Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Rheinpfalz-Sommererzählreihe „Hitze“ (11): „Die Spur der Glühwürmchen“ von Arno Frank

Arno Frank
Arno Frank

Immer im Sommer beginnen wir das Erzählen. Seit 28 Jahren geht das so. Es schreiben renommierte Autoren und Journalisten unserer Zeitung. Heutiger Teil der Serie: der „Donnersberg-Mystery-Thriller“ des aus Kaiserslautern stammenden Schriftstellers Arno Frank.

Hätte er sich mehr für Geschichte oder Technik interessiert, wäre Polizeiobermeister Gernold Geiger vielleicht nicht verrückt geworden. Naja, vielleicht wäre er sogar schneller verrückt geworden. Man weiß es nicht.

Kollegen beschreiben ihn als eher robuste Natur. „Der Gernold“, erzählt sein Freund Erwin, interessierte sich für Fußball, seine Modelleisenbahn und Bierdeckel, da soll er eine beeindruckende Sammlung besessen haben – beeindruckend jedenfalls für Leute, die sich für Bierdeckel interessieren. Einen Bierbauch hatte er auch, damit man sich den Typ mal vorstellen kann, dazu einen Schnauzbart ganz alter Schule. Gegen den Bierbauch unternahm er hin und wieder halbherzige Ausflüge auf dem Donnersberg mit seinem E-Bike.

Ein normaler Bulle eben. Bis zu dieser Geschichte mit den Glühwürmchen und den Vermissten vom Donnersberg.

Der Donnersberg ist ein nie ausgebrochener Vulkan. Und alt. So verdammt alt, das kann man sich gar nicht vorstellen. 300 Millionen Jahre. Der Donnersberg ist älter als die Dinosaurier. Er ist so alt wie die Libellen.

Schon die Römer fürchteten den gigantischen Wald, und diese unheimliche Erhebung noch viel mehr. Dazu der höllische Respekt, den sie vor den Göttern anderer Völker hatten. Erzählten sich Geschichten von einem alten Keltengott. Cernunnos, Cernenus, Cornutus, Karnuntinus. Herr der Nacht und Freund der Tiere. Hirschgeweihgott. Der Gehörnte. Wer nach dem Vorbild für den antiken Pan oder den christlichen Teufel sucht, könnte ihn hier gefunden haben.

Später kamen dann die Amerikaner, die weniger Respekt vor den Göttern anderer Völker haben. Erst recht, wenn die Völker verschwunden sind. Sie sahen den Donnersberg und dachten, yeah, 685 Meter, dort stellen wir die mächtigste Antenne aller Zeiten drauf und legen Stacheldraht drumrum. Die Antenne auf dem „Thunder Mountain“, unterhalten vom 5th Signal Command, würde auch im Dritten Weltkrieg per Funk und Mikrowelle den Kontakt in die USA halten. Bei der Mondlandung 1969 kamen die Signale erst auf dem Donnersberg an und wurden von dort an Fernsehgeräte in Amerika übertragen. Was die Antenne heute macht, weiß kein Mensch. So eine Antenne ist das. Damit man sich das mal vorstellen kann.

Dem Gernold war das eigentlich egal. Der schob seinen Dienst in Rockenhausen. Verkehrsunfälle, Katzen in Bäumen, Hausfriedensbruch. Nichts Besonderes. Ruhige Kugel. Bis zum ersten Vermisstenfall. Da war eine Martha S. aus Alzey zu Besuch bei ihrem Bruder im Ferienwohngebiet bei Falkenstein. Fuhr „irgendwann nach Mitternacht“, wie ihr Bruder zu Protokoll gab, mit ihrem Opel Corsa heim – und kam dort nie an. Spurlos verschwunden, die alte Dame.

Und das blieb sie auch, bis Gernold, fünf Wochen später, spät am Abend zum Steinbruch Lenz gerufen wurde. Im Hochsommer drangen da immer Leute ein zum Schwimmen, obwohl das streng verboten ist. Naturschutzgebiet und Lebensgefahr und so. Und der Gernold nimmt gerade die Personalien der Schlawiner auf, als er Glühwürmchen über dem Wasser tanzen sieht. Das machen Glühwürmchen normalerweise eher selten, über dem Wasser tanzen. Also schlendert der Gernold ans Ufer und hat dann da so eine Ahnung. Die Idee, dass man mal im See nachgucken könnte. Da haben sie ihn noch ausgelacht auf dem Revier. Weil’s auch gar keine Reifenspuren gab, die zum Wasser geführt hätten.

Naja. Am nächsten Tag holten die Polizeitaucher dann den Opel Corsa aus dem Wasser. Nicht mit einem Kran oder so. Sondern in Einzelteilen. Erst das Lenkrad, dann die Kennzeichen, dann Radkappen. Die Motorhaube, alle vier Räder. Den Auspufftopf. Den Schaltknüppel. Solche Sachen. Nach fünf Stunden haben sie“s dann sein lassen. Es lag das komplette Auto im See, aber in seine Einzelteile zerlegt. Es war, damit man sich das mal vorstellen kann, einfach alles auseinandergeschraubt, was auseinandergeschraubt werden konnte. Alles. Am Grund des Sees. Nur Martha S. blieb verschwunden.

Der Gernold war damals in der Presse. „Der Bulle mit dem Riecher“. Sogar das Fernsehen war da. Und er erzählte in Kameras, dass er einfach nur so ’ne Ahnung gehabt hatte. Stimmte ja auch. Von den Glühwürmchen erzählte er nichts. Da dachte er sich vermutlich auch nichts dabei.

Im Jahr darauf, wieder in der wärmsten Nacht des Jahres, verabschiedete sich Georg B. nach Mitternacht von seinem Cousin in Bisterschied. Er muss mit seinem Audi durch das Mordkammertal nach Kirchheimbolanden gefahren sein. Das weiß man, weil er in Marienthal noch geblitzt wurde. Weil, da sind nur 30 Kilometer erlaubt. Das Bild gibt es noch, es hängt im Revier in Rockenhausen. Danach verliert sich jede Spur von dem Mann. Wie vom Erdboden verschluckt. Fünf Wochen hat die Polizei jeden Stein umgedreht. Nichts.

Und dann ist der Gernold mit dem Erwin auf Streifenfahrt gewesen. Auf der Straße vom Bastenhaus runter nach Dannenfels muss der Erwin pinkeln, sie halten am Parkplatz an der Quelle dort. Und Gernold fallen die Glühwürmchen auf, die so gespenstisch grün im Dickicht tanzen. Nicht überall, nur an einer einzigen, ganz bestimmten Stelle. Normalerweise tanzen die Glühwürmchen, wenn sie denn tanzen, überall. Damit man sich das mal vorstellen kann. Der Erwin ist fertig, aber der Gernold stapft schon durch die Brennnesseln und Brombeeren. Und stolpert dort über eine Antenne. Mehr nicht. Eine Antenne, die aus der Erde ragt.

Naja, und als die Bagger dann fertig waren, hatten sie den kompletten Audi ausgebuddelt. Am Stück, diesmal. Das Auto war dort vergraben worden, was an sich schon seltsam ist. Noch seltsamer war, dass über der Stelle, wo das Auto vergraben war, überall auch Bäume standen und so. Am Allerseltsamsten aber war die Erde überall im Auto. Also wirklich überall. Im Innenraum, durch den die Wurzeln liefen. Im Handschuhfach. Im Aschenbecher. Im Motor. Sogar in den Reifen war keine Luft mehr. Nur Erde. Und Georg B. blieb verschwunden.

Nach dieser Sache veränderte sich der Gernold. Da fing er an, sich für keltische Mythologie zu interessieren. Und für die Antenne der Amerikaner auf dem Donnersberg. Das waren die zwei Spuren, die er verfolgte. Wenn man das „Spuren“ nennen will, weil das eigentlich Quatsch war. Einerseits. Andererseits ist ein Opel in winzigsten Einzelteilen und ein Audi voller Erde auch Quatsch. Jedenfalls fuhr er seit damals nicht mehr mit dem E-Bike über den Donnersberg, der Gernold.

Letztes Jahr dann ist der Karl-Heinz W. verschwunden, der für den Pfälzerwaldverein die Hütte oben auf Donnersberg betreibt und dort Öl und Honig verkauft. An diesem Abend hat er wohl noch den neuen Anstrich erledigt. Es war die heißeste Nacht des Jahres, und es war nach Mitternacht, als Karl-Heinz in seinen Hyundai mit den verdunkelten Scheiben stieg. Keiner weiß, in welche Richtung er gefahren ist. Weg war er. Damals wurde in alle nur denkbaren Richtungen ermittelt. Sogar, ob der Karl-Heinz vielleicht Schulden hatte, abgehauen ist, nach Thailand vielleicht. Nichts. Gar nichts.

Naja, und fünf Wochen später fährt der Gernold zu Edeka Strese in Rockenhausen, um sich Tiefkühlpizza für den Feierabend zu kaufen. Es ist spät, der Parkplatz leer. Als er rauskommt, da steht ein Hyundai. Auch leer. Als hätte er auf den Gernold gewartet. Der denkt sich zuerst nichts, dann sieht er das Kennzeichen.

Die Überwachungskamera hat alles festgehalten. Wie der Gernold sein Handy nimmt und die Kollegen anruft. Wie er versuchsweise die Tür auf der Fahrerseite betätigt – und die sich öffnet. Wie dieser Schwarm an Glühwürmchen, damit man sich das mal vorstellen kann, entweicht wie Daunenfedern in irgendeinem Gebläse. Und da steht der Gernold in diesem leuchtenden Gestöber wie vom Donner gerührt.

So hat ihn der Erwin dann bald darauf vorgefunden. Hat sich nicht mehr bewegt, der Gernold. Und auch nichts mehr gesagt. Die Ärzte, die heute unten in Klingenmünster auf ihn aufpassen, nennen ihren Patienten „nicht ansprechbar“ und „katatonisch“.

Der Erwin schwört Stein und Bein, dass damals auf dem Parkplatz das Radio in dem Hyundai gelaufen ist. Er will eine männliche Stimme gehört haben. Ein Flüstern in voller Lautstärke. In einer Sprache, die der Erwin noch nie im Leben gehört hatte. Und der Gernold steht, ein einzelnes Glühwürmchen auf der Schulter und die Tiefkühlpizza unter dem Arm, und hört sich das an, als würde er jedes Wort verstehen.

Während er auf den Notarzt wartete, wurde es dem Erwin dann zu blöd. Er beugte sich kurzerhand in den Hyundai und wechselte den Sender. Seitdem hat niemand mehr diese mysteriöse Stimme gehört. Vielleicht ist das auch besser so. Und vielleicht hat sich der Erwin das alles nur ausgedacht.

(Fortsetzung folgt)

Zum Autor

Arno Frank, 1971 in Kaiserslautern geboren, ist Publizist und arbeitet als freier Journalist vor allem für den SPIEGEL, die taz und den Deutschlandfunk. Er lebt mit seiner Familie in Wiesbaden. 2017 erschien von ihm der Roman „So, und jetzt kommst du“. „Seemann von Siebener“, sein neuer Roman, erschien jüngst bei Klett-Cotta.

Bisher erschienen: „Mira“ von Gabriele Weingartner (26. Juli), „Risse“ von Thomas Behnke (29. Juli) , „Der Sommer kippt“ von Ute-Christine Krupp (2. August), „Klingsors letzter Sommer“ von Frank Pommer (5. August) , „Das Angebot“ von Pola Schlipf (9. August) , „Mutter!“ von Sigrid Sebald (12. August), „August“ von Timo Benß (16. August) , „Party ohne Ende“ von Björn Hayer (19. August), „Xomi“ von Ann Kathrin Ast (23. August) und „Hitzeblitz, eine Angst“ von Peter Roos (26. August).

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