Kultur Mitternachtsmusik in Madrid

Die Barock-Welle in der Klassik-Szene sorgt glücklichweise auch dafür, dass lange vergessene Musik der Generalbasszeit wieder in den Blick kommt. Beim jüngsten Konzert in der BASF-Reihe „The Big Four“ stellte Andreas Staier mit dem Orquestra Barroca Casa da Música aus Porto im Ludwigshafener Feierabendhaus Werke des 18. Jahrhunderts aus und zu Spanien und Portugal vor.
Gemessen am derzeit höchst trüben Zustand der EU war zumindest musikalisch der Barock eine goldene Zeit des regen Austauschs in Europa. Es gab zwar starke Nationalstile und gewiss Kontroversen um deren Vorrang, aber eben auch einen lebendigen Austausch von Musikern und Stilen. Auch auf der iberischen Halbinsel wurde auf hohem Niveau Musik gemacht. Neben einheimischen Kräften setzten auch „Gastarbeiter“ prägende Akzente. Der berühmteste war sicher Domenico Scarlatti, der in Portugal und in Spanien wirkte. Dessen Klaviersonaten, von denen er 555 schrieb, waren denn auch ein Schwerpunkt des Programms. Fünf der meist einsätzigen Sonaten spielte Andreas Staier am Cembalo, dazu kamen vier, die der Engländer Charles Avison zu einem Concerto grosso zusammengestellt und bearbeitet hatte. Andreas Staier, Meister auf historischen Tasteninstrumenten aller Art, spielte die Scarlatti-Sonaten – darunter mit Nr. 380 in E-Dur eine der berühmtesten – wunderbar leicht und perlend, aber immer auch rhetorisch brillant und subtil ausgefeilt. Das Orquestra Barroca Casa da Música aus dem nordportugiesischen Porto glänzte als Originalklangensemble von internationaler Klasse, das nicht nur für seine südeuropäischen Mitbewerber eine starke Konkurrenz darstellt. Die Schönheit und Reinheit der Tongebung waren ebenso exzellent wie die plastische Artikulation und erlesene Phrasierung. Sinnlicher Klang, spürbare Spielfreude und delikate Ausarbeitung des Satzes gingen eine glückliche Verbindung ein. So wurde schon zu Beginn der Reiz von William Corbetts Concerto „Alla Portugesa“ voll entfaltet, wenngleich das Stück aus der Sammlung „Le Bizzarie universali“ nicht sehr nach Portugal klingt. Der Komponist Carlos Seixas war Portugiese – und schrieb eine in Charakter und Form individuell geartete, dazu sehr anmutige Musik. Leider ging ein großer Teil seiner Stücke beim historischen Erdbeben von Lissabon 1755 verloren. Die beiden in Ludwigshafen gespielten Cembalokonzerte waren in kongenialem Vortrag eine Werbung für seine Kunst. Am Ende des offiziellen Programm stand ein berühmtes Stück: Luigi Boccherinis Streichquintett „La Musica Notturna delle strade di Madrid“ in einer Fassung für Orchester. Diese Nachtmusik aus den Straßen der spanischen Hauptstadt bietet hinreißende Klangmalereien, die hier in voller Pracht entfaltet wurden. Für den Beifall bedankten sich Staier und das Orchester mit einem Satz aus der „Völker-Ouvertüre“ von Telemann, der den alten und modernen Portugiesen in Tönen porträtiert. Apropos Mitternachtsmusik in Madrid: Der animierende Abend war ja ein reines Instrumentalkonzert, ansonsten hätte unbedingt auch Musik von dem und für den Kastraten Farinelli erklingen müssen. Der war 25 Jahre bei Hof in Spanien tätig und sang unter anderem nächtens für den schwermütigen König.