Kultur Möbelmesse: Die Wohnung wird Installation
Moos an den Wänden. Ein erdnussförmiger Roboter hilft beim Einschlafen. Die Badewanne ist mit schimmelresistentem Stoff bezogen. Im Raum, der sich früher Wohnzimmer nannte, glimmt eine Feuerstelle aus orangefarbenen Lichttuben. Bei der Kölner Möbelmesse geht es einmal mehr um, was der Philosoph Martin Heidegger als „Grundzug des Seins“ definierte: das Wohnen. Jetzt. Und später vielleicht. Ein Rundgang.
Alles schon gesehen? Auch einen Stuhl aus mit Druckluft aufgeblasenem Lederpergament? Symbiotisches Mobiliar, bei dem der Tisch auskragt und sich einem aus der Tischplatte mitfühlend zwei geknickte Tischbeine auf die Schultern legen? Die zugehörige Tischlampe ist auch ein Hut. Die „Pure Talents“ mit frisch erlangtem Uni-Abschluss, die in Halle zwei ausstellen, können sich noch austoben. Sonst geht es bei der imm cologne um Business. Um Imagegewinne, Aufmerksamkeitsökonomie, Markenillumination. Wie der westliche Mensch von gerade jetzt seine sozialmedial erwünschte Ich-Ausstrahlung mit Einrichtungsgegenständen bewirtschaften kann. Den Trost der Dinge. So was. Eine Möbelmesse ist auch ein Feld der Erkenntnis. Bisher etwa glaubte, wer in seinem Eames-Sessel ausgestreckt lag, mit After-Eight-Zugriff auf dem Eileen-Gray-Beistelltisch, dass Möbel das Dasein mitbestimmen. Umgekehrt weniger. Man dachte doch, dass irgendwo in den höheren Sphären der Bewusstseins- und Verführungsindustrie einige Jemande ultraviolett und moosgrün als Farbe des Moments lancieren. Oder, dass jetzt wieder Eichenfurnier als Vertäfelung an die Wand getackert wird wie im TuS-Irgendwas-Sportheim der 1970er Jahre. Und davor platziert ein verspiegeltes Sideboard mit steuerbarer LED-Beleuchtung. Dabei sind die Strömungen des Haben-Müssens, der anhaltende Hang zur Marmorierung des Wohnumfelds etwa, wie beinahe alles, was inzwischen unsere sterbliche Existenz definiert, aus Suchmaschinenanfragen generiert. Der Kommentarfunktion bei Instagram entlehnt, oder Facebook-Posts. Wenn Pinterest, auch so ein soziales Medium, meldet, das Interesse an Nachttischen sei 2017 um 721 Prozent gestiegen, sorgen auf die Auswertung solcher Daten spezialisierte Trendagenturen, dass entsprechende bettnahe Ablagen, lange Zeit ein Hauptrequisit von Spießigkeit, verstärkt auf der Möbelmesse 2018 stehen. Dito hat das ubiquitäre Vorkommen dicker Hölzer und dünnem Metall, das bei Garderobentischen und so weiter Verwendung findet, seinen Urgrund. Dass man es schön findet und zeitgemäß, dass die schmalen Stäbe im via iPad gedimmten Lichtschein grafische Zeichen ins Interieur zeichnen. Das digitale Leben jedenfalls, das viel beschworene Dasein in widerspruchsfreien Blasen, schreibt sich wie eine Google-Anfrage rückkoppelnd in das Mobiliar ein. Und so wieder in das Leben. Die Nachfrage nach handschmeichelnden Möbeloberflächen wie Samt, Mohair, rauem Holz, Segeltau rührt ganz handfest, wie die Trendforscherin Guy Herder im „Schöner Wohnen“-Interview erklärt, daher, dass unser Fingerkuppenprofil abnimmt. Vom vielen – im Durchschnitt 1276-mal täglich – Wischen über die Oberflächen unserer Smartphones und Tablets. Bestimmt lässt sich auch der vorherrschende Großtrend zu einer die Komplexität draußen abfedernden, aufgeklärten Gemütlichkeit, ob jetzt „Hygge“, „Slow Living“ oder Heitetei genannt, aus irgendwelchen Algorithmen des Daseins erklären. Genauso, dass viele Lebenswirklichkeitsmöblierungen gleichberechtigt nebeneinander Gültigkeit reklamieren – bis hin zu kompletter wohntechnischer Ignoranz. Die mit zwei Stühlen, einem Kaffeetisch und rot leuchtenden Beerenzweigen in einer Vase inszenierte Reizarmut auf Echtholzparkett, neben dem „Boho“-Stil genannten Hang zur Überladung. Mit Kelimteppichen, Diwanen, patinierten Ledersesseln, Decken aus Peru, Rattan-Hockern aus Indien, Sofa-Überwürfen mit Grünpflanzen. Oder Teile wie das Sofa Gliding (Hersteller Richard Lambert), das sich leicht wippend der Hollywoodschaukel annähert. Das Mobiliar für draußen, das für drinnen geeignet ist. Und umgekehrt. Die Begrünung der Innenräume, mit Moos für die Wände sogar, in Wäldern geerntet, gewaschen, konserviert und mit Lebensmittelfarbe getönt (Moosmanufaktur Freund). Eine Badewanne (von Bette) mit schimmelabweisender Textilaußenhaut. Die vielen Neuauflagen von Klassikern wie dem Kunststoff-Freischwinger von Verner Panton (1926 bis 1998), vor 50 Jahren in Köln vorgestellt und jetzt bei Vitra auch in Chrom-Lackierung oder mit blauen Nachtleuchtpigmenten zu kaufen. Das von Jungstardesigner Sebastian Herkner für die Winnweilerer Firma Schramm Werkstätten entworfene Boxspringbett „Ono“. Mit hoher Rückenlehne, in die verstellbare Kissen eingelassen sind, lassen sich darin aufrecht sitzend kurz vor Augenverschluss noch einmal die Mails checken. Und wer danach nicht einschlafen kann, wiegt den Schlafroboter der Firma Auping. Ein erdnussförmiges Kissen, das mechanisch die menschliche Atmung simuliert, oder wahlweise Meditationsmusik oder Herztöne ausstrahlt. Die Theorie der Stunde hat der Kultursoziologe Andreas Reckwitz geschrieben. In seinem Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ (Suhrkamp Verlag) wird die These vertreten, dass der Mensch heute vor allem besonders sein will. Erkenn- und bewertbar eigen. Der Durchschnittsbürger ist das Negativbeispiel. Jede/r wird zum „Kurator“ seiner Biografie, versessen auf – durch Leistung, Erfolg, Einzigartigkeit erzielte - „Gefällt mir“-Klicks. Viele Trends auf der Möbelmesse lassen sich daran anschließen. Tradition, viel Wärme und eine ganz große Portion Ich, so definieren die sachverständigen Expert/innen die Möbelkauf-leitenden Interessen der Konsumenten. Die Geltungsdauer dessen, was en vogue ist, hätte sich durch den Selbstdarstellungsdruck auf YouTube und sonst so von sieben auf drei Jahre verkürzt. Wohnungen sind mittlerweile Ich-Installationen, wie das lichtgeflutete „Haus“, das die Designerin Lucie Koldova für die Möbelmesse inszeniert hat. Eine Modellwohnung ohne Kochstelle, dafür mit beleuchteten Vitrinen zur Präsentation von High Heels. Aber auch in Ben-Normalverbraucher-Wohnungen mutieren Wände langsam aber sicher zu Galerie-haften Ausstellungsflächen für exklusive Wandobjekte. Das String-Regal ist Ablage für autobiografisch patinierte Siebensachen, die eine Geschichte erzählen. Es will einfach keine/r mehr das genau Gleiche haben, wie die/der andere. Oder wenn schon, dann in anderen Zusammenhängen arrangiert. Für Ästheten ist das gut. Für Stil-Legastheniker oder anderweitig Begabte werden kompensatorisch immer mehr variable Komplettlösungen angeboten. Bei Tonon etwa ein Stuhl, bei dem Rückenlehne und Sitz zurechtgebogen und zusammengesteckt werden. Das Ausgangsteil sieht ausgelegt aus wie ein Rochen. Der obere Teil wird in Stoff oder Leder und in vielen Farben ausgeliefert, sodass man sich wenigstens farblich vom Endreihenhausnachbarn abheben kann. Wer Geld hat, leistet sich die konstruktivistisch geknickte Marmorliege des Architekten Hadi Teherani (Firma Draenert). Für 82.000 Euro, die Auflage ist streng limitiert. Handwerklich versiert muss sein, wer sich den Designerstuhl „Lounge Chair“ als individualistischen Blickfänger hinstellen will. Die Baumarktkette Hornbach hat ihn in beinahe jeder in Köln ausliegenden Wohnzeitschrift inseriert. Ein Teil aus Multiplex, Messingschrauben und Möbelgurten. Mitgeliefert wird eine Metallplakette, Aufschrift: „Gestaltet von Sigurd Larsen. Gebaut von mir.“ Allerdings reicht er in seiner narzisstischen Verwertbarkeit nicht an ein kluges Haus heran, dessen Möglichkeiten in Halle 4.2 vorgestellt werden. Dank „Biofencing“ weiß es, wie auch immer, schon von Weitem, wer um die Straßenecke biegt. Ist es die/der Besitzer/in, wird das individuelle Begrüßungslicht eingeschaltet. Auch entsprechende Musik ist denkbar. Das wäre es doch. Wagner zum Hallo. Dazu eine Lichtorgel. Halleluja. Der Rest ist Psychologie. Info Die imm cologne auf dem Kölner Messegelände ist morgen (9 bis 17 Uhr) und übermorgen (bis 17 Uhr) für das Publikum geöffnet. Tagesticket: 24 Euro. Im Netz: www.imm-cologne.de