Kommentar
Nur noch traurig: Zum Ende der Desaster-Documenta
Hito Steyerl, eine der wichtigsten Gegenwartskünstlerinnen, war auch in Kassel. Mit ihrer Multimedia-Installation zuletzt in einer Kasseler Videothek. Der, eigene Angabe, ältesten der Welt, immerhin. Und, wie sie sagte, „tausendmal lieber“ als auf der gleichzeitig laufen „documenta fifteen“, die sie „diese Documenta“ nannte. Videothek statt Weltkunstschau. Steyerl hatte ihre Arbeit vorher von der Documenta zurückgezogen. Wegen des Umgangs der Verantwortlichen mit auffällig gewordenem Antisemitismus. Noch ein aufsehenerregendes Indiz, dass in Kassel etwas heillos schieflief. Das heißt, fast alles. Statt Weltumarmung Streit. Statt Kunstdiskurs, Skandalmeldungen. Von wegen heiterer Feier, Reisscheunen-Philosophie und Weltrettung durch Lebenskunstaktivismus, jetzt sind alle nur noch wütend und enttäuscht.
Das – anfangs – freudestrahlend die Veranstaltung mit 42 Millionen Euro Budget leitende indonesische Künstlerkollektiv Ruangrupa, leidend. Von einer im besten Fall realitätsfremden internationalen Jury ausgewählt, beklagt Ruangrupa nun Rassismus und eine „Zensurstruktur“. Der wegen einschlägiger Fälle eingesetzte Expertenrat stellt „eine antizionistische, antisemitische und antiisraelische“ Stimmung fest. „Globaler Süden“, der Ausgangspunkt dieser bewusst mit dem Rücken zum herkömmlichen Kunstbetrieb gestalteten Documenta, und der nördliche Rest, der sich angesprochen fühlen sollte, stehen sich noch augenscheinlicher mit bleiernem Unverständnis gegenüber. Beinahe alle haben die Eigendynamik der Herkünfte und Diskurse unterschätzt.
Vor allem, die Verantwortlichkeit für die Veranstaltung blieb ungeklärt. Geschäftsführerin Sabine Schormann musste zu Recht gehen. Ruangrupa wollte Stuhlkreise über Identität und Postkolonialismus abhalten. Die deutsche (mediale) Öffentlichkeit – aus der eigenen Geschichte verständlich – lieber über propagandistische Anti-Israelfilme reden, die in Kassel liefen. Ein Zusammenprall der Kulturen, der handfest zeigt, dass es so mit der Documenta nicht weitergehen kann.
Eigentlich leidtragend an dem Schlamassel ist die Kunst, über die gar nicht groß geredet wurde, öffentlich. Die Leidtragenden sind die beteiligten 1700 Künstlerinnen und Künstler, der größte Großteil davon. Sie sind „nicht fair behandelt“ worden, wie die bekannte kubanische Künstlerin Tania Bruguera im „Monopol“-Magazin-Interview jetzt sagt. Sie habe sich sehr geehrt gefühlt, als sie mit ihrer Gruppe „Instar“ nach Kassel eingeladen wurde. nun müsse sie befürchten, als antisemitisch abgestempelt zu werden, weil sie dort war. „Das ist etwas, was man sein ganzes Leben mit sich herumtragen muss“, sagt Bruguera. Was für ein verheerendes, trauriges Fazit für die Documenta.