Kultur Nach dem Regen

Im slowenischen Socatal scheint nicht immer die Sonne.
Im slowenischen Socatal scheint nicht immer die Sonne.

Sabine weiß nicht mehr, wie sie sich setzen soll. Bei Heilbronn war es noch ein leichtes Ziehen in den Hüften, hinter Augsburg schon ein pulsierendes Pochen. Jetzt, kurz vor Salzburg, ist der bohrende Schmerz einfach immer da, ganz gleich, wohin sie ihr Gewicht verlagert. Da gibt es auf dem Rücksitz eines Motorrades nicht viele Möglichkeiten. Ein paar wenige Winkelgrade nach rechts, links, vor und zurück – fertig. Ihre Arme hat sie um Bernd geschlungen, seinen voluminösen und, wie sie findet, irgendwie vertrauenserweckenden Bauch. Sein breiter Rücken blockiert den Blick nach vorne. Ihrem Mann, denkt sie, macht das alles nichts aus, der ständige Wind von vorne und Lärm von überallher, diese eigentümliche Enge im eigentlich Freien. Er ist offenbar in seinem Element. Erste Tropfen explodieren auf ihrem Visier. Schaut sie nach rechts, zum Gebirge hin, ist es, als würde eine unsichtbare Krähe ihr in den Nacken picken. Dort zwickt’s nun also auch. Von ihrem Hintern ganz zu schweigen. Die Alpen sind nicht zu sehen, so tief hängen die Wolken. Wenn es nach Sabine gegangen wäre, dann hätten sie den Zug nach Slowenien genommen. Oder wären geflogen, bis in die Hauptstadt, diese entzückende Puppenstube von einer Hauptstadt, und von dort mit dem Mietwagen weiter. Es war aber nicht nach Sabine gegangen, nicht nur. Es ging nie nach dem Willen des Einzelnen, das war ja gerade der Witz. Oder „das Schöne“. So auch dieser Urlaub, der erste ohne die Kinder. Gar nicht leicht, ihre Urlaube aufeinander abzustimmen im Institut und in der Firma. Im März hatten sie dann beide schweigend auf der Couch gesessen in ihrem Effizienzhaus mit Erdwärmepumpe. Sabine mit dem iPad auf den Knien und Max mit dem Laptop, aus der Küche nur das zarte Schnorcheln der Spülmaschine. Sabine wischte sich durch das Angebot an Ferienhäusern und knabberte dabei an ihrer Unterlippe. Max fahndete nach einer möglichst atemberaubenden Route durch die Karawanken und pfiff dabei manchmal durch die Zähne. Fündig wurden sie gleichzeitig. Bernds Bildschirm zeigte ein verschlungenes Knäuel aus Serpentinen wie verhedderte Wollfäden: „Wir müssen mit dem Motorrad fahren, also wirklich!“ Bei Sabine war eine trutzige Hütte zu sehen, geduckt unter einem Felshang kauernd: „Wir müssen dieses Ferienhaus nehmen, also echt!“, und für einen Augenblick war zwischen ihnen wieder dieses wortlose Einvernehmen gewesen, diese heitere Schwerelosigkeit. Bernd beugte sich zu Sabine hinüber, als wollte er sie küssen, fuhr ihr dann aber mit dem Finger leicht über ihren nackten Knöchel. Gemeinsam hatten sie an diesem Abend noch den angebrochenen Sekt geleert und versucht, bei Google die genaue Lage des Hauses zu ermitteln. Es gab für diese Gegend aber kein Streetview, also gingen sie nach den „Tagesthemen“ ins Bett. Im Garten quietschte die verwaiste Schaukel im Märzwind. Es regnet, als würden sie durch eine Waschstraße fahren. Die abenteuerliche Route durch die Karawanken lassen sie links liegen und nehmen den Tunnel. Immerhin gibt es darin keinen Stau und kein Wasser. Die warme Luft riecht nach Metall und dem Abrieb von Gummi und Diesel und föhnt die Maschine trocken, aber Sabine und Bernd bleiben nass bis auf die Knochen. Und auf der anderen Seite der Alpen, wo sie beide insgeheim auf Sonnenschein und Südlichkeit gehofft hatten, schüttet es einfach weiter. Bei Kranj denkt Sabine nicht zum ersten Mal auf dieser Fahrt, dass sie zu alt ist für diesen Mist. Aber erstmals gestattet sie sich diesen Gedanken, ohne sich zu schämen. Zu alt. Während sie döst, tritt dieser Gedanke beiseite und macht Platz für einen anderen. Wohin sind sie eigentlich unterwegs, in diesem ersten Urlaub ohne die Kinder? Zueinander? Zurück in die Jugend? Hinter hellgrauen Schauerschwaden treibt Ljubljana vorbei, das Bernd beharrlich Laibach nennt, worüber Sabine sich ärgert. Sabine findet es unhöflich, „Posen“ statt „Poznan“ oder „Schtraaßburg“ statt „Strasbuhr“ zu sagen, worauf Bernd sie immer grinsend korrigiert: „Du meinst nicht unhöflich, du meinst revanchistisch.“ Bei Postojna hört sie Bernd fluchen, dann fährt er unter einer Brücke rechts ran. Das wasserdichte Navi, extra für die Fahrt gekauft, scheint doch nicht ganz so wasserdicht gewesen zu sein. Der Bildschirm flackert und flirrt. Es ist, als würde die Landschaft, durch die sie fahren, mit dem Verschwinden ihrer digitalen Darstellung selbst verschwinden. Bernd lässt Schultern und Kopf hängen, was umso dramatischer aussieht, weil er noch seinen Helm trägt: „Wie sollen wir denn jetzt dieses verdammte Kaff finden, bitteschön?“ Als sie die Straßenkarte aus der Klarsichthülle im Tankrucksack gezogen haben, ist sie ebenfalls schon völlig durchnässt. „Wir sind schon … hier!“, stellt Sabine fest und deutet auf Postojna, das sich unter ihrem Finger auflöst. „Ah, Adelsberg!“, fügt Bernd hinzu. Sabine kann nicht erkennen, ob er wirklich lächelt oder nur den Mund verzieht. Seine Brille ist beschlagen, anstelle seiner Augen nur zwei graublinde Spiegel. Karst ist schrundiger Fels. Durstiges Gestein, durchgurgelt von unterirdischen Flüssen. Die Wirbelsäule des Balkan, denkt Sabine und schaukelt leicht von links nach rechts. Die Schmerzen im Rücken sind kaum mehr auszuhalten, als sie endlich die Geröllpiste hinauf nach Podpec finden. Podpec heißt einfach nur Podpec, einen deutschen Namen gibt es nicht, auch wenn Bernd es scherzhaft „Pottbach“ nennt. Neben dem Brunnen auf dem verwaisten Dorfplatz klappt er den Seitenständer raus, steigt von der Maschine ab und geht, das Handy am Ohr, im Nieselregen steifbeinig hin und her. Sabine sieht mit zärtlicher Schadenfreude, wie er stakst. Er wird also auch nicht jünger. Ein wenig vielleicht, wenn er lächelt. Aber nicht jünger. Der abkühlende Motor knistert im Nieselregen. Das Sommerhaus ist nicht energieeffizient. Schief und trutzig aber hat die alte Schmiede immerhin der Zeit widerstanden. Sie hat die Venezianer gesehen und die Osmanen, die Habsburger, die Faschisten und die Kommunisten. Nun sieht es die Touristen und macht den Eindruck, als sähe es sie gerne. Die Vermieter haben alles liebevoll hergerichtet, mit alten Werkzeugen und Töpfen aus Bronze, Stickereien und Drucken. Die Fensterrahmen sind fliederfarben gestrichen. Quer durch den Garten gehen armdicke Stahlnetze, falls sich Geröll vom Steilhang darüber lösen sollte. Sabine findet das sehr beruhigend, Bernd lächerlich. Als ihre Klamotten zum Trocknen aufgehängt sind, Leder und Goretex und Plastik auf Kleiderbügeln, Hemden und Unterwäsche und Socken über die Lehnen der Stühle, ist im Haus kein Platz mehr zum Hinsetzen. Also gehen sie hinaus in den dampfenden Garten. Bernd stapft hinauf zum Stahlnetz, von dem er sich eine antennenhafte Wirkung erhofft, und kehrt kopfschüttelnd zurück. Kein Netz, nirgends. Immerhin hat der Regen aufgehört, ganz. Als hätte der Himmel ein Einsehen, öffnet sich nun der Blick auf den silbernen Spiegel der Adria. Sabine denkt, dass es den Kindern hier gefallen hätte. Als sie noch klein waren. Er deutet auf die Verladekräne des Hafens, ganz in der Ferne, unten in der Bucht. „Triest“, sagt er. „Von dort könnten wir nach Venedig fahren, wenn du willst.“ „Mit dem Zug?“, fragt sie. „Unbedingt“, sagt er. Für eine Weile stehen sie schweigend, umgluckert nur vom zärtlichen Geglucker versickernden Wassers. „Lieber nicht“, sagt sie. „Mir gefällt es hier“. Bernd beugt sich zu Sabine hinüber, als wollte er sie küssen. Und dann küsst er sie. Der Autor —Arno Frank, 47, arbeitet als freier Journalist unter anderem für den „Spiegel“, „Die Zeit“, den „Deutschlandfunk“ und den „Musikexpress“. Er hat mehrere Bücher geschrieben, zuletzt die autobiografische, von seiner Heimatstadt Kaiserslautern ihren Anfang nehmende Roadnovel „So, und jetzt kommst du“. Ein Sommerhaus hätte er gerne im Tessin. Oder auf Korsika. Die Farbe wäre ihm egal.

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