Kultur Mwangi Hutter im Ludwigshafener Kunstverein: Weltschmerz und Verschmelzung

Kopfüber, übersät mit schwarz-weißen Fingeradrücken, in ständiger Rotation begriffen: Arbeit „Breathed“.
Kopfüber, übersät mit schwarz-weißen Fingeradrücken, in ständiger Rotation begriffen: Arbeit »Breathed«.

Heimspiel der internationalen Kunststars

Venedig, New York, Kairo, Nairobi, Johannesburg, Maudacher Bruch, Ludwigshafen. Das kenianisch-deutsche Künstlerpaar Mwangi Hutter arbeitet an seiner Verschmelzung, lebt in der Pfalz. Und stellt in der ganzen Welt aus. Vergangenes Jahr unter anderem bei der Venedig-Biennale und der Kassel-Athener Documenta. Jetzt zeigt der Ludwigshafener Kunstverein Mwangi Hutters herzschießendes Werk der Einfühlung. Ein Heimspiel mit international relevanter Kunst. „Innocent of Black and White“ heißt die von Barbara Auer kuratierte Schau, die Videos, Sound-Collagen und Malerei versammelt. Im großen Saal des Kunstvereins Dunkelheit und eine traumwandlerisch schwebende Tonspur. Zeitverklungen klingende Musik, darüber liegt Gesang, eine Art autosuggestive Laut- und Wörtermalerei, scheinbar auf der meditativen Fährte eines Nachhalls. Wie ein Keil ragt eine Wand dominant in den Raum. Ein stummes Video läuft darauf. Es zeigt eine wüste Landschaft, eine Dürre mit Rissen. Von Trockenheit stillgelegt krepiert der See, auf dem eine halbnackte Frau, an der Erde klumpt, sich in offensichtlicher Verzweiflung windet. Wie verwundet. Eine Bewertung und weltschmerzaufgeladene Klage ist das Werk „Creepcreature“ aus dem Jahr 2009. Aufgenommen in Kenia, im Osten, wo Blumenfarmen ringsum, das geothermische Kraftwerk, das Klima und die Fischer den Naivashasee immer wieder aussaugen, bis Nilpferde in seinem Morast sinkend verenden. Wie „ein Stück Tier, hilflos gefangen“, habe sie sich auf diesem Terrain gefühlt, schreibt Ingrid Mwangi in einem Katalogtext zu ihrem expressiven Auftritt in der apokalyptischen Landschaft, bei dem Robert Hutter sie gefilmt hat. Die beiden, sie 1975 als Tochter eines Kenianers und einer Deutschen in Nairobi geboren, er gleich alt und aus Ludwigshafen, wohin sie wiederum als 16-Jährige gezogen ist, proben die Symbiose. Als Künstlerpaar und -duo Mwangi Hutter sind sie seit fast zwei Jahrzehnten in der internationalen Kunstszene unterwegs. Mit wachsendem Erfolg. Inzwischen stellen sie in Paris, Kopenhagen, Kairo, Jerusalem Denver, Brüssel, Washington D.C., Las Palmas, Porto, Saragossa, Kansas City und Rio de Janeiro aus. Unter anderem. Vergangenes Jahr waren sie bei den weltweit wichtigsten Schauen zeitgenössischer Kunst dabei, bestritten den kenianischen Pavillon bei der Venedig-Biennale und nahmen zeitgleich an der Documenta in Athen und Kassel teil. Deren Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, ein Star der Szene, ist ihnen schon seit Jahren verbunden. Ingrid Mwangi, nur sie, obwohl mit Robert Hutter unzertrennlich, gilt der Einfachheit halber allein neben Wangechi Mutu als wichtigste Künstlerin Kenias. Dass beide – außer in Nairobi und dem Rest der Welt – schwerpunktmäßig mit ihren schulpflichtigen Kindern am Maudacher Bruch ihr Transitleben zwischen Europa und Afrika leben, ist weniger bekannt. Kennengelernt haben sie sich an der Saarbrücker Hochschule der Bildenden Künste. „Ich komme aus Ludwigshafen“, habe sie sich Robert Hutter vorgestellt, erzählt Ingrid Mwangi bei der Pressekonferenz. Grinst. Und er so, erzählt er jetzt im leicht ergrauten Status, sagte sinngemäß: „Aha. Ich auch.“ Beide studierten damals bei der Video- und Performancekünstlerin Ulrike Rosenbach, ihrerseits eine Beuys-Schülerin. „Zeige deine Wunden“, hatte Beuys, der Kunstschamane und Mitbegründer der Grünen, zu seiner Zeit als künstlerische Losung ausgegeben. Viele Arbeiten der beiden folgen ihr. Oft geht es in den Videos und Performances unter vollem Einsatz ihrer Körper um Identitätsfragen, demonstrative Aktionen, schwarz und weiß, das Zusammenleben, das Politische des Privaten, das unvollständige Aufgehen zweier Menschen in einer Person namens Mwangi Hutter, als sei es ein Vor- und ein Zuname. Interessant, dass ihre beiden Töchter Zwillinge sind. Im Netz, unter der Adresse www.mwangihutter.com, sind sehr viele ihrer seit 1991 entstandenen, teils krassen Arbeiten dokumentiert, in deren Verlauf sie es schnell aufgaben, ihre Urheberrechte auseinander zu dividieren. „Es fiel mir zunehmend schwer, von meinen Arbeiten zu sprechen“, sagt Mwangi dazu, dass sie und ihr Mann zu einer Kunstperson fusioniert sind. Anfangs der Werkschau im Netz jedenfalls baumelt Robert Hutter dabei des Öfteren kopfüber. Einmal droht Ingrid Mwangi, das zu Zöpfen geflochtene Haar an einer Deckenscheibe festgebunden, sich fast zu skalpieren. Hutter lässt sich mit einer Tätowiermaschine traktieren, bis er blutet, Mwangi wird auf dem Rücken geritzt. Für die Arbeit „Neger Don’t Call Me“ flicht sie ihre Dreadlocks zur Gesichtsmaske, eine Schutzgeste der Differenz. Zu sehen sind auch Performances in Nairobi und Johannesburg, die die beiden zu politischen Demonstrationen ausweiten. Einmal läuft Ingrid Mwangi in der Zeit gewaltsamer Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen – ihr Nachname galt damals in manchen Teilen des Landes als Risiko – mit vor die Brust und den Rücken geschnallten Schildern durch Nairobi. Auf dem vorderen steht: „Ich bin ein Mensch.“ Hinten: „Ich bin Kenianerin.“ Ein anderes Mal sorgt sie in der kenianischen Hauptstadt für einen Menschenauflauf, als sie auf die mit Abwasser überflutete Straße eines pulsierenden Stadtviertels tritt. Sie tanzt, sie schreit, schiebt Busse an und attackiert die Umstehenden mit Gesten. Die stieben auseinander. Manche Aktionen, bei denen Mwangi vor allen Leuten mit trillernder Stimme am Rande der Verrücktheit agiert, wirken schon wie eine Mischung aus Exorzismus und Therapie. Irgendwann, sagt sie, habe sie nach einer dieser Aktionen beschlossen: „Ich schreie jetzt nicht mehr.“ Und Hutter ergänzt: „Nachdem wir lange sozusagen unsere Wunden gezeigt haben, haben wir uns gefragt: Wie kann man sie heilen?“ In jüngeren Arbeiten sieht man Mwangi Hutter im Museum rätselhaft und lautstark in sich versunken agieren. Auch wirkt die auf acht jüngere Arbeiten konzentrierte Schau im Ludwigshafener Kunstverein anders als die kleine Retrospektive, die 2011 im Mannheimer Zeitraumexit zu sehen war. Der Titel damals: „Paradise. The Hidden Land“, das Paradies, ein verborgenes Land. Jetzt im Kunstverein gibt es nicht nur pointillistische Mwangi-Hutter-Porträts zu sehen, gemalt mit schwarz-weißen Fingerabdrücken. Das Video „Turqoise Realm“, 2014, das als Triptychon über eine Seitenwand ausgebreitet ist, spielt sogar in einer paradiesischen Szenerie. Zu sehen ist drei Mal dieselbe Bettstatt eines kenianischen Strandhauses mit Ausblick nach draußen. Dann beginnt ein Kammerspiel, in dem die geisterhaft aus sich heraustretenden nackten Körper von Mwangi und Hutter miteinander verschmelzen, unterlegt mit der eingangs erwähnten Tonspur. Zwischendurch hält Mwangi Hutter wie Maria das Jesuskind. Dann trägt sie ihn zum Schlussbild, in dem beide zusammen in einem Stillleben von Blumen und Obst aufgehen wie auf den Gemälden des Spätrenaissance-Malers Giuseppe Arcimboldo. Über sich hinaustreten sozusagen. „Assemble“, 2012, ist ein vertikal dreigeteiltes Video, das sich um den weiblichen Körper dreht, um Erotik, Natürlichkeit, Kreatürlichkeit, so was. Die aufgeschnittenen Hälften eines Granatapfels auf einem Schneidebrett fungieren als Busen, die ganze Frucht ist als bestreichelte Schambedeckung eingesetzt. Auch mit einem Messer wird hantiert, was das Thema Beschneidung aufruft. „Eine sehr feminine Arbeit“, meint die Kuratorin Barbara Auer. Hinter ihr, auf dem Video, das an die andere Seitenwand in Endlosschleife läuft, ist ein mit schwarzen und weißen Fingerabdrücken bemalter Männeroberkörper in Rotation geraten. Kopfüber hängt Robert Hutter im Bild. Er kreist und dreht sich um die eigene Achse, als hätten sich Mwangi Hutter Baselitz anverwandelt. Oder wird hier eine Leere umkreist, die alles beinhaltet, wie es der Sufismus beschreibt? Immer weiter dreht sich der Mann. Und weiter. Meditative Stimmung setzt ein. Nichts passiert, die Zeit aber schreitet voran. Deshalb nicht verpassen. Eine ganz großartige Schau. Die Ausstellung/Kontakt —„Mwangi Hutter. Innocent of Black and White“; bis 22. April im Ludwigshafener Kunstverein, dienstags bis freitags 12 bis 18 Uhr, Wochenende 11 bis 18 Uhr, freier Eintritt, www.kunstverein-ludwigshafen.de —Netzseite von Mwangi Hutter mit ausführlicher Werkschau: www.mwangihutter.com

Ein Werk über Verschmelzung und Vergänglichkeit unter anderem: Videostill aus „Turquoise Realm“, 2014.
Ein Werk über Verschmelzung und Vergänglichkeit unter anderem: Videostill aus »Turquoise Realm«, 2014.
Die Beweinung der Trockenheit: Arbeit „Creepcreature“, 2009.
Die Beweinung der Trockenheit: Arbeit »Creepcreature«, 2009.
Kunst mit Granatapfel: „Assemble“.
Kunst mit Granatapfel: »Assemble«.
Das Ludwigshafener Künstlerpaar Mwangi Hutter.
Das Ludwigshafener Künstlerpaar Mwangi Hutter.
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