Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Mr. Boyle fährt Deutsche Bahn – und es geht nicht gut

Deutsche Realität DB-Lounge: Ausschnitt aus dem Tweet von T. C. Boyle.
Deutsche Realität DB-Lounge: Ausschnitt aus dem Tweet von T. C. Boyle.

Pampig wie ein altes Quark-Schnittlauch-Brot: Der US-Bestsellerautor bespöttelt auf Twitter Zugverspätungen und bekommt eine Antwort.

Immer wieder hilfreich, der Blick von außen auf die Dinge, der die Wahrnehmung weitet. Einem vielfahrenden Gefangenen der Deutschen Bahn zumal, dem gestörte Betriebsabläufe vertraut sind wie – meistens – das eigene Spiegelbild. Heißt, dass die Lautsprecherbotschaften, die über die üblichen Unbilden einer entgleisten Mobilität informieren, die Aufmerksamkeit eines enttäuschungsstabilen DB-Abhängigen nur noch am äußersten Rand erreichen. Diverse Oberleitungsschäden, Zugausfall wegen überraschend eintretenden Sommerwetters; mit einem verspäteten IC angereiste ICE-Zugführer, auf die in Kassel-Wilhelmshöhe gewartet wird – während das Bordbistro schließen musste (die Elektrik!). Solche Sachen. Geschenkt. Ob der Papst katholisch ist, wird auch kaum noch hinterfragt.

Man muss es sogar offen sagen, selbst die öffentliche Klage über das ganz normale DB-Versagen ist durch Allgegenwart ungefähr so interessant wie die eingerissene Nagelhaut einer Einwohnerin von Höhmühlbach oder Niederschlettenbach. Womit wir bei dem zumindest in Deutschland sehr weltberühmten US-Schriftsteller T. C. Boyle wären.

Neulich auf Twitter schrieb Boyle, der die ihm Folgenden mindestens im Rheinland-Pfalz-Takt über alle Lebensentäußerungen auf dem Laufenden hält, über die Erlebnisse während seiner Lesereise in Deutschland. Dazu muss man wissen, dass es der zum Bitterspott neigende Autor hasst, mit dem Flugzeug zu fliegen. Und so kam es, dass Boyle die Deutsche Bahn nahm.

Sein Tweet zeigt eine der DB-Lounge betitelten Hoffnungslosigkeitsoasen für Erste-Klasse-Ticket-Inhaber und Bahncomfortkunden – mutmaßlich im Kölner Hauptbahnhof. Bordeauxrotes Gestühl ist zu sehen. Der Trübseligkeit anheimgefallenes Grünzeug im Hintergrund. Knapp 1000 Likes. „Was für eine Überraschung – der Zug ist zu spät“, heißt es. Und: „Drei Zugreisen in einer Woche und die Deutsche Bahn hat einen perfekten Rekord erreicht: alle drei Züge kamen zu spät an. Ich schätze, sie haben Tipps von den Fluglinien bekommen.“ Boyle scheint ernsthaft davon überrumpelt gewesen zu sein, dass die DB die nach Japan ausgewanderte urpreußisch-deutsche Sekundärtugend Pünktlichkeit nicht beherrscht. Der notorische Bahnkunde denkt sich derweil: und weiter? Drei Züge zu spät, Rekord, lächerlich. Was uns Dauer-Leidtragende vielmehr überrascht, ist, dass ihm von der DB-Öffentlichkeitsarbeit postwendend (!) geantwortet wurde. Und zwar pampig wie das vegetarische Bordbistro-Vollkornbrot mit Schnittlauch-Quark-Aufstrich am Ende des mit 160 Minuten Verspätung außerplanmäßig in Hamburg-Harburg endenden ICE von Zürich nach Kiel.

„Lieber Mr. Boyle, wir tun alles, damit Sie Zeit zum Schreiben haben“, schrieb man ihm in den Tweet. Bei V. I. P.-Kundschaft reagiert die Bahn offensichtlich etwas feinnervig auf Kritik. Ähnlich erlebt bei der Klimaaktivistin Greta Thunberg, die es auf der Heimreise nach Schweden wegen eines ausgefallenen ICE auf den Gangboden des nachfolgenden Zuges verschlagen hatte. Auf ein davon im Netz kursierendes Foto hin, wurde sie verärgert darauf hingewiesen, dass sie schließlich auch Teile der Fahrt auf einem Sitzplatz zugebracht habe. Was will man auch mehr erwarten von einem Unternehmen, das Hartmut Mehdorn und drei CSU-Verkehrsminister hinter sich hat? Unsereins jedenfalls wurde noch nie solche, wenn auch zweifelhafte Aufmerksamkeit zuteil. Stattdessen horten wir „Lieblingsgast“-Kekse für die nächsten drei Atomkriege. Dankbar ist allerdings auch, dass unsere avancierteren Problemlagen eh die Möglichkeiten der DB-Dichter überfordern würden. Etwa die Push-Benachrichtigung zuletzt, 12.35 Uhr, dass der verspätete Zug, in dem man doch leibhaftig saß, Abfahrt 8.32 Uhr, ausgefallen sei. Tastend begriff man sich unterwegs in einer DB-Parallelwelt. Mr. Boyle, könnten Sie übernehmen?

Ausschnitt aus dem Tweet von T. C. Boyle.
Ausschnitt aus dem Tweet von T. C. Boyle.
T.C. Boyle
T.C. Boyle
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