Alltag
Merkel, Miesmund, Pagenkopf: Wie sich die Gebärdensprache ändert
Sagt das noch jemand, Handy? Das denglisch-schwäbische Anverwandlungswort – hänn di kä Kabel ghätt? – für ein schnurloses Telefon jenseits des historischen iPhones 4. Also, ohne, dass einem schon währenddessen das zeitlose Selbstbild ins Omi- und Opi-hafte verrutscht?
Wie wird eigentlich Smartphone aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt? Intelligentes mobiles Endgerät zum Telefonieren? Die gebärdensprachliche Variante jedenfalls ist, dass aus der ans Ohr gelegten Hand (USA) im „Deutschen“ ein Finger wird, der auf der waagrecht gehaltenen Hand hin und her wischt. Wahr daran ist, dass die meisten mit der technischen Allzeitprothese kaum noch herkömmlich telefonieren. Und ja, es gibt naturgemäß verschiedene Gebärdensprachen, sogar landsmannschaftliche Eigenarten, wobei sich anbietende pfälzische Gebärdendialekte („Jo, geh fort“, „Alla hopp“) dem Autor nicht bekannt sind.
„Sch“ wie Schuh
Fabian Bross aber beschreibt zum Beispiel die in Karlsruhe verbreitete Eigenart, den Begriff Schuh, gestisch-mimisch als „Sch“-Laut anzureißen. Allgemeingültiger – Hochdeutsch? – ist eine Art In-den-Schuh-Schlüpf-Bewegung. Bross, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Linguistik der Uni Stuttgart, hat im „Sprachreport“ (Heft 2/2023) des Mannheimer Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache einen augenöffnenden Text zum „lexikalischen Wandel der Deutschen Gebärdensprache verfasst.
Dabei steht das Telefon dafür, wie die sich wandelnde Ding- und Realwelt neue Vokabeln hervorbringt, neue Lexeme – der linguistische Begriff hallt genauer – wie Telefon, Handy und Smartphone, die sich dann auch in die Gebärdensprache einschreiben.
Es zeigt sich, dass die deutsche Gebärde für unser Handy interessanterweise der amerikanischen für Festnetztelefon (Daumen und kleiner Finger abgespreizt ans Ohr gehalten) entspricht. Das wiederum wird in den USA zweihändig dargestellt – wie zu Zeiten als dieses noch aus einer getrennten Einsprech- und Hörmuschel bestand. Wie Fabian Bross beschreibt, ist manche Gebärde auch hartleibig veränderungsresistent.
Deutschland, eine Pickelhaube
Für Kaffee steht so jetzt die Geste, die die Knigge-konforme Tassenhaltung simuliert, statt die des Kaffeemahlens mit der Hand wie anno – wann? Derweil erscheinen andere Gesten wie weltabgewandt. Was Deutschland bedeutet etwa, ließe sich eher als Einhorndarstellung interpretieren, der Zeigerfinger ragt aus der geballten Hand mittig über den Kopf hinaus. Das Ganze repräsentiert eine Pickelhaube, eine Kopfbedeckung der preußischen Armee seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Einzige Gegenwartskulanz : die leichte Verschiebung Richtung Kinn, so, dass die Gebärde mit dem Kopf abschließt.
„Phonologisch“ nennt der Linguist Bross die leichte Abänderung, abgeleitet vom Altgriechischen Wort „Ton“. Wobei manche meinen, die Gebärdensprache solle sich weiter von der Lautsprache „der hörenden Mehrheitsgesellschaft“ emanzipieren. Hieße, statt Job als Buchstabe „J“ zu umschreiben, müsste etwas Anderes als verbindlich gelten. Und statt von „Phonologie“ bei der Gebärdensprache würde dann in der Linguistik von „Chereologie“ gesprochen werden. Das Wort stammt vom Altgriechischen „Hand“ her. Schon - die Linguistik ist eine eigene Sicht auf die Welt, in der Gebärden, deren Bedeutung sich mit etwas Fantasie erschließen lässt, „ikonisch“ heißen. Derweil gilt fürs Fernsehen eine Bewegung, die höchstens eine ferne Erinnerung darstellt.
Das Halbkreisgeschlecht
Die großen Drehknöpfe von Apparaten, auf die es abhebt, muss es einmal gegeben haben - irgendwann. Die Gebärde sieht grob aus, Pardon, wie Busengrabschen, wobei es sich bei dieser Art der Interpretation womöglich einen männlich eingeschränkten Blick repräsentiert. Das weite Feld der „politisch-ideologischen“ Diskussionen habe dazu geführt, schreibt Bross, dass Gebärden überdacht worden sind.
Die Gebärde für Frau zum Beispiel, vorher die sexistisch-symbolische Andeutung eines Busens, dann der Handgriff zu einem vorgestellten Ohrring, ist jetzt eine sich nicht gleich erschließende Geste, bei der die Hand mit gerecktem Daumen und kleinem Finger eine dem Uhrzeigersinn gegenläufig Halbkreisbewegung vollführt.
Die Raute ist besetzt
Aus der Bezeichnung für Behinderung, ein beeinträchtigter Arm ist dargestellt, ist die „ikonische“ Nachbildung einer Barriere geworden. Und Jude, in vielen Gehörlosensprachen, auch in der in der Deutschen, als an rassistische Stereotype erinnernde Andeutung einer Nase karikiert, wird nun gestisch mit Schläfenlocken oder einem Bart verbunden. „Sprachpflegerische Bemühungen“ nennt Fabian Bross das in seinem Text. Das heißt nicht immer, dass sie gelingen müssen. Nehmen wir denn Fall von Ex-Kanzlerin Angela Merkel, deren gebärdensprachliche Verkürzung auf den sogenannten „Miesmund“ mit den heruntergezogenen Mundwinkeln in die Geschichte einging. Wenig schmeichelhaft. Allerdings tendieren auch die nachfolgenden Alternativen zur Uneindeutigkeit. Der angespielte Pagenkopf – ihre lange gepflegte Frisur – der sich auf eine reine Äußerlichkeit kapriziert. Und die Gebärde, die in einer Art Merkgeste besteht – Merkel von merken, so in dem Dreh – allerdings auch als Anspielung auf ihren Geisteszustand gelesen werden könnte. Merkel macht es einem auch schwer. Ihr naheliegendster visueller Stellvertreter derweil fällt sowieso aus. Die beidhändig gebildete Raute ist als Gebärde für die Vulva, das sichtbare weibliche Geschlechtsorgan, besetzt.