Kultur
Opas Bürgerschreck: Rainer Langhans wird 80
Heute ziehen junge Menschen in Wohngemeinschaften, um finanziell prekäre Zeiten zu überbrücken. Das Ziel ihrer Lebensplanung jedoch bleibt die Kleinfamilie. Das war vor einem halben Jahrhundert anders. Die Gründung der legendären „Kommune I“ (K1) am 1. Januar 1967 war die Geburtsstunde einer bewusst alternativen Lebensform, die besonders in Studentenkreisen tausendfach kopiert und nicht selten im Berufsleben aus Überzeugung weitergeführt wurde. Als Gegenmodell zur traditionellen Familie büßte die WG ihre Strahlkraft erst im Lauf der 90er allmählich ein.
Harter Kern der „Spaßfraktion“
Fünf Männer und drei Frauen Mitte 20 finden sich im Januar 1967 in Westberlin zum gemeinschaftlichen Leben, Lieben und Diskutieren zusammen. Man bezieht zunächst die leer stehende Wohnung des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger im Stadtteil Friedenau, bevor man sich, nach einem Gast-Aufenthalt bei Uwe Johnson, endgültig in Moabit niederlässt. Spiritus Rector ist der Psychologiestudent Rainer Langhans. Zusammen mit Fritz Teufel und Dieter Kunzelmann bildet Langhans den harten Kern der „Spaßfraktion“ der Außerparlamentarischen Opposition, die mit provozierenden Kunst-Aktionen und Happenings aufrüttelt – getreu dem Motto, dass das Politische privat und das Private politisch sei. Unter diesem Motto steht auch das berühmt gewordene K1-Foto von Thomas Hesterberg „Nackte Maoisten vor einer nackten Wand“.
Wer die Gesellschaft verändern will, so die Kommunarden, muss bei sich selbst anfangen. Oder: Politik beginnt im Schlafzimmer. Denn die innere Freiheit, das Ausleben der eigenen Persönlichkeit mit ihren Emotionen, ihren Wünschen und ihrer Sexualität, ist die Voraussetzung für den erfolgreichen Widerstand gegen Ewig-Gestrige. Mit seinem auf Individualismus und Spiritualität zielenden Verständnis von Politik gehört Langhans nicht zum dezidiert politisch ausgerichteten Flügel der Bewegung. Doch pflegt man freundschaftlichen Kontakt untereinander; auch die späteren RAF-Mitglieder Andreas Baader und Gudrun Ensslin gehören zum Dunstkreis der K1.
Steter Kampf gegen das „Establishment“
Wie sein SDS-Mitstreiter Rudi Dutschke, der 2020 ebenfalls 80 Jahre alt geworden wäre, verbringt Langhans seine Kindheit zunächst im Osten des Landes. Der am 19. Juni 1940 in Oschersleben bei Magdeburg geborene älteste Sohn eines Flugzeugingenieurs und einer Chemikerin zieht mit Eltern und drei Geschwistern viele Male um, bevor er 1960 im Internat der Herrnhuter Brüdergemeine in Königsfeld/Schwarzwald sein Abitur macht. Nach einem freiwillig geleisteten Grundwehrdienst beginnt Langhans im Jahr des Mauerbaus an der FU Berlin zunächst Jura, dann Psychologie zu studieren. Seine Vordiplomarbeit bricht er wegen „Differenzen mit dem Professor und politischer Arbeit“ ab, wie es in seinem Lebenslauf heißt. Tatsächlich stößt Langhans 1965 zum SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), dem Epizentrum der linken Bewegung an den Universitäten, und wird Mitglied in dessen Landesvorstand. Über alle Unterschiede hinweg findet man sich vereint im Kampf gegen das „Establishment“: gegen Repräsentanten und Autoritäten in Staatsführung, Militär, Justiz, Kirche, Elternhaus, Schule und Universität sowie gegen den Krieg der USA in Vietnam. Aber bereits im gleichen Jahr wird Langhans wieder aus dem SDS ausgeschlossen.
Der Harem in München
Ein gegen den Vietnam-Krieg gerichtetes „Kaufhausbrand-Flugblatt“ trägt dem Aktivisten 1968 eine Anklage wegen Anstiftung zur Brandstiftung ein; Andreas Baader und Gudrun Ensslin hatten in Frankfurt tatsächlich zwei Kaufhäuser angezündet. Langhans wird freigesprochen; doch die K1 gerät in den Fokus des Verfassungsschutzes. Ein gefundenes Fressen für die Bild-Zeitung ist das von den Kommunarden geplante „Pudding-Attentat“ auf den US-Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey. Der Schlagzeile lautet: „Geplant: Berlin – Bombenanschlag auf US-Vizepräsident“. Die Polizei nimmt Langhans in Gewahrsam.
Nach der Auflösung der K1 geht Langhans 1972 mit Uschi Obermaier nach München; sie gelten als das „schönste Paar der APO“. Hier gründet Langhans eine zweite WG, in der er bis 1976 wohnt.
Nach Drogenexzessen und musikalischen Experimenten wendet sich der Rebell der Meditation und Spiritualität zu. Und lernt den Filmemacher Rainer Werner Fassbinder kennen, der ihn als Schauspieler und Regieassistent engagiert. In den nächsten Jahren dreht und produziert Langhans auch eigene Filme – meist in Zusammenarbeit mit der Journalistin und Filmemacherin Christa Ritter. Sie ist Mitglied in Langhans’ neuer WG „Der Harem“, in der er bis heute mit mehreren Frauen zusammenlebt. „Die wird immer als Harem bezeichnet, weil ich der einzige Mann da drin bin. In einer Kommune spielt das Geschlecht aber keine Rolle mehr, denn du erhebst dich ein Stück weit über den Körper.“
Grimme-Preis für APO-Dokumentation
Für seinen Dokumentarfilm über zwei ehemalige APO-Mitstreiterinnen mit dem Titel „Schneeweißrosenrot“ wird er 1994 mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. 2003 lässt sich Langhans mit ehemaligen Freundinnen seines „Harems“ eine Woche lang täglich 24 Stunden von Fernsehkameras beobachten; das Ergebnis wird unter dem Titel „Die Kommune“ in zwei privaten Lokalsendern ausgestrahlt. 2011 ist er Teilnehmer in der RTL-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“. 2015 beteiligte er sich als „Pionier“ an der umstrittenen Sat1-Reality-Show „Newtopia“, um gemeinsam mit jüngeren Teilnehmern innerhalb eines Jahres eine neue Existenz aufzubauen. Aber bereits nach einigen Tagen kehrte er enttäuscht zu seinem „Harem“ zurück.
Für Langhans ist es „unfasslich“, dass er jetzt 80 wird. „Weil ich mich im Grunde genommen immer jünger fühle“, sagte er kürzlich der FAZ. „Ich bin ein Beispiel für dieses ,Forever young’, was wir damals empfanden“. Zwar ist es um ihn ruhiger geworden, aber sein Name ist immer noch ein Symbol für Tabubrüche. 2018 hat der Kunstverein Ahlen einen mit 1968 Euro dotierten Kunstpreis für ein vergoldetes Schamhaar von Rainer Langhans vergeben. Titel: „Searching for the Revolution“.