Kaiserslautern
Neuer Schauspieldirektor stellt sich mit Shakespeare vor
Shakespeares Komödienklassiker aus dem ausgehenden 16. Jahrhundert ist ein Dauerbrenner auf Laien- wie Profibühnen. Dementsprechend oft wurde es mehr oder weniger krassen Interpretationen und Bearbeitungen der vier ineinander verflochtenen Handlungsstränge unterzogen. Etwa als bluttriefende Horrorstory von Michael Thalheimer am Münchener Residenztheater oder gar als Musical von Herz-Schmerz-Sänger Heinz Rudolf Kunze („Dein ist mein ganzes Herz“).
Stephan Beer steht mit seinem Anliegen, das Stück aus der heutigen Perspektive zu erzählen, also in einer langen, mal guten, mal weniger zielführenden Tradition. Und auch er begreift den Text dabei als Vorlage, aus der er eine zeitgemäße Geschichte destilliert. Um Liebeswirren dreht sich diese natürlich, um Lug und Trug, aber auch um Geschlechteridentitäten und die Lebenswirklichkeit einer jüngeren Generation.
Ab geht’s im Club
Und so hat der 46-jährige Regisseur zusammen mit dem bewährten Bühnenbildner Thomas Dörfler Shakespeares Zauberwald kurzerhand in einen Industriehallen-ähnlichen Technoclub verwandelt. Zwischen Beatgewummer und Nebelschwaden treiben dort die Geisterwesen um Oberon und Titania ihr Unwesen, sprich: verführen sie die Erdenbürger der feinen Athener Gesellschaft. Der Musiker Jan S. Beyer verleiht der Bühne mit Keyboards, Elektronik und vor allem seinem Schlagzeug nicht nur authentisches Club-Gepräge; er schafft daneben dezente Atmosphären, etwa wo es um die magisch-mystischen Züge der Handlung geht.
Die Übertragung der zauberischen Elfenwelt auf die psychedelischen, trancegeschwängerten Clubsphären darf man also durchaus als gelungen bezeichnen. Und dass aus altgedienten Elfen in unseren Tagen abgefahrene Fantasygestalten werden, wie sie sonst eher durch einschlägige Filme geistern, liegt ebenso nahe. Kostümbildnerin Kristina Böcher hat dabei ihrer Phantasie freien Lauf gelassen und schafft so mal anmutige und mal richtig eklige Wesen zwischen Himmel und Hölle.
Kinski winkt aus der Ferne
Doch Beer lässt in seiner Inszenierung neben dem ganzen Horror, der freilich noch dezent daherkommt, die Komödie nicht ins Hintertreffen geraten. Vor allem mit der recht stark gewichteten Handwerker-Handlung, aus der er auch eine Art Prolog wie in Goethes „Faust“ strickt, erzielt er manchen Lacher. Herrlich komisch, wie die Truppe in ihrem Bemühen, ein Laientheaterstück für den Athener Hof einzuüben, heutige Produktionsbedingungen karikiert. Womit wir endgültig beim Personal der Inszenierung angelangt wären.
Ihr ganzes komödiantisches Talent bringen an allererster Stelle die langjährigen Ensemblemitglieder Rainer Furch und Aglaja Stadelmann als Zettel und Philostrat ein. Aber auch Neuzugang Hartmut Neuber spielt auf Augenhöhe: Köstlich, wie er als stets am Rande des Nervenzusammenbruchs befindlicher Theaterimpressario seinen egozentrischen Schauspielstar Klaus Zettel und dessen doch etwas naive Kollegin Philostrat bei der Stange hält. Die Anspielungen auf den dauercholerischen Klaus Kinski und via Kostümierung auf Grünen-Ikone Claudia Roth sind nur einige der vielen Regieeinfälle, mit denen die Inszenierung aufwartet. Am Ende gelingt die Aufführung des komischen Trios, wird das Spiel im Spiel in seiner tragischen Tiefe gar zum heimlichen Höhepunkt der Beerschen Deutung, was mit an der kompromisslosen schauspielerischen Leistung gelegen haben mag.
Empfehlenswertes Experiment
Aber auch das „Restensemble“ gefällt in seinen Rollen: Allen voran Martin Schultz-Coulon in seiner Doppelrolle als Theseus/Oberon sowie analog dazu Maria Schubert als Hippolyta/Titania. Einen recht teuflischen Puck, der seine Nähe zu Mephisto nicht verhehlen kann, spielt Henning Kohne. Aus der Riege der jüngeren Schauspieler, die ihre Liebeswirren und ihr Liebessehnen teils heftig schreiend und umherrennend auf der Bühne ausleben, sticht Paula Vogel als Hermia heraus. Neben ihrem eindringlichen Spiel beweist sie auch noch großes sängerisches Talent. Die Besetzung der Helena mit Philipp Adam, der doch arg burschikos rüberkommt, mag historisch zu begründen und im Kontext der aktuellen Debatte um Geschlechteridentitäten auch gerechtfertigt sein. Geschmackssache bleibt sie dennoch. Die Brüche zwischen Alltagssprache und der Diktion der Shakespeare-Zeit fallen dagegen im konzentrierten Spiel aller Akteure nicht weiter auf.
Hätte die Inszenierung auch an der ein oder anderen Stelle noch eine Zuspitzung vertragen (etwa in Pucks diabolischem Triumph) und wären Kürzungen durchaus denkbar gewesen (vor allem in den ausufernden Liebesjagden), so punktet sie letztendlich doch mit Tempo und vor allem mit Witz. Es bleibt der Eindruck eines trotz der fast dreistündigen Spieldauer (mit Pause) kurzweiligen Abends, empfehlenswert vor allem für ein jüngeres Publikum, das die Premiere denn auch in ansehnlicher Anzahl bevölkerte. Für konservative Theatergänger mag diese Inszenierung dagegen eher unter der Rubrik Experiment laufen.
Termine
Am 28. Oktober, 2., 4., 8., 12., 17. November, 9. Dezember; Karten unter www.pfalztheater.de und 0631 3675-209.