Kultur Platzverweis für den Documenta-Obelisken

Der Stein des Anstoßes auf dem Kasseler Königsplatz.
Der Stein des Anstoßes auf dem Kasseler Königsplatz.

Kassels Magistrat ließ das Ultimatum zum Erwerb von Olu Oguibes Kunstwerk verstreichen – Eine Einigung scheint trotzdem noch möglich

Kassel

pflegt seit der Documenta von 1977 die Tradition, mindestens eines der für die Weltkunstausstellung im Stadtraum geschaffenen Werke zu bewahren. Von der 2017 präsentierten Documenta 14 steht noch Olu Oguibes Werk „Obelisk. Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument“ auf dem Königsplatz. Alle anderen Außenkunstwerke sind abgeräumt. Die Stadtverordnetenversammlung setzte dem Magistrat ein bis zum 30. Juni befristetes Ultimatum zum Erwerb des Obelisken. Der ließ es verstreichen. In die vier Seiten seines 16 Meter hohen Obelisken ließ der in den Vereinigten Staaten lebende Nigerianer mit goldenen Schriftzeichen auf Deutsch, Englisch, Türkisch und Arabisch Worte Jesu eingravieren: „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt.“ Oguibe betont: „Der Obelisk wurde ausdrücklich für den öffentlichen Platz angefertigt, auf dem er steht. Hintergrund ist nicht die Politik, sondern die Geschichte der Stadt als einladender Ort sowie die einfachen, von allen anzustrebenden menschlichen Werte. Gastfreundschaft und Dankbarkeit sind keine politischen Themen.“ Insbesondere der AfD ist das Kunstwerk aber wegen seiner fremdenfreundlichen Botschaft ein Dorn im Auge – und sie verspricht sich von ihrer feindseligen Haltung Stimmen bei der Wahl zu Hessens neuem Landtag. Einer ihrer Stadtverordneten verkündete: „Wer den Obelisken weghaben will, muss am 28. Oktober AfD wählen.“ In dem von Oguibe und der Stadt Kassel am 23. Januar verbreiteten Spendenaufruf legte der Künstler 600.000 Euro als Ankaufsumme für den Obelisken fest. Es kamen jedoch nur 126.153,27 Euro zusammen. Kulturdezernentin Völker erklärte: „Wir würden uns sehr freuen, wenn der Ankauf trotz des nun niedrigeren Betrages zustande käme.“ Aber bei den weiteren Verhandlungen mit dem Künstler solle es nicht mehr nur um den Ankauf gehen, sondern auf einmal auch um einen neuen Standort. Denn „gerade mit Blick auf künftige Documenta-Ausstellungen müssen die beiden großen Plätze in der Kasseler Innenstadt – Friedrichsplatz und Königsplatz – in ihren Zentren frei für weitere Nutzung bleiben.“ Diese Begründung leuchtet allerdings nicht ein, denn auf dem Friedrichsplatz sind zum Beispiel der zuerst und der zuletzt gepflanzte Baum der von Joseph Beuys initiierten Stadtverwaldungsaktion „7000 Eichen“ (Documenta 7, 1982, bis Documenta 8, 1987) erhalten geblieben. Die Stadtverwaltung möchte den Obelisken nun auf den Holländischen Platz abschieben. Stadtbaurat Nolda preist diese große, an der Universität gelegene Verkehrskreuzung erstaunlicherweise als „Treffpunkt für die internationale, multikulturelle Bürgerschaft“ an. Der Parkplatz am Rand der Kreuzung ist als Baugrund für das Documenta-Institut vorgesehen. Vor ihm soll der Obelisk seine neue Heimat finden. Oguibe erklärte sich bereit, sein Kunstwerk für die eingegangene Spendensumme an die Stadt zu verkaufen – und setzte sie mit einem Kompromissvorschlag unter Zugzwang: Der Obelisk solle erst vom Königsplatz zum Holländischen Platz umziehen, wenn dort das Documenta-Institut verwirklicht ist. Am 18. Juni entschied die Mehrheit der Stadtverordneten, die Stadt solle den Obelisken kaufen, aber vom Königsplatz entfernen. Oguibes Vorschlag, ihn bis zur Fertigstellung des Documenta-Instituts am jetzigen Standort zu belassen, lehnten die Stadtverordneten ab. Mit den Stimmen von SPD, CDU und AfD wurde ein Ultimatum angenommen: Wenn Magistrat und Künstler sich bis 30. Juni nicht handelseinig werden, solle der Obelisk die Stadt verlassen. Magistrat und Künstler zeigen sich jedoch unbeeindruckt. Das Ultimatum ließen sie verstreichen. Unter Berufung auf den Pressesprecher der Stadt meldete die „Hessische Allgemeine“ am 30. Juni, dass Oguibe die Einladung des Magistrats angenommen habe, Ende Juli oder Anfang August nach Kassel zu kommen. Dann soll sich die Zukunft des Obelisken entscheiden.

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