Premiere
Pfalztheater zeigt Sibylle-Berg-Stück auf der Gartenschau
„Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?“, könnte man frei nach Thomas Bernhard nun fragen. Denn was sich beim antiken Komödiendichter Aristophanes und seiner „Lysistrata“ noch zweifelsfrei zuordnen lässt, bei Sibylle Berg, der vielfach ausgezeichneten Autor(in?) von Romanen, Dramen, Essays und scharfzüngigen Kolumnen ist so gut wie nichts mehr eindeutig – außer, dass sie ungemein aufmerksam die sie umgebende Konsumgesellschaft beobachtet und das, was sie sieht, verarbeitet. Weil sie das nicht mit Betroffenheitspathos tut, sondern in bissig-bittere Satire „verpackt“, wird sie wohl manchmal unterschätzt.
So könnte man auch ihre Lysistrata-Fortsetzung aus dem Jahr 2019 – nicht die Frauen, sondern die in einer nicht allzu fernen Zukunft „entmachteten“ Männer treten in den Sex-Streit – und das, was nun „In den Gärten“ von Kaiserslautern, auf dem Kaiserberg hoch über der Stadt, zu erleben ist, wahlweise als „Kokolores“ bezeichnen oder als leichtfüßig-lustiges Sommertheater genießen. Ersteres ist nicht ganz falsch, letzteres durchaus möglich, angesichts der kurzweiligen Inszenierung von Alexandra Wilke und einem spielfreudigen Ensemble sogar wahrscheinlich. Allerdings bleibt einem doch manchmal das Lachen im Halse stecken. Was ganz eindeutig für die Autorin Sibylle Berg spricht.
Patt im Geschlechterkampf
Dass der „verstärkte Redefluss von Unsinnigem“ im Zeitalter von Social Media kaum mehr als solcher wahrgenommen wird, stellt sie genauso schonungslos bloß wie gängige Frauen- und Männerbilder aus Vergangenheit und Gegenwart. Sie sieht nicht nur, sie hört auch genau hin und muss nur einige Modefloskeln wie in eine Partitur in ihren Text hineinkomponieren, um sie zu entlarven. Alle bekommen sie ihr Fett weg, denn wenn die Frauen in naher Zukunft die Macht übernommen haben, ist die Welt keineswegs gerettet. Warum sollte sie das auch werden?
Männer haben ausgedient, dürfen mit dem Autoschlüssel winken, Grillwürstchen umdrehen, die Gartenhecke schneiden, ungehemmt ihrem Spieltrieb nachgehen und von Krankenschwestern mit Körbchengröße Doppel-D träumen. Und die Frauen? Haben sich mitnichten von den gängigen Geschlechterklischees befreit. Polieren Gartenzwerge und betreiben weiter Selbstoptimierung, um den – von wem eigentlich festgelegten? – gesellschaftlichen Normen zu entsprechen. Geschlechtsverkehr wird dann für die Herrn der Schöpfung zum Hochleistungssport, für den heftig trainiert werden muss: „Love burns“, Liebe tut weh. Wenn „Mann“ sich dann verweigert, merkt das „Frau“ nicht mal, denn die Kinder kommen ja mittlerweile aus dem Kühlschrank. „Wir sind dann ausgestorben“, jubilieren die Männer an der letzten von sechs Stationen, einem Halbrund nach Art des Orakels von Delphi – und hüpfen fröhlich dem ebenfalls ausgestorbenen Gartenschau-Dino im Hintergrund entgegen.
Griechische Grazien mit Chorbegleitung
Thomas Dörfler hat die Schauplätze eines imaginären Museums (der Gegenwart) mit humorvollen Details ausgestattet. Regisseurin Alexandra Wilke ihre handelnden Personen dazu in witzig-groteske Kostüme gesteckt – und lässt ihre drei „Lysistratas“ (Maria Schubert, Aglaja Stadelmann, Paula Vogel) nach Art griechischer Grazien agieren und auch mal im Chor sprechen, ebenso wie die Männer, die alle Bernd heißen. Warum auch immer. Mutmaßungen über private Gründe kontert Autorin Berg mit dem Satz „Privatsphäre heißt Privatsphäre, weil sie privat ist“. Die drei Bernds also, die auch Detlev heißen könnten, werden mit all ihren männlichen Stereotypen verkörpert von Philipp Adam, Hartmut Neuber und dem freudig begrüßten „Rückkehrer“ Jan Henning Kraus.
Mit drei musikalischen Nummern darf auch der „richtige“ Chor unter Leitung von Chordirektor Aymeric Catalano drei Nummern darbieten – auf den Wegen zwischen den Spielstationen, die das mit Klappstühlen ausgestattete Publikum dank zweier in grotesken Bienenkostümen steckenden „Museumsführern“ mit wachsender Begeisterung aufsucht. Man kann sich also, bei hoffentlich auch an den kommenden Aufführungen trocken bleibendem Wetter, blendend amüsieren und trotzdem recht nachdenklich das Gartenschau-Gelände verlassen. Sollte eigentlich immer so sein nach einem Theaterbesuch.
Termine
„In den Gärten oder Lysistrata Teil 2“, Kaiserslautern, Gartenschau, 19.30 Uhr, am 19. Juni und am 4., 7. und 10. Juli www.pfalztheater.de