-Festival eingeladen ist, das Radio Fritz in Berlin organisiert. Da spielen Fibel am 1. September neben Clueso und Joris, der ja auch an der Mannheimer Popakademie studierte. Wobei die Zuhörer aber damit rechnen sollten, dass Fibel nicht nur düsterer dichten, sondern auch richtig rocken können, etwa in ihrem dem Postpunk nahe stehenden Stück „Kripo“. Oder mal ganz direkt werden: „Ich fänd’ es wirklich schön, wenn du dich mit mir besäufst“, singt Jonas Pentzek in „Medikament“. Pentzek ist aus Halle zum Studium nach Mannheim gekommen, wo er auf den Schweizer Schlagzeuger Noah Fürbringer und den Ludwigshafener Gitarristen Dennis Borger traf, früher bei In Circles We Move oder Wind And The Whaler aktiv. Vierter im Bunde ist Bassist Lukas Brehm aus Kaiserslautern, der mit Pentzek auch Theatermusiken fürs Heidelberger Schauspiel schreibt und zuvor bereits als Sänger und Gitarrist mit seiner Kaiserslauterer Band King Lux positiv aufgefallen ist. Das Trio hatte im Vorjahr seine Debüt-EP „Yliars“ vorgestellt: träumerisch-melancholische Musik zwischen intensivem Mathrock und Synth-Pop. Nun aber steht Fibel im Vordergrund. Schließlich ist man auch bei der erfolgreichen Konzertagentur Four Artists untergekommen. Und nun wird getourt, mit der im Juni erschienenen Fünf-Stücke-EP „Kommissar“, zu deren Titelstück es auch ein schön gegensätzliches Video gibt, das die Band in schwarzen Wave-Klamotten zeigt – zu ganz viel Pink. Termin/Kontakt —Fibel live bei Jazz&Joy: Samstag, 18. August, 17 Uhr, Renolitbühne, Worms. —Infos zur EP: www.fibelmusik.de

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