Buch aktuell RHEINPFALZ Plus Artikel „Noch wach?“: Benjamin von Stuckrad-Barres „Enthüllungsroman“

„Ab einem gewissen Alter kleiden sich Männer immer so wie in dem letzten guten Jahr, das sie hatten“, schreibt Benjamin von Stuc
»Ab einem gewissen Alter kleiden sich Männer immer so wie in dem letzten guten Jahr, das sie hatten«, schreibt Benjamin von Stuckrad-Barre, einst Popliterat, heute auch schon 48 Jahre alt. Aus »Noch wach?« las er gleich am Erscheinungstag, dem 19. April, im Berliner Ensemble.

Selten wurde einer Romanneuerscheinung zuletzt so entgegen gefiebert: Am Mittwoch ist „Noch wach?“ von Benjamin von Stuckrad-Barre erschienen. Er erzählt augenscheinlich vom „Bild“-Skandal um Julian Reichelt, so nah an der Wirklichkeit, vielleicht sogar Wahrheit, dass keine Literaturbeilage der Welt dazwischen passt.

Der neue Roman von Benjamin von Stuckrad-Barre: Um original kein Kulturerzeugnis war zuletzt mehr Gewese, Instagram-Getue und „Tagesschau“- und „Kulturzeit“-Rauschen als um „Noch wach?“. Das heißt, vielleicht auch nur in der Medienblase, aus deren Inneren heraus er im leider auch lustigen Verachtungston erzählt wird. Es war zum Schluss so, dass plötzlich selbst die Selbstzerlegung von Mathias Döpfner via „Zeit“ und seiner geleakten, brotdummen Mails und Whatsapp-Nachrichten über „die“ Ostdeutschen und die Welt wie ein PR-Booster und letzter Freundschaftsdienst erschienen ist. Doch dazu später mehr. Der Hype jedenfalls hieß auch: die harte Tür des Verlags, der „wirklich“, keine Vorabexemplare für niemand versenden wollte – vor Mittwoch, 19. April, 10 Uhr, als die versprochene Datei tatsächlich auch aufgeplingt ist.

Fragt sich dann halt nur, wie seitenüberlaufende Wochenzeitungsrezensionen geschrieben werden konnten, vor Redaktionsschluss: Dienstagabend? Und wie das denn dann sein kann, dass um 18.21 Uhr am Mittwoch 10.000-Zeichen-Texte, acht Minuten Lesezeit, darüber erschienen sind, online, klar – als man selbst noch an dem Satz laborierte: „Ab einem gewissen Alter kleiden sich Männer immer so wie in dem letzten guten Jahr, das sie hatten.“ Und als man selbst – okay, kein schneller Leser – ungefähr auf den Seiten 204 und 205 von 380 feststeckte und die Schlusskonferenz gleich begann.

Nächtliche Nachrichten des Chefs

So berichtet auch das Drumherum etwas von der Medienwelt, in der jetzt Kritik verlivetickert wird. Der Roman selbst lässt sich, wenn man so will, auch als Sachbuch lesen, das als solches natürlich superschnell verboten werden würde. Atemraubend gut fängt es an, mit einem „Du“-Bericht, der Erzählung aus der Perspektive zweite Person, Singular. Ausgangsperson ist eine Boulevard TV-Sender-Praktikantin. Sie ist ganz beseelt von den Korrumpierungsmaßnahmen ihres Chefs.

„Und dann fragt er dich, ob er dir den amerikanischen Botschafter vorstellen darf.“ „Tisch im Borchi?“, Chicken-Wings mit Ketchup im Büro während draußen „alle herumhassen“, Mitnahmegelegenheit zur Papstaudienz erwünscht? Die Kette an seinem Hals, geschmiedet aus einer Fahrradkette, die er „in einem ausgebrannten Waisenhaus in Syrien“ fand. „Ziemlich süß“ denkt es in ihr, wenn er sich bei ihr einschleimt, weil er halt zehn Minuten später „wieder einen Bundesminister am Telefon zusammenscheißt“.

Der Roman schwenkt dann um an den Pool des Hotels Chateau Marmont, der Backstagebereich von Hollywood, L.A., und zum Ich-Erzähler. „Der ovale Pool leuchtete absinthfarben, ließ den Zitronenbaum schimmern, der sich über das Wasser beugte wie jemand, der nach einem schlafenden Kind sieht.“ Alles so hell. Dass das Hotel die Polsterauflagen der Liegen von blau-weiß auf ziegelrot gewechselt hat, wird als Skandal empfunden.

Kommt mit Klarnamen im Buch vor: Elon Musk.
Kommt mit Klarnamen im Buch vor: Elon Musk.

Frühherbst 2017. Im Nachbarbungalow Drew Barrymore. Rose McGowan, die demnächst den Filmproduzenten Harvey Weinstein zu Fall und das System Hollywood ein bisschen zum Absturz bringen wird, drückt ihm ein Buch über Monika Lewinsky in die Hand, über die der Erzähler vor 20 Jahren noch derbe Witze für die Harald-Schmidt-Show riss. Rose hat ihm rätselhaft hineingeschrieben, Lewinsky sei Fall eins. Und er, wenn er kein „Arschloch“ sei, solle auf seine gute Freundin aufpassen, die aus Deutschland, die spät noch Nachrichten von ihrem Chef per SMS erhält, wie sie mitbekommen habe: „Noch wach?“, „Komm, wärm mich Körper an Körper, JETZT“ – dergestalt. Wieder in Berlin, die erzählte Zeit zieht sich bis in das Jahr 2021, ist unser Held im Prinzip 24/7 mit dem Thema beschäftigt.

Stuckrad-Barre erzählt so nah an der Wirklichkeit, vielleicht sogar Wahrheit, dass keine Literaturbeilage der Welt dazwischen passt. Es dreht sich um Sex, Geld, Tragik, jederzeit verfilmbaren „Kir Royal“-Stoff, allerdings einen mit einem knallharten, bösen, ernsten Hintergrund. Identifizierbare Komparsen sind etwa: Ex-„Bild“-Chefredakteur Kai Dieckmann, dem da so ein „Vorfall“ am See nachhängt, von dem – in realiter – kurz berichtet worden ist. Oder Fußballer Jérôme Boateng, dessen Ex sich umgebracht hat, nach einer von der Springer-Presse „choreographierten“ Schlammschlacht, wie das Buch insinuiert. Tech- und Tesla-Freak Elon Musk hat Auftritte mit Klarnamen. Der Podcast, in dem Palina Rojinski mit Stuckrad-Barre die Tarot-Karten gelegt hat, lässt sich sogar nachhören. Dass sich Springer-Konzern-Chef Mathias Döpfner einmal als „Teppichhändler“ beschrieben hat, ist in der „FAZ“ zu lesen gewesen. Vor allem aber ist er, Döpfner, mit dem Stuckrad-Barre länger befreundet war, unschwer als eine der drei handlungstragenden Figuren präsent.

Prüft angeblich rechtliche Schritte gegen das Buch: Ex-„Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt.
Prüft angeblich rechtliche Schritte gegen das Buch: Ex-»Bild«-Chefredakteur Julian Reichelt.

Dazu Ex-„Bild“-Chef Julian Reichelt. Und der Autor selbst, den mit dem Ich-Erzähler unter anderem die Kurzhaarfrisur und die in seinem Bekenntnisbuch „Panikherz“ erläuterte Drogenkarriere verbindet. Gleichwohl wird vordergründig von einem Ich, dem unbenamten Chef eines Boulevard-Fernsehsenders und dessen Chefredakteur, der nur Chefredakteur heißt, erzählt. Von einer komplizieren Dreiecksgeschichte, die zwangsläufig zu kognitiven Dissonanzen führt. Der Senderchef und der Ich-Erzähler sind anfangs noch beste Freunde. Der Chefredakteur wird vom Senderchef – wie Reichelt von Döpfner – stark bewundert. Der Ich-Erzähler hasst den Chefredakteur, diesen „Krawalldödel“, und zwar unbändig. Warum der Senderchef diesen, ihm selbst vorzieht, kann er nicht verstehen.

„Dieser Typ hatte sich politisch doch sehr unangenehm radikalisiert mit den Jahren, war direkt proportional dazu immer fetter geworden, und parallel zu seinem Haupthaar fielen auch seine Sicherungen immer schneller und großflächiger aus, er war so eine Art wirr faselnder Gartenzaunnazi.“ Sehr erschwerend kommt hinzu, dass der Chefredakteur der Absender der zahllosen „Noch wach? Komm, wärm mich, Körper an Körper, JETZT!“-Hilferufe an vorwiegend junge, neue Volontärinnen ist, deren Eignung sich auffällig mit seinen sexuellen Vorlieben zu decken scheint. In Tateinheit ist er – im Buch – dazu ein fieser Macht-Missbraucher.

Erzählen von recht hohem Ross

„Vögeln, fördern, feuern“, hat der „Spiegel“ einmal das Gebaren des damaligen „Bild“-Chefs Julian Reichelt gegenüber ihm untergebenen Frauen beschrieben. Sein Fall, ist schwer anzunehmen, wird in dem Buch quasi eins-zu-eins nachgestellt. Es geht über viele Seiten, und nicht die besten, zweifellos um das sogenannte Compliance-Verfahren, dass der Konzern zu dem Fall aufführte und das Reichelt erst einmal überstand. Und an diesem Verfahren – wie sich wissen lässt – hatte Stuckrad-Barre überraschend einen maßgeblichen Anteil. So kommt es, dass Stuckrad-Barre (der Held), der Autor des stilprägenden Debüts „Soloalbum“ (1998), mit jetzt 48 plötzlich als großer Moralist erscheint. Es ist die eigentlich neue Nachricht dieses sarkastischen Insiderberichts vom recht hohen Ross herunter. Dass der Ich-Erzähler dabei keine Fallhöhe entwickelt, ist dabei schon literaturkritisch angemerkt worden. Held gut, Rest lächerlich und schlecht, auf die Dauer schwierig, echt.

Im Roman jedenfalls wird, wie Stuckrad-Barre auch in der Wirklichkeit, der Erzähler als Freund des Senderchefs zu einer Art Anlaufstelle, Beschwerdezentrum und Belastungszeugentelefon. Für die Frauen, die mit ihrer Rolle als Frischfleisch, später wahlweise Psycho-Else oder Nutte, die den Minirock als „kleinen Dienstweg“ genutzt hat, herumhadern. In Sophia, eine von ihnen, ist er leicht verliebt. Ihre Position ist ausführlich vertreten. Die Story ist dann, mit schlechtem Gewissen zwar, aber doch etwas mühsamer zu lesen. Sogar seinen eigenen Missbrauch mit 19 durch den Regisseur oder Aufnahmeleiter, so genau weiß er das nicht mehr, einer großen Musikshow, klinkt er mehr oder weniger in die Statistik ein. Er inszeniert sich als „Witzeheini“, „lose Bordkanone“, „der betrunkene Onkel am zweiten Weihnachtsfeiertag“, für einen wie ihn ist das eine Wohlfühlposition.

Stuckrad-Barre ist großartig, wenn es darum geht, diese ganzen Machtspielchen, Arschkriechereien und Demütigungschoreographien zu beschreiben: wie ein zweiter Rainald Goetz („Johann Holtrop“) kann er das. Kaum jemand schreibt – „Alder, so sick“ – einen Sound, der sich zeitgenössischer anfühlt.

„Wahrscheinlich stand er morgens mit dem Rasierapparat vor dem Spiegel und dachte: Deutschland rasiert sich gerade das Gesicht“, schreibt er über den Chefredakteur/Reichelt. Noch jemand, der Leute so lächerlich machen kann? Man – oder Mann? – ertappt sich dabei, wie man laut los lacht an manchen Stellen. Aber durchgängig ist der lustige Aburteilungs- und Verabscheuungston nicht so richtig haltbar bei dem Thema. „Echt superschwierig alles.“ Besteht halt die Gefahr, dass der Slogan, den sich der Ich-Erzähler und Sophia für eine Verarschungskampagne ausdenken, auch auf den Roman zurückfällt: „Missbrauch, L.O.L.“ – lach, laut. Und apropos nicht lustig: Ex-Bild-Chef Julian Reichelt soll angeblich rechtliche Schritte gegen den Roman prüfen.

Lesezeichen

Benjamin von Stuckrad-Barre: „Noch wach?“, Kiepenheuer & Witsch, Köln; 384 Seiten, 25 Euro.

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