Kunst
München: Die vergessene Vielfalt des „Blauen Reiters“
„Kunst kennt keine Grenzen und Völker, sondern die Menschheit.“
Da waren ein paar junge Leute, die aufs Land zogen und die Kunst völlig neu erfanden. Da waren die starken, positiven Farben, die Reduktion auf klare Formen – und schon hat man den „Blauen Reiter“ gefasst. Dieses simple wie bestechende Profil ließ die Künstlervereinigung zur weltweiten Erfolgsmarke werden, und wenn irgendwo Gemälde von Marc, Macke, Kandinsky oder Münter ausgestellt werden, dann stehen die Menschen im Normalfall Schlange. So einfach ist das, aber auch so verkürzt. Zumal die gar nicht nebensächliche Gruppendynamik bislang eher mit Dokumenten als mit Kunstwerken erörtert wurde, und künstlerische Revolutionen gemeinhin doch von mehreren angezettelt werden.
Blättern im berühmten Buch
Damit verfolgt man am Münchner Lenbachhaus freilich keinen komplett neuen Ansatz. Über die Jahrzehnte wurde der „Blaue Reiter“ mit immer weiteren Facetten präsentiert und das Spektrum genauso auf die kaum bekannten Mitglieder und Sympathisanten der Künstlervereinigung erweitert, die Frauen entdeckt, die Vorgeschichte oder der theoretische Hintergrund beleuchtet. Allerdings in zeitlich begrenzten Einzelausstellungen. Doch nun hat vieles davon Einzug in die neu konzipierte Dauerschau gehalten. Und das ist in dieser abwechslungsreichen Fülle schwerlich zu überbieten.
Hinzu kommt die konsequente Besinnung auf den Almanach von 1912, diese vielleicht wichtigste programmatische Schrift der Kunst des 20. Jahrhunderts, die unter anderem die eurozentristische Perspektive verließ, lange bevor das zur Forderung einer global agierenden Kunstszene werden sollte. Nun liegt der Almanach in aufwendigen Faksimile-Ausgaben in den Schauräumen aus, man darf tatsächlich durchblättern, und vieles aus diesem Sammelwerk sowie den vorbereitenden beiden Ausstellungen der „Blaue Reiter“-Redaktion ist im Original zusammengeführt.
Sensation aus Paris
Dass zum Beispiel Henri Rousseaus um 1905 gemalte „Hochzeit“ aus den Pariser Musées d’Orsay et de l’Orangerie für ein paar Monate und hoffentlich darüber hinaus in München hängen wird, ist eine kleine Sensation. Genauso sind die im Almanach gedruckten Bilder und Partituren Arnold Schönbergs aus Wien gekommen – Wassily Kandinsky und Franz Marc haben den malenden Komponisten sehr verehrt. Das New Yorker Guggenheim Museum entließ Robert Delaunays „Die Stadt“ von 1911. Und auch am Münchner Museum Fünf Kontinente gab man sich ausgesprochen großzügig.
Der Almanach ist schließlich gefüllt mit Ethnografika aus Bali, Gabun, Polynesien, Sri Lanka oder Mexiko – Problematisches wie Benin-Bronzen oder der gerade erforschte „Blauer Reiter“-Pfosten aus Kamerun sind nicht dabei – und genauso mit Hinterglasmalerei, Kinderkunst, japanischen Tuschzeichnungen oder einer ägyptischen Schattenspielfigur, die die erstaunliche Weitung des Kunstbegriffs erfahrbar machen.
Frauen können mehr als Kaffee kochen
„Das ganze Werk, Kunst genannt, kennt keine Grenzen und Völker, sondern die Menschheit“, formulieren es Kandinsky und Marc im Almanach. Das ist sicher die radikalste Haltung dieser Künstler, und erst heute beginnt die über 100 Jahre alte Utopie im Museums- und Ausstellungsbetrieb partiell Realität zu werden.
Unabhängig davon, dass den Almanach-Autoren der kolonialistische Kontext vieler dieser Objekte gar nicht bewusst war, bleibt das Konzept des „Blauen Reiter“ ein höchst modernes. Auch wenn seine Mitglieder selbst weder aus den alten künstlerischen Hierarchien ausbrachen, noch die Gattungsgrenzen gesprengt haben. Und in erster Linie der „märchenhafte Kaffee“ von Maria Marc gelobt wird.
Dass da noch mehr ist, Maria zwischendurch kühn komponiert und dazu ein Faible fürs humorvoll Schräge gepflegt hat, auch das kommt jetzt beispielsweise mit den „Tanzenden Schafen“ (1908) aufs Tapet. Und außer der sehr präsenten Gabriele Münter und Marianne von Werefkin sind es noch weitere Frauen, die im Dunstkreis des „Blauen Reiter“ zur Hochform aufliefen. Erma Bossi etwa überzeugt mit einer Zirkusszene und die völlig aus der „Reiter“-Geschichte gefallene Russin Elisabeth Epstein mit eindringlichen Selbstporträts.
Ewige Querelen und ihre Folgen
Sie sind neben Arbeiten von Albert Bloch, Heinrich Campendonk, Alfred Kubin, Wilhelm Morgner, Wladimir Burljuk zu sehen – übrigens im Hauptraum, der früher Sammlungshöhepunkten wie Marcs „Blauem Pferd I“ oder Mackes „Zoologischem Garten“ vorbehalten war. Nun leben hier die beiden Ausstellungen der Almanach-Redaktion wieder auf: Ende 1911 in der Galerie von Heinrich Thannhauser und nach heftiger Kritik dann 1912 bei Hans Goltz.
Beide Präsentationen waren eine Antwort auf die ewigen Querelen in der Neuen Künstlervereinigung, die Münter, Kandinsky und Marc Anfang Dezember 1911 verlassen hatten – kurz bevor es zu Handgreiflichkeiten gekommen wäre. Doch man muss froh sein um diesen Eklat. Wer weiß, was sich im Vereinsgemeier abgeschliffen hätte oder gar nicht erst ausprobiert worden wäre.
Sich in dieser historisch kritischen Neueinrichtung wieder auf die Anfänge zu besinnen, hat gerade beim „Blauen Reiter“ etwas ungemein Anregendes. Denn die eingefrästen Vorstellungen erfahren eine beträchtliche Erweiterung. Erstaunlich viele Stile und Typen haben unters Dach dieser Vereinigung gepasst. Das vermitteln 650 Objekte, von denen ein Gutteil bislang verborgen war.
Die Ausstellung
„Der Blaue Reiter. Gruppendynamik“, bis 5. März 2023 im Lenbachhaus, dienstags bis sonntags 10 bis 18, donnerstags bis 20 Uhr, Information zum Besuch auf www.lenbachhaus.de