Kultur
Magier am Pult: Teodor Currentzis dirigiert Schostakowitsch im Mannheimer SWR-Konzert
Mit Glanz und Gloria ist die jüngste Saison der Mannheimer SWR-Sinfoniekonzerte, die erste der Ära des Chefdirigenten Teodor Currentzis, ausgeklungen. Die Beifallsstürme im fast bis zum letzten Platz besetzten Mozartsaal des Rosengartens galten einem aufregenden sinfonischen Koloss des vergangenen Jahrhunderts, Schostakowitschs siebter, „Leningrader“, Sinfonie und ihrer faszinierenden Aufführung durch das SWR-Symphonieorchester unter Currentzis' Leitung.
Musik als Protest gegen Krieg und Gewalt
Zuerst zum Werk. Seine ersten drei Sätze entstanden während der Belagerung von Schostakowitschs Heimatstadt St. Petersburg (während der Sowjetzeit Leningrad) durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Das Finale wurde in Samara an der Wolga (sowjetisch: Kujbyschew), vollendet, wohin die Prominenz der Stadt, darunter Schostakowitsch, evakuiert wurde. Dort hatte auch die Uraufführung stattgefunden, bevor das Werk, ausgehend von England und den USA, seinen Internationalen Triumphzug antrat.
Die Sinfonie, die als einziges Stück auf dem Programm des Mannheimer Konzerts stand, ist flammender, tönender Protest – mit stellenweise über weite Strecken bis zur Wildheit gesteigerten Klanggesten gegen kriegerische Barbarei, menschenverachtende Grausamkeit und mörderische Rohheit. Dementsprechend hat sie die parteioffizielle sowjetische Musikwissenschaft als vaterländisches Epos vorgestellt und als „Eroica“ des 20. Jahrhunderts gerühmt.
Schostakowitsch kritisierte auch Stalin
Bei Schostakowitsch ist allerdings Vorsicht geboten. Er war nämlich hintergründig. In seinen „Memoiren“ deren Authentizität zwar auch bezweifelt wurde, die aber von der Wahrheit nicht sehr weit entfernt sein dürften, steht unter anderem folgende Passage: „Ich empfinde unstillbaren Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat. Nicht weniger Schmerz bereitet mir aber der Gedanke an die auf Stalins Befehl Ermordeten ... Es gab in unserem Land schon zu viele Millionen, ehe der Krieg begonnen hatte … In (meiner) Sinfonie … geht es um Leningrad, das Stalin zugrunde gerichtet hat. Hitler setzte nur den Schlusspunkt.“
Im Westen traf dagegen die „Leningrader Sinfonie“ zuweilen auf scharfe Kritik – etwa von Bartók und Rachmaninow – wegen ihrer grellen Tongesten, ihrer orchestralen Kraftakte, ihrer zügellosen Emotionalität, die gelegentlich vordergründig empfunden wurden, und ihrer Längen. Die vielen bewegenden, unerhört empfindsam ausgehörten stillen Passagen, die kunstvolle mehrstimmige Handschrift und die farbenreiche Klanglichkeit der Partitur sprechen dagegen auf jeden Fall für überaus hohe kompositorische Ansprüche.
Teodor Currentzis zieht seine Show ab
Die erwähnten Piano-Momente wurden jetzt in Mannheim äußerst delikat vorgestellt, bei ganz exquisiter Tonfantasie. Und nicht nur sie. Am Pult der SWR-Orchester agierte ein sinfonischer Zauberer. Dass Currentzis heute zu den weltweit gefragtesten Vertretern seiner Zunft gehört, leuchtete auf Anhieb ein. Dass er exzentrisch wirkt und beim Dirigieren eine ganz eigene Schau (im Einklang mit dem an optischen Reizen sehr interessierten Zeitgeist) abzieht, sei sofort zugegeben. Er waltet aber extrem souverän über den musikalischen Ablauf, der bis ins kleinste Detail höchst exakt und über alle Maßen expressiv geriet. Seine Gestik war frappant beredt, nuancenreich, und bewirkte eine äußerst weit gefächerte Skala der Piano-Schattierungen. Das Ergebnis war ein überwältigendes, vor Spannung berstendes sinfonisches Drama. Dass die Musiker (mit Ausnahme der Cellisten) bei den wuchtigsten Forte-Stellen von ihren Stühlen aufstehen mussten war nicht unbedingt notwendig, sei aber dem Maestro gegönnt.