Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Porträt eines „Ketzers“: Olga Tokarczuks aktueller Roman

Erzürnte mit den „Jakobsbüchern“ in ihrer Heimat Polen einige Gemüter: Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk.
Erzürnte mit den »Jakobsbüchern« in ihrer Heimat Polen einige Gemüter: Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Foto: Imago-Images/Eastnews

Etwas verschlafen wirkt das westukrainische Brody heutzutage, von seiner bewegten Geschichte lässt es nur wenig erahnen. In der Geburtsstadt des Schriftstellers Joseph Roth endete einst das Eisenbahnnetz der österreichischen Kronprovinz Galizien, denn hier verlief die Grenze zum Russischen Reich. Die Alte Synagoge besteht nur noch aus einer riesigen Ruine. Brody spielt im Roman „Die Jakobsbücher“ der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk eine wichtige Rolle.

Im Jahr 1756 wurde in Brody über Jakob Joseph Frank, den Helden von Olga Tokarczuks 1200-Seiten-Roman, der Bann verhängt. Die Autorin lässt Kaiserin Maria Theresia erklären: „Doch wuszte dieser vom Satan besessene Mann die Menschen zu umgarnen.“ Das „sz“ ist eines der Stilmittel, das die Übersetzer Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein verwenden, um dem Roman Patina zu verleihen.

„Vom Satan besessen?“

Was war geschehen? Der Ortsrabbiner von Brody hatte veranlasst, dass der selbsternannte Messias Jakob Joseph Frank wegen Ketzertums und ausschweifenden Lebenswandels angeklagt und verhaftet wurde. Frank und die Seinen wollten sich von den Vorschriften des Talmud befreien und strebten ein freieres Leben an, für Olga Tokarczuk eine Art Idealgesellschaft, in der es „ohne Bedeutung war, wer Mutter oder Vater, Tochter oder Sohn, wer Frau, wer Mann. Denn wir unterscheiden uns nicht wesentlich. Wir alle sind Formen, die das Licht annimmt, sobald es die Materie streift.“ Das von Julius Schoeps herausgegebene „Neue Lexikon des Judentums“ vermerkt: „Frank stützte sich auf popularisierte kabbalistische Ideen der Sabbatianer und der Seelenwanderung, verkündete Lebensfreude und Verbindung mit Gott durch Ekstase.“

Frank war mit seiner Anhängerschaft zum Christentum übergetreten und wurde 1759 mit dem polnischen König als Paten getauft. Doch das hinderte ihn nicht daran, sich weiter als Messias feiern zu lassen und als Alchemist zu betätigen. Die katholische Kirche machte bald einen zunehmenden Sektencharakter bei den sogenannten Frankisten aus. 1760 wurde der von Zeitgenossen als ausgesprochen charismatisch beschriebene Freigeist auf Anordnung der Kurie im Kloster auf dem Klarenberg in Tschenstochau interniert. Als die Stadt 1772 bei der ersten polnischen Teilung an Russland fiel, kam er frei und konnte sein legendenumwobenes Lebenswerk erfolgreich fortsetzen.

Am Ende ein Hofstaat in Offenbach

Der 1726 im podolischen Korólówka (heute Borschtschiw in der Westukraine) geborene Jakub Leibowicz Frank starb schließlich am 10. Dezember 1791 im Kreise seines eigenen Hofstaats in Offenbach. Die Sekte wurde von seiner Tochter Ewa weitergeführt, der Tokarczuk ein Verhältnis mit Joseph II. andichtet, Sohn der Kaiserin Maria Theresia.

Olga Tokarczuk lässt die wundersame Lebensgeschichte ihres Helden von Mitgliedern seiner „Compagnie“ erzählen. Sie begleiten ihn treu auf dem Weg durch die Rzeczpospolita Polen-Litauen, das Osmanische Reich, das Habsburgerreich, das Königreich Böhmen und Mähren und schließlich ins Heilige Reich Deutscher Nation. Der engste Gefährte, Piotr Jakubowski alias Nachman ben Samuel Lewi, notiert über die letzte Station in Offenbach, wo Frank sich den Titel eines Barons zulegte: „Gestützt von zwei gestandenen Mannsbildern, den Kopf unter einer großen Kapuze verborgen, betritt er unter Mühen das Gotteshaus. […] Alle Gardisten in ihren papageienbunten Uniformen […] müssen diesem Schauspiel den Rücken zukehren, sie haben nun den ruhig dahinströmenden Main vor Augen und die Segel der Schiffe, zart wie Libellenflügel.“ An dieser Stelle zeigt sich Olga Tokarczuks Methode, historisch verbürgte Tatsachen, die sie rund zehn Jahre lang recherchiert hat, mit poetischen Einfällen zu sublimieren.

Eine Seherin wirkt auch mit

Ganz in den Magischen Realismus hebt der Roman schließlich ab, als die Seherin Jenta ins Spiel kommt, Jakobs Großmutter, die alle Zeiten überblickt. Darauf muss man sich bei der Lektüre unbedingt einlassen wollen, ebenso wie auf die Wiederholung von Bekanntem wie Lessings „Ringparabel“. Nicht von ungefähr genießt die Autorin bei polnischen Feministinnen und Esoterikern beiderlei Geschlechts allergrößtes Ansehen.

1866 wird der städtische Offenbacher Friedhof verlegt, und die Gebeine der „Neophyten“ und ihres Anführers müssen ausgegraben werden. Als es um Franks sterbliche Überreste geht, nimmt Tokarczuks Tonfall wieder die Nüchternheit einer Chronik an: „Bei dieser Gelegenheit wurde auch der Schädel des Jakob Frank aus seinem Grab gehoben. Mit der Notiz versehen, dass es sich um den ,Schädel eines jüdischen Patriarchen’ handele, […] gelangte er […] nach Berlin, wo er penibel untersucht und vermessen wurde. Nun galt er als Beweis der Unterlegenheit der jüdischen Rasse. Nach dem Krieg verlor sich seine Spur.“

Anfeindungen, als der Roman in Polen erschien

Neben „Deutschtümelei“ sind zwei weitere Topoi im nationalkonservativen Wunsch-Polen der PiS besonders schlechtgelitten: Kritik an der als fortschrittlich verklärten polnisch-litauischen Adelsrepublik, die von 1386 bis 1772 existierte, sowie die Behauptung, auch in Polen habe es seit dem Mittelalter Pogrome gegen Juden gegeben. Bereits als sie 2015 den bedeutendsten nationalen Literaturpreis Nike für „Die Jakobsbücher“ erhielt, wurde Tokarczuk als Vaterlandsverräterin beschimpft und bedroht. Mit ihrer gigantesken Lebensbeschreibung des Jakob Frank, mit der sie en passant eine Mentalitätsgeschichte des 18. Jahrhunderts vorlegt, geißelt die Autorin die glorifizierte Rzeczpospolita als repressiven Feudalstaat. Auch die christlichen Pogrome an den Juden schildert sie ausführlich: „Nachts ist der Himmel glutrot von der Lohe der brennenden Dörfer.“

Der reich illustrierte Roman in sieben Büchern ist als Hommage an hebräische Schriften rückwärts nummeriert, was die Lektüre nicht unbedingt erleichtert. Er nötigt einerseits als umfassendes Jahrhundertpanorama Bewunderung ab, nicht zuletzt durch die heroisch zu nennende Leistung der Übersetzer Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein. Andererseits dürften „Die Jakobsbücher“ nur für Religionswissenschaftler beziehungsweise Judaisten auf Anhieb verständlich sein. Allen anderen sei Toleranz für mystische Abschweifungen sowie ein gerüttelt Maß an Geduld angeraten. Es muss ja nicht gleich eine zweiwöchige Grippe sein, um Lesezeit zu gewinnen, wie Olga Tokarczuk am Vorabend der Nobelpreis-Verkündung ihren potenziellen Lesern empfahl.

Lesezeichen

Olga Tokarczuk: „Die Jakobsbücher“; Roman; aus dem Polnischen von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein; Kampa Verlag, Zürich;1184 Seiten mit zahlreichen Abbildungen; 42 Euro.

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